Europa stehe inmitten einer Veränderung der Weltordnung, nicht in einer klassischen Krise, sagte Ahlers, der EY Deutschland seit 2021 führt. Es gehe um einen Wettbewerb zwischen den USA, China und Europa – militärisch, politisch und wirtschaftlich. Bei der KI-Entwicklung seien die Europäer nur sehr begrenzt beteiligt, während Player agierten, denen völkerrechtliche Verträge „relativ egal“ seien.
Deutschland fehle ein wirtschaftspolitisches und gesellschaftliches Zielbild, kritisierte Ahlers. Das Narrativ der Effizienz durch KI treibe die Angst vor Stellenabbau. Statt über Effizienzgewinne zu diskutieren, müsse man definieren, was mit der gewonnenen Zeit geschehen solle. „Wir müssen aktiv rausgehen und Ideen entwickeln – Speed und Scale sind die Gebote der Stunde“, sagte Ahlers.
Flexibilität statt Verharren
Laut einer EY-Studie seien die Forschungs- und Entwicklungsausgaben in den USA deutlich schneller gestiegen als in Europa. Deutschland habe einen starken Fokus auf dem Bewahren. „Zukunftsfähigkeit entsteht dagegen durch den Mut zur Erneuerung“, so Ahlers. Als konkrete Maßnahmen nannte Ahlers eine Flexibilisierung des Arbeitsrechts. Viele Unternehmen zögerten derzeit, einzustellen, da man Sorge habe, bei Umbrüchen nicht schnell genug reagieren zu können. Auch das Kartellrecht müsse verändert werden: „Wir müssen größer denken als nur auf einem Kontinent.“ Deutschland müsse clever vorgehen, wo es besonders gut sein könne – etwa bei KI, Quantentechnologie und Fusionsenergie.
Psychologe: Rückzug ins Private bremst
Der Psychologe und Rheingold-Gründer Stephan Grünewald diagnostizierte in seiner Abschlusskeynote eine kollektive Krisenstimmung. Das Grundgefühl vieler Menschen sei geprägt von Ohnmacht, die Krisen gingen nicht mehr aus der Welt. Die Reaktion: Rückzug ins Private, Wagenburgmentalität im Bekanntenkreis; Menschen mit anderer Meinung würden zunehmend aus dem Freundesumfeld ausgeschlossen.
Die viel beschworene Zeitenwende habe nicht wirklich stattgefunden, kritisierte Grünewald. Es fehle der Abschied von der alten Zeit und eine Vision für die Zukunft. Deutschland befinde sich in einer „psychologischen Nachspielzeit“. Die Menschen schauten zu viel in den Rückspiegel und dächten nur noch in Monatsetappen. Erfolgreich sei eine Gesellschaft jedoch, wenn sie aufeinander baue und sich gegenseitig vertraue. Als Beispiel für erfolgreiche Krisenbewältigung nannte Grünewald die erste große Energiekrise. Der Sparappell der Bundesregierung sei als sinnvoll erachtet worden, die kollektive Kraftanstrengung habe zu 20 Prozent Energieeinsparung geführt.