Trade Compliance hat sich von einem Spezialthema für Juristen und Compliance-Verantwortliche zu einer zentralen Unternehmensfunktion entwickelt. Geopolitische Spannungen, immer weitreichendere Sanktionsregelungen, komplexere Exportkontrollen und eine verschärfte behördliche Durchsetzung stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen. Rechts- und Compliance-Abteilungen stehen dabei vor der Aufgabe, Geschäftswachstum zu ermöglichen und gleichzeitig regulatorische Risiken effektiv zu steuern.
Für Dr. Konrad Walter, Chief Legal Counsel bei SAP, reicht es längst nicht mehr aus, Trade Compliance lediglich als operative oder rechtliche Pflichtaufgabe zu betrachten. Vielmehr müsse sie fest in die Unternehmensstrategie integriert werden und auf einer Kombination aus Governance, Technologie und bereichsübergreifender Zusammenarbeit basieren. Im Vorfeld seines Think Tanks „Between a Wrong Note and a Missed Cue: Applying Trade Compliance in a Fragmented World“ auf der Corporate Counsel & Compliance Exchange Europe 2026 erläutert Walter, welche Entwicklungen die Compliance-Landschaft derzeit prägen und wie Unternehmen widerstandsfähiger werden können.
Trade Compliance rückt ins Zentrum unternehmerischer Entscheidungen
Eine der bedeutendsten Entwicklungen der vergangenen Jahre ist die enge Verknüpfung von Trade Compliance und geopolitischen Risiken.
„Die größte Veränderung begann mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine“, erklärt Walter. Wurden Sanktionen und Exportkontrolle früher häufig als Nischenthema wahrgenommen, ist heute vielen der direkte Zusammenhang mit dem Management von Lieferkettenrisiken und der Präsenz auf globalen Märkten klar. Gleichzeitig verändern sich regulatorische Anforderungen immer schneller, während Aufsichtsbehörden Verstöße konsequenter verfolgen als noch vor wenigen Jahren.
Für international tätige Unternehmen erschwert dies die Einhaltung regulatorischer Vorgaben erheblich. Sanktionen, Exportkontrollen und Lieferkettenanforderungen unterscheiden sich oft von Rechtsraum zu Rechtsraum. Daraus entsteht ein fragmentiertes Regelwerk, das Unternehmen mit teils widersprüchlichen Verpflichtungen konfrontiert.
Nach Ansicht von Walter beginnt ein erfolgreicher Umgang mit dieser Komplexität bei einer klar definierten Risikostrategie. Unternehmen benötigen Transparenz über ihre globalen Aktivitäten und sollten, wo immer möglich, einheitliche Standards etablieren, auch wenn einzelne Rechtskonflikte letztlich nur im Einzelfall gelöst werden können.
Vom vermeintlichen Bremsklotz zum Geschäftstreiber
Obwohl die Bedeutung von Trade Compliance stetig wächst, wird sie häufig noch immer als Hindernis für Geschäftsaktivitäten wahrgenommen. Walter hält dies für eines der hartnäckigsten Missverständnisse im Umgang mit Compliance.
Tatsächlich schaffen wirksame Compliance-Strukturen Planbarkeit, minimieren operative Störungen und verbessern die Qualität unternehmerischer Entscheidungen. Gut ausgestaltete Kontrollmechanismen helfen dabei, Risiken frühzeitig zu erkennen und kostspielige Verzögerungen oder spätere Korrekturmaßnahmen zu vermeiden.
Damit verändert sich auch die Rolle von Rechtsabteilungen. Gefragt sind heute Teams, die regulatorische Anforderungen in die Sprache des Geschäfts übersetzen und ihre Empfehlungen anhand von Risiken, Geschäftszielen und Resilienz erläutern. Hinzu kommt der zunehmende Einsatz von Automatisierung: Moderne Technologien ermöglichen es, Compliance-Prozesse effizienter zu gestalten und Probleme zu lösen, bevor sie zu echten Hindernissen werden.
Innovation ermöglichen trotz wachsender Exportkontrollen
Mit dem rasanten Fortschritt von Künstlicher Intelligenz, Quantencomputing und anderen Zukunftstechnologien rückt auch die Frage nach der Weiterentwicklung von Exportkontrollregimen stärker in den Fokus.
