Ende März sammelte Harvey 200 Millionen Dollar in einer Finanzierungsrunde ein, die von GIC und Sequoia angeführt wurde. Die Bewertung des US-Unternehmens liegt nun bei elf Milliarden US-Dollar. Wenige Tage zuvor hatte Konkurrent Legora 550 Millionen Dollar eingesammelt – angeführt von Accel. Die Runde bewertet das schwedische Unternehmen mit 5,55 Milliarden Dollar. Die Finanzierungsrunden fallen in eine Phase massiver Expansion auf beiden Seiten. Beide Unternehmen bauen ihre Präsenz in Schlüsselmärkten aus, werben mit Nachdruck Talente aus Großkanzleien ab und schließen Kooperationen mit Jurafakultäten, auch um künftige Generationen von Anwälten auf ihre Plattformen vorzubereiten.
Legora eröffnet Büros in Houston und Chicago
Legora kündigte im Februar die Eröffnung neuer Büros in Houston und Chicago an. Erst im März 2025 hatte das Unternehmen sein erstes Büro in New York eröffnet, ein zweites folgte in Denver. Weitere lokale Hubs sollen folgen. Legora will bis Ende 2026 mehr als 300 Mitarbeitende in den USA beschäftigen. Im gesamten Unternehmen sollen es bis zum Sommer 600 Mitarbeitende sein. Im vergangenen Jahr zählte Legora noch 40 Mitarbeitende, inzwischen sind es 400.
Neu ist zudem die Partnerschaft mit Jus Mundi, einer KI-gestützten globalen Informationsplattform für Schiedsverfahren. Das Jus-KI-Tool soll noch in diesem Jahr in die Legora-Plattform integriert werden, um internationale Schiedsverfahren zu unterstützen. Der Zusammenschluss reiht sich ein in diverse datenorientierte und strategische Partnerschaften, die sowohl Legora als auch Harvey seit ihrer Gründung geschlossen haben.
Von den USA aus in die Welt
US-Konkurrent Harvey plant im Juni in Singapur ein weiteres Büro im asiatisch-pazifischen Raum zu eröffnen, in Sydney und Bengaluru gibt es bereits Präsenzen. Die Expansion ergänzt die bestehenden gut 15 Standorte unter anderem in San Francisco, Toronto und London, zudem sollen Büroeröffnungen in Dublin und Paris kurz bevorstehen.
Harvey beschäftigt international nach eigenen Angaben derzeit 675 Mitarbeitende, Anfang 2025 waren es noch rund 210. Das Unternehmen hat seit seiner Gründung mehr als eine Milliarde Dollar an Finanzierung eingesammelt.
Im März kündigte Harvey zudem an, seinen KI-Assistenten ab dem zweiten Quartal 2026 als Agent innerhalb von Microsoft 365 Copilot verfügbar zu machen – eine Integration, die es Nutzern ermöglichen soll, juristische Fragen zu stellen und Verträge zu analysieren, ohne die Microsoft-Umgebung zu verlassen.
Kampf um die besten Köpfe
Besonders sichtbar wird der Wettbewerb zwischen den KI-Anbietern beim Recruiting. Beide Unternehmen werben gezielt erfahrene Anwälte aus Großkanzleien ab. Harvey gab kürzlich bekannt, dass Keith Enright, Partner bei Gibson Dunn & Crutcher und ehemaliger Chief Privacy Officer bei Google, als Chief Strategy Officer zum Unternehmen kommt. Bei Gibson Dunn leitete Enright die Tech and Innovation Industry Group und die Artificial Intelligence Practice Group.
In Deutschland, wo Legora personell stärker vertreten ist als Harvey, kam im vergangenen Jahr unter anderem Nathalia Schomerus, vorher Leiterin KI bei CMS Hasche Sigle, als Legal Innovation Lead hinzu. Jonathan Melke, IT- und Datenschutzrechtler, kam von Hogan Lovells, Vadym Kuzmenko, zuvor bei Noerr, schloss sich als Lead Legal Engineer DACH Legora an.
