Kommentar

Verluste bei Hengeler: Wenn der Korpsgeist bröckelt

Drei Equity-Partner verlassen Hengeler Mueller binnen eines Monats. Für eine Kanzlei, in der Partnerabgänge historisch die absolute Ausnahme sind, ist das ein Alarmsignal. Nicht die Wechsel selbst sind das Problem – sondern was sie über den Zustand des Korpsgeists im Lockstep verraten.

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Erst wechselte Corporate-Partner Dr. Daniel Möritz zu Freshfields, nun bauen die Prozessrechtler Dr. Philipp Hanfland und Maximilian Bülau für Sullivan & Cromwell eine deutsche Litigation-Praxis auf. Um die Dimension zu verstehen, hilft ein Blick in die Historie: In der gesamten Geschichte von Hengeler sind bislang nur zwei Equity-Partner zu Wettbewerbern gewechselt – Achim Herfs 2016 zu Kirkland & Ellis und Steffen Oppenländer 2017 zu Milbank. Jetzt sind es drei in einem einzigen Monat. Das ist erklärungsbedürftig.

Die Wechsel sind, unmittelbar geschäftlich betrachtet, für sich genommen nicht das eigentliche Problem. Schmerzhafter als der Doppelabgang von Hanfland und Bülau wiegt der Verlust von Möritz – allein deshalb, weil die Litigation-Praxis bei Hengeler so groß ist, dass sie zwei Weggänge verkraftet: Auch nach den Abgängen zählt sie noch ein Dutzend Partner und 100 weitere Anwälte. Bei den Prozessrechtlern ist außerdem nicht abzusehen, dass mit den Partnern auch Mandate abwandern. Das gilt auch für Möritz, der eher Techniker als Akquisiteur ist – ein Anwalt, der stark bei Strategen wie Siemens und der Deutschen Börse, aber auch bei Private-Equity-Investoren positioniert ist, seine prägenden Mandatsbeziehungen zu Strategen aber wesentlich von dem altersbedingt ausgeschiedenen Prof. Dr. Hans-Jörg Ziegenhain übernommen hatte.

Bemerkenswert ist die Struktur der Abgänge: Gegangen sind im Wesentlichen die Kronprinzen – sehr gute junge Partner, die Hengeler gezielt für den Generationswechsel in Stellung gebracht hatte, möglicherweise aber nicht die eigentlichen Rainmaker. Für das operative Geschäft muss das kein Drama sein: Hengeler ist so tief aufgestellt, dass auf einen Kronprinzen der nächste folgt. Gefährlich sind die Wechsel aber für den Korpsgeist. Wenn solche Partner gehen und es „normal“ wird, dass überhaupt Partner die Kanzlei verlassen, muss sich Hengeler möglicherweise resilienter aufstellen.

Denn dieses Signal wirkt nach innen. Der Lockstep offenbart dieselben Schwächen wie bei Wachtell Lipton Rosen & Katz in den USA – ausgerechnet jener Kanzlei, die Hengeler stets als Vorbild anführt. Auch dort läuft derzeit eine beispiellose Abgangswelle: Seit Anfang 2025 haben mindestens neun Partner die Sozietät in Richtung konkurrierender Großkanzleien verlassen. Der Mechanismus ist derselbe: Wettbewerber zielen gezielt auf das reine Lockstep-Vergütungsmodell und locken mit hohen, garantierten Paketen und breiteren globalen Plattformen – dieselben Argumente, mit denen nun Freshfields und Sullivan bei den Hengeler-Partnern erfolgreich waren.

Es ist noch nicht aller Tage Abend. Hengeler bleibt im deutschen Markt exzellent aufgestellt, und drei Abgänge machen noch keinen Exodus. Aber die Entwicklung muss der Kanzlei zu denken geben. Sie wirft die Frage auf, ob sich der Lockstep in seiner reinen Form dauerhaft halten lässt – oder ob es weiterer Schritte bedarf, damit nicht irgendwann alle Dämme brechen.

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