Verfolgt man die Neugründungen von Kanzleien, vor allem in den USA oder Großbritannien, aber auch in Deutschland, scheint es kaum eine zu geben, die keinen ‚AI First‘- oder ‚NewMod‘-Ansatz verfolgt. Was sich dahinter verbirgt, variiert erheblich. Gemeinsam ist den meisten, dass sie künstliche Intelligenz als zentrales Element ihrer Arbeit verstehen. Das allein ist jedoch kein eindeutiges Erkennungsmerkmal mehr.
Fast alle Kanzleien, von der Großkanzlei bis zum Mittelständler oder der Boutique, nutzen mittlerweile KI. Etablierte Kanzleien wie Neuwerk werben sogar mit dem Slogan „AI First“. Als die ersten Kanzleien dieser Art auf den Markt kamen, war der Begriff noch trennschärfer: Sie konnten Technologie von Beginn an ins Zentrum ihrer Prozesse stellen, während etablierte Kanzleien KI erst in bestehende Abläufe integrieren mussten. Dieser Unterschied besteht weiterhin, aber er schwindet. Auch in großen Kanzleien ist KI inzwischen fester Bestandteil des Alltags.
Effizienzgewinne in alten Strukturen
Bei vielen etablierten Kanzleien haben sich Geschäftsmodelle und interne Strukturen trotzdem kaum verändert – obwohl KI im Einsatz ist. Der eigentliche Mehrwert der Technologie kann sich aber nicht immer entfalten, weil Effizienzgewinne in bestehenden Strukturen zum Teil verpuffen oder nicht voll gehoben werden können. Solange die Anwaltspyramide unverändert bleibt, solange nach Stunden abgerechnet wird und Hierarchien und Prozesse auf alte Kanzleistrukturen ausgerichtet sind, bleibt KI ein Tool, anstatt zum Fundament eines neuen Geschäftsmodells zu werden. Dass viele Kanzleien, vor allem die großen, derzeit eher zurückhaltend sind bei der Neueinstellung von Anwälten, ist ein erstes Anzeichen für die Veränderung des althergebrachten Pyramidenmodells. Doch der Umbau von einer Pyramide hin zu einer Diamanten- oder Raketen-Personalstruktur dauert seine Zeit. Und fraglich ist auch, ob wirklich jeder eine Raketenstruktur braucht.
Neu gegründete AI-First-Kanzleien haben hier einen Vorteil. KI ist bei ihnen nicht hinzugekommen und in die bestehenden Strukturen integriert worden, sondern Ausgangspunkt der Konzeption. Sie können Prozesse von Beginn an auf eine bestimmte Technologie ausrichten und ihre Personalplanung an diesen Prozessen orientieren, was häufig zur Folge hat, dass diese Einheiten zunächst mit weniger Anwältinnen und Anwälten arbeiten als traditionelle Kanzleien. Das heißt allerdings nicht, dass AI-First-Kanzleien ausschließlich standardisierte Produkte verkaufen, die zum Großteil durch KI erstellt werden. Auch sie arbeiten teilweise noch in Strukturen, die an traditionelle Geschäftsmodelle angelehnt sind. Hier steht die anwaltliche Beratung weiterhin im Vordergrund – und damit auch häufig der Stundensatz. ‚AI First‘ ist kein Synonym für Festpreise, auch bei diesem Ansatz ist der Stundensatz weiterhin ein gängiges Vergütungsmodell.
NewMod: Ein anderes Geschäftsmodell
NewMod-Kanzleien – kurz für New Model Law Firms – nutzen nicht nur KI, sondern brechen mit dem klassischen Kanzleigeschäftsmodell. Der entscheidende Unterschied liegt weniger in den Werkzeugen als in der Frage, wie die Kanzlei organisiert ist, welche Leistungen sie verkauft und wie sie diese bepreist.
NewMod-Einheiten setzen häufig auf Festpreise oder andere vom Zeitaufwand entkoppelte Preismodelle. Sie bieten primär klar umrissene juristische Leistungen zu vorhersehbaren Kosten an. Ihr Geschäftsmodell ist auf die technischen Möglichkeiten abgestimmt und nutzt sie durch den Einsatz von KI konsequent aus.
Hinzu kommen häufig schlankere Personalstrukturen. Manche Einheiten verzichten auf die traditionelle Anwaltspyramide, beschäftigen wenige oder keine Associates und setzen stattdessen auf Anwälte mit Berufserfahrung. Andere verbinden eine Kanzlei eng mit einem Technologieunternehmen. Nicht jedes dieser Merkmale muss auf jede NewMod-Kanzlei zutreffen. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, Rechtsberatung anders zu organisieren und anzubieten – statt lediglich dieselbe Arbeit mit KI schneller zu erledigen.
Unterschiedliche Wege zum neuen Modell
Wie unterschiedlich dieser Bruch mit dem bisherigen Geschäftsmodell aussehen kann, zeigen Beispiele aus dem internationalen Markt. Pierson Ferdinand, eine 2024 in den USA gegründete Kanzlei, setzt auf eine Personalstruktur mit zahlreichen erfahrenen Partnern, aber ohne Associates. An die Stelle der traditionellen Ein-Partner-viele-Associates-Struktur treten spezialisierte Anwälte, die sich um komplexe Rechtsthemen kümmern, die KI erledigt die Routinearbeiten – also genau das, was bisher traditionell von Associates erledigt wird.
