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Auf der Suche nach…

... einem Unternehmen waren in den vergangenen Monaten die Amtsgerichte Potsdam und Halle-Saalkreis. Die Richter mussten prüfen, ob sie für den Insolvenzantrag des Familienbetriebs HESCO zuständig waren. Das Problem: Bei Hesco aus dem brandenburgischen Luckenwalde wurden die Arbeitnehmer entlassen, die Firma sollte geschlossen, beim Handelsregister abgemeldet, ihr Sitz ins sachsen-anhaltinischen Horla verlegt und Insolvenz angemeldet werden, während gleichzeitig eine neue bzw. die alte Firma in Luckenwalde neu gegründet wurde. Kompliziert? Vielleicht. Doch so hatte es sich die Unternehmerfamilie Reiche laut IG Metall wohl vorgestellt, ihren Betrieb abzuwickeln und gleichzeitig neu zu starten. Die Richter in Halle machten das Spiel aber nicht mit und erklärten sich für den Insolvenzantrag über die nach Horla verlegte (alte?) Firma nicht zuständig. Dies ist wohl kein Einzelfall in Deutschland, aber er ist besonders brisant. Schließlich steht hinter der Familie Reiche unter anderem die CDU-Bundestagsabgeordnete Katharina Reiche, die mal als Familienministerin gehandelt wurde. Und schließlich wurden knapp eine Millionen Euro staatliche Fördergelder vergeben, die eigentlich zu anderen Dingen als dem Verschieben von Betrieben dienen. In Potsdam jedenfalls wurde ROLF RATTUNDE (LEONHARDT & PARTNER) zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Endlich. Der ursprüngliche Antrag war bereits im August gestellt worden, doch die Suche nach Zuständigkeiten und Hintergründen dauerte rund drei Monate. Was der gut angesehene Berliner Verwalter Rattunde nun vorhat, wollte er JUVE nicht verraten. Zu brisant, das Ganze.++++ Überhaupt: An brisanten Insolvenzen herrscht in diesen Wochen kein Mangel. Das mit Abstand sensibelste Verfahren liegt bereits seit 10. November 2003 in den Händen von ANGELIKA AMEND. Die 42-jährige Betreiberin der Kronberger Kanzlei AMEND & COLLEGEN versucht seitdem als vorläufige Verwalterin die Insolvenz der I.G. FARBENINDUSTRIE AG und dreier Tochter- bzw. Enkelgesellschaften in ruhigem Fahrwasser zu halten. Eigentlich reicht die Masse des ehemals größten Chemiekonzerns gar nicht aus, um die Insolvenzverwaltung zu bezahlen. Dass das Verfahren deshalb nicht eröffnet würde, will Amend jedoch verhindern – mit Blick auf die Opfer und Hinterbliebenen des Unternehmens, das im Dritten Reich Zwangsarbeiter beschäftigte und das Gas Zyklon B für Konzentrationslager herstellte. Anfang Dezember war Amend deshalb nach Auskunft ihres Kollegen Norbert Irsfeld im Gespräch mit Opferverbänden. Das Ziel: Auch die Zwangsarbeiter und Nachkommen sollen aus dem Restvermögen der I.G. Farben entschädigt werden, dafür müssten sie und andere Geld aufbringen, das die Verfahrenskosten deckt. Dafür würde auch Amend auf einen Teil ihrer Vergütung verzichten. Die bundesweite Aufmerksamkeit, die diese Insolvenz erregt, rechtfertigt sicherlich außergewöhnliche Maßnahmen – zudem Amends Kanzlei-Fokus ebenfalls, wenn (noch) nicht bundesweit, so doch wenigstens über die Grenzen des Großraumes Frankfurt hinaus gerichtet ist. Die Kanzlei, in der in Kronberg mitterweile sieben Anwälte tätig sind, hat vor kurzer Zeit ein zweites Büro in Garching bei München eröffnet. Hier werden derzeit zwei Anwälte beschäftigt. ++++

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++++ Wie bei der Insolvenz der I.G. Farben nimmt bei der zweiten brisanten Insolvenz die angeschlagene Frankfurter WCM Beteiligungs- und Grundbesitz AG eine Schlüsselrolle ein. Während WCM bei I.G. Farben Zahlungspflichten aus einem auf die Übernahme von Immobilien gerichteten Optionsvertrag nicht eingehalten haben soll, musste auch die WCM-Tochter SIRIUS BETEILIGUNGSGESELLSCHAFT MBH Ende November beim Amtsgericht Stralsund Insolvenz anmelden. Sirius wiederum gehören 49,9 Prozent der IVG, der größten deutschen börsennotierten Immobiliengesellschaft. Das Problem: Die IVG-Beteiligung von Sirius wurde durch Bankkredite in Höhe von 602 Millionen Euro finanziert, die Banken haben die Kredite nach längerem Aufschub nun fällig gestellt. Zudem tobt ein Kampf zwischen WCM und dem anderen großen Sirius-Gesellschafter Rebon BV darüber, ob WCM Pflichten aus einem vermeintlichen Treuhandvertrag hinsichtlich des Sirius-Investments verletzt hat. Die Aufsicht über Sirius führt nun der vorläufiger Insolvenzverwalter BERND DEPPING. Dessen Beratungsfirma DEPPING NIKOLAUS & PARTNER aus Essen ist im Ringen mit komplizierten Finanzbeteiligungsstrukturen nicht unerfahren. Einen ähnlichen Kampf wie beim Kabelnetzbetreiber ish, bei dem Deppings Kompagnon Frank Nikolaus als Insolvenzverwalter der ehemaligen ish-Holdinggesellschaft agiert (JUVE Rechtsmarkt 04/03), führt nun auch Depping. Seine Hauptaufgabe sieht er darin, die Sirius-Beteiligung an der IVG zu sichern und zu erhalten. Doch wie bei ish wollen die Banken diese Beteiligung, die als Sicherung für die ausgereichten Kredite dient, lieber selber versteigern. Eine mögliche Lösung des Problems: Die Versteigerung verhindern, indem sich die Gläubigerbanken auf eine andere Weise befriedigen – etwa durch den Verkauf ihrer notleidenden Forderungen an Dritte. Zufällig ist dies ein Spezialgebiet von Depping und Nikolaus. Letzterer ist europäischer Partner der auf sogenannte Distressed Debt Investments spezialisierten amerikanischen Gesellschaft WL Ross & Co. (JUVE Rechtsmarkt 06/03) ++++

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