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02.07.2018

Gewerbesteuergefahr: Wenn der Anwalt zum Kaufmann wird

Etliche Kanzleien gründen GmbHs, in denen sie ihre digitalen Dienstleistungen bündeln. Oberflächlich betrachtet geht es darum, eine Gewerbesteuerinfizierung zu vermeiden. Doch die Digitalisierung stellt das Selbstbild der gesamten Zunft auf den Prüfstand. Wie einzigartig ist der Anwaltsberuf eigentlich?

Die Zeiten, in denen es in Kanzleien bei der Bearbeitung von Mandaten nur um Hochreck-Jura ging, sind bekanntermaßen vorbei. Natürlich gibt es immer noch etliche Sozietäten, in denen ­Legal Tech bei der täglichen Arbeit eine Nebenrolle spielt. Doch vielerorts werden große Teile eines Mandats schon von Vertragssoftware verarbeitet. In Kanzleien arbeiten nicht mehr nur Anwälte, sondern auch Programmierer oder Prozess­manager – was hat das alles noch mit dem klassischen Anwaltsberuf und der Kanzlei im Sinne einer Partnerschaftsgesellschaft zu tun?

Markus Hartung

Markus Hartung

Nicht mehr viel, meint Markus Hartung, Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession. Er ist überzeugt: Kanzleien, zumindest die großen, handeln mittlerweile wie Unternehmen – warum werden sie steuerlich und berufsrechtlich dann nicht auch als solche behandelt? Gerade Sozietäten, die sich wegen der Digitalisierung neu aufstellen wollten, meint Hartung, würden derzeit Fesseln angelegt. „Das Berufsrecht ist eine große Innovationsbremse“, sagt er.

Wenn’s ums Geld geht

Besonders brisant wird es aber, wenn es neben der eher philosophischen Frage nach dem anwaltlichen Selbstbild ums Geld geht. In etlichen Kanzleien fragen Mandanten mittlerweile nicht mehr nur rein juristischen Sachverstand nach, sondern fordern auch den Einsatz von Legal-Tech-Lösungen oder die schnelle Steuerung eines Projekts.

Nicht umsonst schlägt deshalb schon seit Längerem die Stunde der Projektmanager und Strategen, zumindest in den großen internationalen Sozietäten. Steht da noch die Rechtsberatung im Vordergrund? Oder wird die Kanzlei vielmehr zu einem gewerbesteuerpflichtigen Unternehmen? Ist der Anwalt einer Großkanzlei noch in dem Sinne tätig, wie es die BRAO gern hätten? Falls nein, kann das teuer werden, wenn die Kanzlei wegen nicht-anwaltlicher Tätigkeiten in die Gewerbe­steuerpflicht rutscht.

Hubertus Kolster

Hubertus Kolster

Um die Infizierung auf die Gesamtkanzlei zu vermeiden, gibt es etliche Ausgründungen von GmbHs im Markt. Bestes Beispiel: CMS Hasche ­Sigle. Als das Thema Legal Tech im Markt hochkochte, war der deutschen Großkanzlei bewusst, dass digital erbrachte Tätigkeiten häufig einen gewerblichen Charakter haben. Deshalb gründete CMS vor einigen Jahren eine eigene GmbH. Seitdem bündelt die Sozietät ihre Legal-Tech-Aktivitäten dort. „Alles, was mit dem Vertrieb von Software und digitalen Produkten zu tun hat, läuft über eine separate GmbH, damit die Gewerblichkeit aus der Partnerschaftsgesellschaft herausgehalten wird“, sagt Managing-Partner Dr. Hubertus Kolster.

Allerdings war eine mögliche Gewerbesteuerinfizierung der Partnerschaft nicht der einzige Grund für CMS, die digitalen Dienstleistungen in einer GmbH zu bündeln. Die Kanzlei wollte auch wissen, wie wirtschaftlich erfolgreich sie mit den digitalen Produkten ist. „Mit der Bündelung der Legal-Tech-Vertriebsaktivitäten in einer Gesellschaft haben wir einen besseren Überblick, wie viel Umsatz und Gewinn wir mit dem Vertrieb dieser Produkte tatsächlich machen“, so Kolster. „Die Kosten lassen sich so ebenfalls einfacher zuordnen, was die Kalkulation erleichert.“

Doch es sind nicht nur Großkanzleien wie CMS, die sich die Frage stellen, wie sie die Digitalisierung des Rechtsmarkts mitgestalten können. Zwei Partner der Berliner Kanzlei Lindenpartners, Dr. Thomas Asmus und Eric Romba, haben kürzlich in Berlin gemeinsam mit der ehemaligen Geschäftsführerin der Bucerius Executive Education, Dr. Birte Gall, die Asgaro GmbH gegründet, die unter anderem gerade an einem Datenschutz-Tool arbeitet.

Totengräber einer Zunft?

„Wir wollen ganz klar den Digitalisierungsprozess im Markt mitgestalten“, sagt Dr. Matthias Birkholz, Gründungspartner von Lindenpartners. Asgaro ist ein Dienstleister und gesellschaftsrechtlich von der Kanzlei separiert. Doch lässt sich das eine noch vom anderen trennen? Spielt Legal Tech nicht längst in den Kern anwaltlicher Tätigkeit hinein? Lindenpartners plant, Legal-Tech-Anwendungen, die von Asgaro technisch umgesetzt wurden, zu Marketingzwecken kostenlos auf ihrer Website einzubinden. Ist da noch eine individuelle anwaltliche Leistung gegeben? „Berufsrechtlich ist das bislang nicht eindeutig geklärt“, sagt Birkholz. „Wir Anwälte müssen allerdings aufpassen, dass das Berufsrecht nicht irgendwann zum Totengräber der anwaltlichen Zukunft wird.“ (Eva Lienemann, Daniel Lehmann)

Den vollständigen Artikel lesen Sie im aktuellen JUVE Rechtsmarkt 7/2018.

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