DAV und Großkanzleien

Geschickter Schachzug – mit Spaltungspotenzial

Der Deutsche Anwaltverein (DAV) will im Konflikt mit großen Wirtschaftskanzleien das Heft des Handelns wieder in die Hand bekommen. Ein neues ‚Forum‘ im DAV soll ihnen mehr Gehör verschaffen. Allzu konkret ist der Vorschlag noch nicht, aber der Schachzug könnte die Front der Kritiker aufbrechen.

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Seit Monaten schwelt der Streit zwischen großen Anwaltskanzleien wie Clifford Chance, EY Law, Hengeler Mueller, Luther oder Noerr auf der einen und dem DAV auf der anderen Seite. Er dreht sich um die Frage: Wie sieht die richtige politische Interessenvertretung für Großkanzleien aus? Klar ist, dass sich viele Großkanzleien vom DAV nicht ausreichend vertreten sehen.

Ein greifbares Beispiel dafür ist das Ende der britischen Rechtsform LLP für Kanzleien in Deutschland. Diese auch bei vielen deutschen Sozietäten beliebte Rechtsform ist sang- und klanglos im Zuge der Brexit-Wirren untergegangen, ohne dass sich Berufsverbände ausreichend dazu positioniert haben – so jedenfalls die Kritiker.

Die Drohung, dass sich Wirtschaftskanzleien in einem eigenen Verband zusammenschließen, hat den DAV jüngst auf die Barrikaden gebracht. Danach hat er ihn sinngemäß als kontraproduktiv gebrandmarkt. Und nun empfängt der DAV die Wirtschaftskanzleien mit offenen Armen. Eine erstaunliche Geste. Aber auch eine überfällige, will der DAV den eigenen Verband für Wirtschaftskanzleien in Deutschland noch irgendwie verhindern.

DAV will ein Treffen noch vor Ostern

Die erste Sitzung des ‚Forum für Wirtschaftskanzleien‘ soll schon am 7. April stattfinden. Hier sollen „unsere Kolleginnen und Kollegen aus den Wirtschaftskanzleien ihre spezifischen Anliegen, Expertise und Erfahrungen institutionell unter dem Dach des DAV einbringen“, heißt es in der DAV-Presseerklärung vom 28. Februar. Das klingt sehr weitreichend – wobei ein Detail bei genauerem Hinsehen überrascht. Denn in einem nur wenige Tage zuvor an verschiedene Anwälte verschickten Schreiben von DAV-Präsidentin Edith Kindermann findet sich genau derselbe Satz – allerdings noch ohne das Wort „institutionell“. Doch dieses Wort könnte ausschlaggebend sein.

Institutioneller Einfluss dürfte entscheidend sein

Denn sollte es nur darum gehen, Wirtschaftskanzleien in irgendeinem Gesprächskreis zusammenzubringen, um sich ein bisschen mit dem DAV-Präsidium auszutauschen, werden die Wirtschaftskanzleien dankend ablehnen. Sollten die Interessen der Großen allerdings „institutionell“ im DAV verankert werden, ist die Lage eine andere. Würde der DAV etwa seine Satzung ändern und eine fixe Quote für Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaftskanzleien im Vorstand oder sogar Präsidium vorsehen, hätten diese plötzlich echte Einflussmöglichkeiten.

Doch ob im DAV oder in einem eigenen neuen Verband – ein Haken bleibt: Die Interessen einer mittelständischen Wirtschaftskanzlei mit 50 Anwältinnen und Anwälten, einer amerikanischen Transaktions- oder Litigation-Boutique mit Stundensätzen von 900 Euro oder einer international tätigen Full-Service-Kanzlei mit mehreren hundert Anwältinnen und Anwälten allein in Deutschland dürften recht heterogen sein – auch wenn sie alle das Label ‚Wirtschaftskanzlei‘ tragen.

Gegenwind für den geplanten Verband

Hinzu kommt ein spezifisches Problem des geplanten Verbands, denn in Bezug auf die Initiatoren Prof. Dr. Thomas Wegerich und Stefan Rizor gibt es Gegenwind. Rizor ist als langjähriger Managing-Partner von Osborne Clarke allseits geachtet. Doch nun ist er aus der Partnerschaft ausgeschieden und firmiert bei OC offiziell als of Counsel – aber eben ohne Rückendeckung aus einer Kanzleipartnerschaft. Und Wegerich gilt vielen vor allem als Multifunktionär. Als Herausgeber verschiedener Fachverlage und Magazine sowie als Vorstand unter anderem des Bundesverbands Deutscher Compliance Officer weiß er, wie man sich in der Öffentlichkeit Gehör verschafft. Aber über seine Motivation für die Verbandsgründung ist sich die Szene noch uneins.

Insofern könnte der Schachzug des DAV sich als ein sehr geschickter entpuppen – sowohl inhaltlich, als auch vom Zeitpunkt her.

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