Harvey rekrutierte im vergangenen Monat vor allem in Großbritannien, Kanada und den USA: die ehemalige Londoner Ashurst-Partnerin Tara Waters sowie in Kanada Joe Marando, der bei der Kanzlei Fasken für KI und Legal Tech zuständig war. Auch Megan McMillin, früher Director of Practice Innovation bei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton in den USA, zog es zum Tech-Anbieter.
Legora übernimmt Walter AI, Harvey Lume
Aber nicht nur kluge Tech-Köpfe tun sich mit den KI-Anbietern zusammen, sondern auch kleinere Player aus dem Legal-AI-Markt. Legora gab im März bekannt, Walter AI übernommen zu haben, ein auf Agenten spezialisiertes Legal-AI-Unternehmen aus Kanada, das von kanadischen Großkanzleien wie Fasken Martineau und McCarthy Tétrault genutzt wird. Die Übernahme soll Legoras Vision einer vollständig agentischen Erfahrung für Anwälte beschleunigen – ein KI-Agent, der komplexe, mehrstufige juristische Workflows von Anfang bis Ende ausführt. Die Übernahme erweitert zudem Legoras Präsenz im kanadischen Markt, wo Walter etablierte Beziehungen zu großen Kanzleien mit Büros im ganzen Land unterhält.
Harvey übernahm im März das Team von Lume, einer KI-gestützten Kundenintegrationsplattform, die von Y Combinator, Khosla Ventures und General Catalyst unterstützt wird. Lume wurde 2023 gegründet und bringt nach Angaben von Harvey einen Fokus auf Integrationsarbeiten mit, die für den Kundenerfolg grundlegend seien. Die Mitgründer Robert Ross und Nebyou Zewde werden in die Produkt- und Engineering-Organisationen von Harvey eintreten.
Universitätsprogramme als Türöffner
Beide Unternehmen haben auch Programme für Jurastudierende gestartet, um künftige Generationen von Anwälten auf ihre Plattformen vorzubereiten. Legora kündigte im März das Legal AI Scholars Program an, das mit neun führenden US-Jurafakultäten zusammenarbeitet, darunter Northwestern Pritzker School of Law, Stanford Law School, University of Chicago Law School, Cornell Law School, UCLA School of Law, The University of Texas School of Law, Vanderbilt Law School, Boston University School of Law und University of San Francisco School of Law.
Die Universitäten erhalten Zugang zur Legora-Plattform auf Unternehmensniveau sowie spezialisierte Schulungen für Lehrende und Studierende. Legora will das Programm in den kommenden Monaten auf weitere Jurafakultäten in wichtigen Rechtsräumen ausweiten.
Harvey weitet sein Law Schools Program, für das letzten Sommer an den juristischen Fakultäten von Stanford, NYU, Michigan, UCLA, der University of Texas und Notre Dame der Startschuss fiel, auf Australien aus. Dort arbeitet es mit der University of Sydney Law School und der University of Technology Sydney (UTS) Faculty of Law zusammen. Studierende und Lehrende erhalten Zugang zur Harvey-Plattform, um sich mit fortgeschrittenen Legal-AI-Tools vertraut zu machen.
Die Expansion nach Australien stellt einen wichtigen Schritt in Harveys breiterer Mission dar, juristische KI an Universitäten und Rechtsmärkte auf der ganzen Welt zu bringen. Die Einführung markiert einen bedeutenden Meilenstein in Harveys wachsenden Investitionen in Australien und die breitere asiatisch-pazifische Region, einschließlich der Einrichtung seines Regionalbüros in Sydney.
Alles noch offen
Wer im Wettbewerb zwischen Harvey und Legora die Nase vorn hat, lässt sich schwer sagen. Beide Unternehmen wachsen rasant, gewinnen große Kunden und bauen ihre Präsenz in Schlüsselmärkten aus.
Der Wettbewerb dürfte sich in den kommenden Monaten weiter verschärfen. Für Kanzleien und Rechtsabteilungen könnte der Wettbewerb Vorteile bringen: Die Anbieter stehen unter Zugzwang, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen. Das tun sie unter anderem durch verbesserte und neue Features oder größere Datenquellen, was das Arbeitsergebnis verbessern könnte. Inwieweit sie der Wettbewerb auch auf den Preis auswirken wird, bleibt abzuwarten.