Das Geschäftsmodell von Arceus, einer NewMod-Kanzlei aus San Francisco, besteht darin, Anwälte mit KI-Agenten und eigener Software zu kombinieren. Der Fokus liegt auf der Prüfung und Erstellung von Verträgen zum Festpreis. Hier greifen Technologie und Preismodell ineinander: Wer einen vorher festgelegten Preis anbietet, hat ein wirtschaftliches Interesse daran, die Leistung effizient zu erbringen. Auch Vetta, gegründet von einem ehemaligen Londoner Latham & Watkins-Anwalt im September 2026, ist eine weitere NewMod-Kanzlei, die einen ähnlichen Ansatz fährt.
Bei Norm AI steht eine andere Struktur im Vordergrund: Das Unternehmen verbindet Anwaltskanzlei mit Technologieunternehmen. Es geht damit nicht nur um die Werkzeuge, die Anwälte bei ihrer Arbeit nutzen, sondern auch um die Organisation des Angebots selbst. Norm AI hat im Juni in einer Serie-C-Finanzierungsrunde 120 Millionen US-Dollar eingesammelt. Die Bewertung liegt aktuell bei 1,2 Milliarden.
Arceus bekam im Oktober eine Finanzspritze von 17 Millionen US-Dollar über eine Finanzierungsrunde. Die Beispiele machen nur allzu deutlich: Der Markt sieht in solchen Kanzleimodellen durchaus eine Zukunft.
Deutschland: KI-Gründungen, aber nicht automatisch NewMod
Auch in Deutschland entstehen Kanzleien, die KI in den Mittelpunkt stellen. Die IP-Boutique Brento und die arbeitsrechtliche Einheit Behrend Legal Studio, gegründet von einem ehemaligen A&O Shearman-Partner, positionieren sich mit einem AI-First-Ansatz. Die Münchner Kanzlei Cepter wiederum will die Prüfung von Energieprojekten neu organisieren: Die Plattform wertet Projektdatenräume aus und erstellt KI-generierte Due-Diligence-Berichte. Der automatisiert erzeugte Bericht wird nicht vor der Ausgabe von einem Anwalt geprüft. Eine rechtliche Bewertung bekommt der Mandant über eine Partnerkanzlei.
Ob es sich bei diesen Neugründungen zugleich um NewMod-Kanzleien handelt, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Dafür müsste sich auch zeigen, dass sie mit traditionellen Personal-, Organisations- oder Preismodellen brechen.
In Deutschland ist die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zudem durch das Berufsrecht gebremst. Insbesondere das Fremdbesitzverbot begrenzt die Möglichkeiten, eine Anwaltskanzlei mit externen Investoren und einem Technologieunternehmen zu verbinden. Denn das Fremdbesitzverbot verbietet es Finanzinvestoren, Geschäftsanteile an einer Rechtsanwaltsgesellschaft zu erwerben, um die berufliche Unabhängigkeit der Anwälte sicherzustellen.
Gerade Konstellationen, bei denen nicht nur anwaltliche Arbeit, sondern auch der technische Teil des Geschäfts mit externem Kapital wachsen soll, lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres aus anderen Ländern übertragen. Das verhindert KI-gestützte Kanzleigründungen nicht. Es schränkt ihre Entwicklungsmöglichkeiten, auch in Richtung NewMod-Modell, aber erheblich ein.
Wie eine andere Verbindung von Technologie, Leistung und Preis aussehen kann, zeigt Falcon in Belgien. Wim Dejonghe, ehemaliger Senior-Partner von A&O Shearman, hat die Kanzlei kürzlich mitgegründet. Falcon setzt auf KI-gestützte Vertragsanalyse und automatisierte Due Diligence. Für Vertragsprüfungen berechnet die Kanzlei eine Pauschalgebühr, ein Anwalt prüft die Ergebnisse. Der interessante Punkt ist hier nicht allein der KI-Einsatz, sondern dass er mit einem klar umrissenen Angebot und einem vorhersehbaren Preis verbunden wird.
Was bedeutet das für etablierte Kanzleien?
Für etablierte Kanzleien können NewMod-Einheiten und auch Kanzleien, die vor allem mit einem AI-First-Ansatz arbeiten, eine Konkurrenz sein – müssen sie aber nicht. Abhängig ist es auch davon, wie sich etablierte Kanzleien entwickeln werden, wie sie ihre Strukturen künftig anpassen und sich im Markt positionieren. Bisher unterscheidet sich zwar das Geschäft in weiten Teilen (noch) voneinander. Denkt man den Einsatz von KI aber weiter und nimmt an, dass etablierte Kanzleien durch Effizienzgewinne und die Möglichkeiten von KI auch anderes, niederschwelligeres Geschäft machen können, das sie bisher aus Profitabilitätsgründen nicht oder nicht mehr gemacht haben, gibt es eine größere Schnittmenge mit den NewMod-Einheiten. Und dann stellt sich die Frage, wer welches Geschäftsmodell unter Druck setzt. Am Ende entscheidet der Mandant.