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01.02.2018

Interview zu Bitcoin: „Wer regulieren will, soll auch sagen, warum überhaupt“

Jahrelang war Bitcoin nur wenigen ein Begriff. Ende 2017 änderte sich das schlagartig, als der Kurs in sagenhafte Höhen schoss und Berichte über ‚Bitcoin-Millionäre‘ einen Ansturm auf Kryptowährungen auslösten. Zigtausende Neukunden meldeten sich bei Online-Handelsplätzen an. Für einen Moment schienen alle verrückt zu spielen. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, der Bitcoin-Kurs ist eingebrochen, doch die Frage bleibt: Muss man das Treiben stärker regulieren? Darüber sprach JUVE mit Dr. Frank Zingel von Lindenpartners. Der beschäftigt sich seit Jahren aufsichtsrechtlich mit Bitcoin, unter anderem hat er die Kreditpattform Bitbond im Erlaubnisverfahren bei der Finanzaufsicht Bafin begleitet.

Zingel_Frank

Frank Zingel

JUVE: Sie kennen Bitcoin länger als die meisten Ihrer Mitbürger. Hören Sie nun auf zu arbeiten, weil Sie sich vor Jahren günstig mit Bitcoin eingedeckt haben und stinkreich geworden sind?
Frank Zingel:
Leider nein. Mir hat eine Mandantin sogar vor drei Jahren mal angeboten, mich in Bitcoin zu bezahlen. Aus heutiger Sicht wäre das ein gutes Geschäft gewesen. Aber ich wollte nicht.

Weil Sie dachten, der Bitcoin verschwindet wieder, und Ihr Geld ist weg?
Nein, es war mir einfach zu kompliziert. Wir hätten eine Kanzlei-Wallet einrichten müssen, das erschien damals etwas umständlich.

Inzwischen hantieren Millionen von Otto-Normalanlegern in der Hoffnung auf sagenhaften Reichtum mit Kryptowährungen. Muss man dieses Treiben stärker regulieren?
Dass Politiker und Finanzbehörden weltweit darüber nachdenken, ist kein Wunder. Wer nun eine stärkere Regulierung fordert, muss aber sagen, was er damit meint.

Was wäre denkbar?
Regulierung kann etwa auf den Markt abzielen, also auf die Handelsplattformen für Kryptowährungen.

Wie ist das bisher geregelt?
Die deutsche Finanzaufsicht hat sich bereits 2013 als eine der ersten Behörden klar positioniert: Sie betrachtet den Bitcoin als eine Rechnungseinheit und damit als ein Finanzinstrument im Sinne des Kreditwesengesetzes. Damit gelten die Handelsplattformen als Finanzdienstleister und unterliegen der Solvenzaufsicht der BaFin.

Damit sind die Anforderungen nicht so hoch, wie wenn Bitcoin-Handel durch das Wertpapierhandelsgesetz reguliert würde.
Dann würden zusätzliche Aufklärungs- und Dokumentationspflichten bei der Vermittlung von Bitcoin gelten. Marktplatzbetreiber hätten Handelsregeln aufzustellen und müssten Überwachungsmaßnahmen zur Verhinderung von Marktmissbrauch ergreifen.

Wäre das nicht wünschenswert?
Man muss sich fragen, was man damit erreichen will. Schon durch die Einstufung als Anlagevermittler im Sinne des KWG ergeben sich Organisations- und Compliance-Pflichten. Es ist nicht gesagt, dass das nicht reicht. Letztlich ist das Produkt Bitcoin nicht so kompliziert wie manche strukturierte Produkte am Kapitalmarkt. Aus Anlegersicht ist es eher mit Gold vergleichbar, als mit einem komplexen Hebelzertifikat. So wird es übrigens auch in den USA gesehen: Dort ist nicht die Wertpapieraufsicht SEC für Bitcoin zuständig, sondern die Handelsbehörde für Commodity Futures CFTC.

Auch auf EU-Ebene denkt man über eine verschärfte Regulierung von Kryptowährungen nach.
Ja, aber dabei stehen nicht Handelsplattformen im Vordergrund, sondern Geldwäsche-Prävention. Das meinte ich damit, dass sich hinter der Forderung nach Regulierung sehr unterschiedliche Dinge verbergen können. Der EU-Kommission geht es darum, dass sie weiß oder zumindest herausfinden kann, wer hinter Bitcoin-Transaktionen steckt.

Das kann man ihr nicht verdenken.
Ja, aber ich bin mir nicht sicher, ob hier wirklich so viel im Argen liegt. So sind die Marktplätze als Finanzdienstleister verpflichtet, ihre Nutzer zu identifizieren. Und diese Anonymität, über die viele schimpfen: Es ist sicher aufwändig, aber aufgrund des Blockchain-Prinzips ja gerade nicht unmöglich herauszufinden, wem eine Wallet gehört.

Könnte man Bitcoins auch einfach verbieten?
Ein Verbot würde sich kaum umsetzen lassen, denn wer verbietet, muss bei Verstößen auch sanktionieren können. Es gibt dafür im Falle einer Blockchain aber keinen Adressaten. Dass nicht eine Institution dahinter steht, die man haftbar machen könnte, macht Bitcoin in den Augen vieler überhaupt erst so attraktiv. Es ging ja ursprünglich gerade darum, den Zentralbanken etwas entgegenzusetzen, die beliebig viel Geld schöpfen können, was denknotwendig Inflationsrisiken mit sich bringt.

Kann man im Bitcoin-Boom auch den Vorboten des nächsten Crashs sehen? Die Leute wissen im Zeitalter der Mini- oder Negativzinsen einfach nicht mehr, wohin mit ihrem Geld und kaufen in ihrer Verzweiflung sogar Kryptowährungen, hinter denen überhaupt kein echter Wert steht?
Ich glaube, so grundsätzlich muss man das gar nicht sehen. Das Motiv der meisten Anleger ist doch nicht, dass sie der Zentralbank und ihrer Zinspolitik nicht vertrauen – sondern dass sie vom Anstieg des Bitcoin-Kurses gehört haben und nun auch davon profitieren wollen. Wenn etwas im Wert rasch steigt, wird es auch zum Spekulationsobjekt, das ist nichts Neues. Ich glaube, Kryptowährungen werden einen dauerhaften Platz im Wirtschaftsleben einnehmen. Und die hinter ihnen stehende Blockchain-Technologie weist über Kryptowährungen hinaus und öffnet die Tür zu vielen weiteren Anwendungen.

Das Gespräch führte Marc Chmielewski.

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