Für Walter besteht die Herausforderung darin, die richtige Balance zu finden. Compliance sei unverzichtbar, neue Regulierungen sollten jedoch gezielt dort ansetzen, wo tatsächliche Risiken für die nationale Sicherheit oder die Nichtverbreitung sensibler Technologien bestehen. Zu weit gefasste Beschränkungen könnten Innovationen beeinträchtigen, ohne einen entsprechenden sicherheitspolitischen Nutzen zu schaffen.
Gerade bei Investitionen in KI und andere neue Technologien kommt Rechtsabteilungen deshalb eine wichtige Rolle zu. Wer regulatorische Entwicklungen früh beobachtet, interne Stakeholder rechtzeitig einbindet und den Dialog über mögliche neue Kontrollmechanismen sucht, schafft klare Rahmenbedingungen für Innovationen und verhindert, dass Projekte erst in späten Entwicklungsphasen gestoppt werden.
Walter betont zudem die Bedeutung international abgestimmter Regulierungsansätze. Unternehmen profitieren von möglichst harmonisierten Regelwerken, die gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen und gleichzeitig sicherheitspolitische Ziele unterstützen.
Mehr Agilität durch Governance und Technologie
In einer Zeit, in der regulatorische Änderungen oft kurzfristig erfolgen, wird Vorbereitung zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Walter zufolge sind insbesondere diejenigen Unternehmen erfolgreich, die bereits vor einer Krise in robuste Strukturen investieren. Die kontinuierliche Beobachtung regulatorischer Entwicklungen, hochwertige Stammdaten und flexibel anpassbare automatisierte Prozesse ermöglichen eine rasche Anpassung der Prozesse an neue Sanktionen oder Exportkontrollmaßnahmen erheblich.
Ebenso wichtig ist die Verankerung von Compliance innerhalb des Unternehmens. Teams, die als vertrauenswürdige Partner wahrgenommen werden und die Unterstützung des Top-Managements genießen, können auf regulatorische Veränderungen deutlich schneller und wirksamer reagieren.
Rechtsabteilungen können darüber hinaus durch klare Entscheidungswege, definierte Eskalationsmechanismen und transparente Leitplanken mehr Handlungsfähigkeit schaffen. Ziel sollte nicht sein, zusätzliche Bürokratie aufzubauen, sondern rechtskonforme Entscheidungen schneller zu ermöglichen. Werden Compliance-Anforderungen direkt in Geschäftsprozesse integriert und durch geeignete Technologien unterstützt, lassen sich Geschwindigkeit und Kontrolle miteinander verbinden.
Compliance als strategische Fähigkeit
Die zentrale Botschaft von Walter lautet: Die zunehmende Fragmentierung regulatorischer Anforderungen ist kein Grund, sich aus internationalen Märkten zurückzuziehen. Vielmehr sollten Unternehmen die Gelegenheit nutzen, ihre Compliance-Fähigkeiten gezielt auszubauen.
Wer Trade Compliance als strategische Funktion versteht und nicht lediglich als Reaktion auf regulatorische Vorgaben, wird Unsicherheiten erfolgreicher begegnen können. Governance-Strukturen, hochwertige Daten, praxistaugliche Technologielösungen sowie eine enge Zusammenarbeit von Recht, Compliance, Supply Chain und Geschäftseinheiten bilden die Grundlage einer modernen Compliance-Architektur.
Angesichts sich wandelnder Handelsbeschränkungen und anhaltender geopolitischer Spannungen werden vor allem jene Unternehmen erfolgreich sein, die diese Fähigkeiten schon heute gezielt entwickeln und stärke
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Dieser Beitrag beleuchtet nur einen Teil der Themen, die Dr. Konrad Walter im Gespräch angesprochen hat. Weitere Einblicke zu Trade Compliance, Exportkontrollen, Sanktionen, KI-Governance und organisatorischer Resilienz in einem zunehmend fragmentierten regulatorischen Umfeld finden Sie im vollständigen Interview. Laden Sie das vollständige Interview hier herunter.
Wo die Diskussion weitergeht: Corporate Counsel & Compliance Exchange Europe
Dr. Konrad Walter wird diese Themen auf der Corporate Counsel & Compliance Exchange Europe (5.-6. Oktober 2026 | Hotel Palace Berlin) vertiefen. Das exklusive, nur auf Einladung zugängliche Forum bringt Chief Legal Officers, General Counsel, Chief Compliance Officers und weitere führende Rechts- und Compliance-Experten zu offenen und praxisnahen Diskussionen zusammen.
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