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04.06.2018

Besuch bei der Klageindustrie: Vom Sofa aus VW verklagen

MyRight fordert Milliarden von VW, lässt gewaltige Sammelklagen von einem Computerprogramm vorbereiten und sorgt dafür, dass jeder von seinem Sofa aus Dax-Konzerne verklagen kann: Bei dem Internetunternehmen lässt sich besichtigen, wie eine Mixtur aus Idealismus, Geschäftssinn, Legal Tech und Prozessfinanzierung den Markt revolutioniert. Ein Besuch in Hamburg.

MyRight

Jens Hopfer, Sven Bode, Jan-Eike Andresen (v.l.)

Wer MyRight besuchen möchte, muss nach Hamburg-Ottensen fahren. Sven Bode, Jens Hopfer und Jan-Eike Andresen, die Köpfe hinter MyRight, sitzen auf weißen Ledersofas vor einer XL-Tafelwand. Sven Bode, Mitte vierzig, Wirtschaftsingenieur, hat beruflich schon lange mit Abgasen zu tun, doch am Anfang ging es gar nicht um VW. Er promovierte zur „Ausgestaltung des internationalen Klimaregimes“ – und hatte vor zehn Jahren eine Idee, wie er sein Wissen zu Geld machen konnte: 2007, in dem Jahr also, in dem Bosch und Volkswagen die ersten verdächtigen Diesel-Mails austauschten, gründete Bode sein erstes Start-up: Greenmiles.

Vom Ablasshandel zum Abgasskandal

Das Unternehmen verkaufte Klimasündern im Sinne eines Ablasshandels ein besseres Gewissen: Für jeden Flugkilometer, für jede Autostrecke, spendete man an eine gemeinnützige Organisation, die das Geld in den Umweltschutz investierte. Damals legte Bode den Grundstein für seinen späteren Erfolg, weil er ein wichtiges Prinzip erkannt hatte, das lautet: Wenn du massenhaft Daten hast und diese weiterverarbeiten kannst, kannst du dasselbe Muster mit der richtigen Software auf sehr viele Sachverhalte anwenden. Es ist egal, ob es um Flugverspätung, Bankgebühren oder Zulassungsbescheide geht.

Und so geht es heute, elf Jahre nach Greenmiles, in Bodes Berufsleben wieder um Abgase. Doch dieses Mal prozessiert er gegen Europas größten Autoproduzenten. Es ist die Mischung aus Idealismus und dem Sportsgeist der Gründer, Legal-Tech-Erfahrung und der Unterstützung eines potenten Prozessfinanzierers, die nun selbst einen Dax-Konzern wie VW erzittern lässt.

Nirgends zeigt sich so klar, wie Legal Tech den Rechtsmarkt umkrempelt

Greenmiles lief schon ein paar Jahre, als Bodes Jugendfreund Philip Kadelbach, inzwischen Rechtsanwalt, Bode von der EU-Fluggastrechteverordnung erzählte. Ob sich daraus nicht was machen ließe? Aber ja: Kadelbachs juristisches Know-how und Bodes Greenmiles-Erfahrungen waren in diesem Moment ein Perfect Match. „Wir mussten die Greenmiles-Formel nur leicht ändern und konnten berechnen, wie viel Entschädigung einem Fluggast auf einer bestimmten Strecke zusteht, wenn der Flieger Verspätung hat.“ Wieder half dabei die Flugdatenbank und die bewährte Formel zur Berechnung von Flugstrecken. Jens Hopfer, der Informatiker, der heute die IT von MyRight steuert, programmierte das Ganze. Es war die Geburt von Flightright.

Ein Jahr später kam Jan-Eike Andresen, bis dahin Associate bei Watson Farley & Willams, als Leiter des Europageschäfts zu Flightright. Das Ding hob richtig ab. Ende September 2015 kam der VW-Dieselskandal ins Rollen. Heute ist MyRight der größte Anbieter zur kollektiven Rechtsdurchsetzung. Nirgendwo zeigt sich so deutlich, wie Automatisierung nun auch den Wirtschaftsanwaltsmarkt umkrempelt.

Auch Kitaplätze lassen sich vielleicht bald automatisiert einklagen

„Wir können solche Verfahren einfach machen“, sagt Hopfer, „weil es für uns kosteneffizient ist und wir durch die Digitalisierung eine unheimliche Reichweite haben.“ Hopfer freut sich über seine Erfindung. „Früher waren die Leute verunsichert, ob sie überhaupt zum Anwalt gehen sollen. Das fing schon damit an, dass sie nicht wussten, was sie anziehen sollen“, sagt Hopfer. „Heute kann jeder locker auf dem Sofa sitzenbleiben und VW verklagen. Das ist doch geil!“

Sie haben viel outgesourct bei MyRight, auch die Programmierung einzelner Schritte. Sie haben eine Firma beauftragt, die mit ihren Maschinen zehntausende Briefe mit Abtretungserklärungen von VW-Kunden öffnet und die Dokumente für MyRight einscannt. In dem Hamburger Büro arbeiten als Kernteam etwa 30 Leute, viel mehr sollen es auch gar nicht werden. Wenn VW mal irgendwann abgeschlossen ist, können sie die Mitarbeiter schnell auf andere Fälle umschulen. Kitaplätze einklagen zum Beispiel, warum nicht? Das sei doch unmöglich, wie das bislang laufe, schimpft Andresen.

Klageindustrie? Wir doch nicht!

Redet so einer, dessen Unternehmen von manchen als Speerspitze einer schädlichen Klägerindustrie dämonisiert wird? Die MyRight-Leute nervt es jedenfalls, dass auch die neue Justizministerin Katarina Barley (SPD) von einer „Klageindustrie“ spricht. „Wenn ich ihr eine Frage stellen könnte“, sagt Andresen, „dann diese: Die Politik hat mit zu hohen Prozesskosten das gewachsene Bedürfnis nach Prozessfinanzierungen doch selbst geschaffen – warum traut sich Frau Barley nicht, den Zugang zu Gerichten für Verbraucher allgemein zum Nulltarif einzuführen?“ Wen Barley eigentlich mit der Klageindustrie meine?

Womöglich meinen die Justizministerin und andere damit solche Geschäfte, wie sie MyRight mit dem Prozessfinanzierer Burford in Sachen VW macht. Burford hält MyRight mit einer Vorfinanzierung über die lange Durststrecke bis zu einem möglichen Urteil oder Vergleich über Wasser. Am Ende bekommt der Prozessfinanzierer ein hoch verzinstes Darlehen zurück. Der Verbraucher muss im Erfolgsfall 35 Prozent der eingeklagten Summe an seine Helfer abgeben. Aber ist das verwerflich? Bode, Hopfer und Andresen  verdienen Geld, okay, aber sie wirken ehrlich beseelt von der Idee, die schon andere Legal-Tech-Erfinder beflügelt hat: den Zugang zum Recht zu revolutionieren.(Eva Lienemann)

Das ausführliche Portrait über MyRight lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 6/2018 des JUVE Rechtsmarkt.

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