Freshfields Bruckhaus Deringer und Latham & Watkins in Manchester, Ashurst in Glasgow, Herbert Smith Freehills in Belfast – der Trend begann schlicht als Maßnahme zur Kostensenkung. Miete und Gehälter wuchsen in London in schwindelerregende Höhen, so war es ein logischer Schritt, Sekretariatsarbeiten und weitere unterstützende Tätigkeiten wie Marketing und IT aus der Hauptstadt in kostengünstigere Standorte zu verlegen. Niemand will wirklich sagen, welche Summen konkret im Raum stehen, aber die Londoner Branchenpresse geht von 30 bis 40 Prozent Gehaltseinsparungen aus. Hinzu kommen noch die günstigeren Immobilienpreise.
Wären diese Büros reine Supportstandorte geblieben, wie die vor vielen Jahren geschaffene und auf Verwaltungs- und Sekretariatsaufgaben beschränkte Niederlassung in der philippinischen Hauptstadt Manila, hätte das wohl kaum Interesse erregt. Die neuen Büros in Großbritannien übernehmen jedoch auch immer mehr juristische Arbeit und ändern allmählich die Art, wie Kanzleien Rechtsberatung anbieten.
Freshfields als sexy Start-up
Zunächst wurden Paralegals als Ersatz für Stellen in London eingestellt: Dokumentenprüfung, Due Diligence und Disclosure-Arbeit ließen sich leicht verlegen. Der nächste große Schritt ging hin zur Transaktionsunterstützung: die Erweiterung um Deal- und Prozessmanagement in einem solchen Umfang, dass die Teams außerhalb der Hauptstadt zu einem integralen Bestandteil jener Teams wurden, die an britischen, immer häufiger aber auch an grenzüberschreitenden Transaktionen arbeiteten.
In dieser Hinsicht am weitesten fortgeschritten ist das Büro von Freshfields in Manchester. „Es gab eine kanzleiweite Analyse dazu, wie sich gesteigerte Effizienz zeigen lässt, eine gründliche Prüfung dessen, wie besser gearbeitet werden kann. Manchester begann zunächst als Business Services Center, doch der Schritt hin zu Rechtsbereichen war von Anfang an geplant“, sagt Isabel Parker, Leiterin des Bereichs Legal Services. Kein anderes Freshfields-Büro ist ähnlich aufgebaut. Großraumbüro, keine zugewiesenen Schreibtische, die Atmosphäre gleicht – mit den Worten eines Junganwalts an dem Standort – der eines „sexy Start-ups“.
Der Standort wird von Olivia Balson geführt, einer frühere IP-Anwältin im Londoner Büro, die wieder zurück nach Manchester zog, sowie von Anup Kollanethu, einem Externen mit mehr als zehn Jahren Erfahrung im operativen Management bei internationalen Banken. Kollanethus Hintergrund ist entscheidend: extrem prozessorientiert, IT-erfahren und ein Außenstehender. Und Manchester ist seine Spielwiese.
Seine Aufgabe ist es, die Art und Weise zu ändern, wie bei Freshfields Projekte gehandhabt werden. Er soll effizientere Arbeitsmethoden finden und gleichzeitig die Qualitätsmarke Freshfields wahren. Kollanethu sieht die Entscheidung, die Arbeit intern auszuführen, als besonders wichtig an. „Das Produkt ist dadurch einheitlicher. Mandanten haben die Gewissheit, dass die Arbeit innerhalb von Freshfields erledigt wird und nicht außerhalb.“ Tatsächlich geht es um reine Betriebswirtschaft. Dass jede Art von Arbeit, die nicht unbedingt an höherer Stelle erledigt werden muss, aus einer teuren Stadt wie London weg verlegt wird, ist ein naheliegender Schritt.
Der Sandkasten
Die unterschiedliche Kultur an den Standorten fernab von London lässt sich auf einen Blick auch an der Büroarchitektur ablesen. Auch wenn die Immobilienkosten an jenen Standorten nur einen Bruchteil der Londoner Kosten betragen, haben alle Kanzleien riesige Großraumbüros mit langen Schreibtischreihen angelegt, in denen auf jedem Stockwerk hunderte Mitarbeiter arbeiten können. Keiner geht dabei weiter als Freshfields. Mitarbeiter können sich über komplizierte Kaffeekreationen freuen, in einer Kantine gesundes Essen genießen und sich von einem externen Dienstleister ihr Fitnessniveau ermitteln lassen. Einen eigenen Schreibtisch haben sie aber nicht. Das sogenannte Hotdesking ist ein wichtiger Bestandteil der Kultur, so Freshfields-Manager Kollanethu. „Unsere Mitarbeiter arbeiten die ganze Zeit über in unterschiedlichen Teams zusammen und eine flexible Bürogestaltung verhindert die Entstehung isoliert arbeitender Silos.“
Diese Büros spielen eine zentrale Rolle beim Erkunden neuer Arbeitsmodelle: die Verwendung von Technologie, das Entstehen neuer Stellen und Berufsbilder und vor allem die Zeit und der Platz, um zu analysieren, wie eine Kanzlei ihr Geschäft bewältigt – alles wird auseinandergenommen und dann wieder zusammengesetzt. Alle Anwälte, mit denen JUVE sprach, sind sich einig, dass nichts von alledem geschehen wäre, wenn die Spielwiese lediglich ein neues Stockwerk in einem Londoner Büro gewesen wäre.
Den ganzen Artikel lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt 12/2017.