Interview zu Legal Tech

„Alle unsere Kinder sind was Besonderes!“

Autor/en
  • JUVE

John Fernandez ist Leiter der Innovationsabteilung bei Dentons und globaler Vorsitzender der Nextlaw Labs. Bevor er zu Dentons kam, war Fernandez Bürgermeister von Bloomington, Indiana, sowie Senior-Vizepräsident und Partner bei der First Capital Investment Group. Vom Präsidenten Obama nominiert und vom Senat bestätigt, war Fernandez beigeordneter Sekretär für Handel und wirtschaft­liche Entwicklung. Mit JUVE spricht über die Strategie seiner Kanzlei, früh in Start-ups zu investieren.

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John Fernandez
John Fernandez

JUVE: Sind Anwaltskanzleien der beste Ort, an dem Legal-Tech-Innovationen stattfinden können? Kanzleien sind doch sehr auf das operative Geschäft ausgelegt, es liegt eigentlich nicht in ihrer DNA, an die Zukunft zu denken.
John Fernandez: Wir haben Nextlaw Labs genau aus diesem Grund als eigenständige Firma gegründet. Wenn Sie innerhalb der Kanzlei arbeiten und derartige Investitionen tätigen wollen, ist es sehr schwierig, die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass Kanzleien der Ort sind, an dem viel in dieser Hinsicht passieren wird, weil sie so entscheidend sind in Bezug auf Rechtsberatungsangebote. In gewissem Maße ist das Wichtigste – zumindest meiner Meinung nach, wenn es um Innovation und die juristische Branche geht –, dass es nicht wirklich um die Technologie geht.

JUVE: Worum geht es dann?
John Fernandez: Es geht vor allem darum, wie wir tatsächlich arbeiten, wie wir unsere Dienste anbieten, wie wir mit den Mandanten in Kontakt treten. Es gibt da eine Menge Möglichkeiten, Prozesse zu erneuern.

JUVE: Also müssen Ihre Partner lernen, innovativ zu sein?
John Fernandez: Ja, und ich glaube, dass diese Umstrukturierungsprozesse ein mehrjähriges Unterfangen sind. Man muss ein Gefühl dafür bekommen, warum Veränderung wichtig ist. Es gibt derzeit viele Diskussionen darüber, was am Markt passiert, und die meisten unserer Anwälte spüren, dass etwas passiert. Die Beziehungen zum Mandanten haben sich im Verlaufe der letzten zehn Jahre verändert. Wenn man nun in der Kanzlei in einer gemischten Arbeitsgruppe oder einem Team mit Mandanten arbeitet, können alle etwas lernen. Nicht alles funktioniert, aber man lernt. Mit der Zeit kann sich so eine neue Kultur entwickeln. Das ist zumindest die Theorie. Fragen Sie mich noch mal in zehn Jahren!

JUVE: Wie sieht also Legal Tech momentan aus? Lassen sich die Anwälte auf Ihre Ideen ein? Oder denken sie: „Kommen Sie mir nicht mit diesen Start-ups, ich habe Wichtigeres zu tun“?
John Fernandez: Ehrlich gesagt, ist es ein bisschen von beidem. Da gibt es einige, die schneller sein möchten, als wir können. Dann gibt es Partner, die sozusagen die Fast Follower sind: Sie warten ab, bis jemand anderes die Risiken eingeht, und wenn sie gute Ergebnisse sehen, rücken sie nach. Ich meine, wir sind Anwälte, also stehen wir allem skeptisch gegenüber. Damit muss man umgehen. Es ist die kleine Gruppe der Early Adopters und derjenigen, die dazu neigen, den ersten Schritt zu wagen, auf die Leute wie ich ihre meiste Zeit verwenden.

JUVE: Welches sind die Firmen, in die Sie in Europa ­investieren?
John Fernandez: Aktuell befinden sich drei europäische Unternehmen in unserem Portfolio: Apperio, Libryo und Profinda. Seedcamp, eine Londoner First-Fund-Gruppe, die junge Tech-Firmen unterstützt, hat uns das Londoner Unternehmen Apperio vorgestellt. Apperio hat eine Managementlösung für neue Mandate entwickelt, die die Transparenz und Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant optimiert. Nach diesem Investment haben wir uns mit Seedcamp zusammengetan, um über eine Ausschreibung Early-Stage-Unternehmen zu identifizieren. In einer sechzigtägigen Phase bewarben sich bei diesem Programm mehr als 70 Start-ups aus aller Welt. Am Ende blieben zwei Finalisten übrig, einer davon heißt Libryo, ebenfalls ein europäisches Unternehmen. Libryo verwendet maschinelles Lernen und andere Technologien, um eine automatisierte Plattform zu entwickeln, die ortsbezogene rechtliche und regulatorische Vorschriften versteht. Sie arbeiten mit einigen sehr großen Unternehmen zusammen an der Produktentwicklung. Clause ist ein weiteres Unternehmen, das wir gemeinsam mit Seedcamp bereits im Frühstadium finanzieren. Sie entwickeln intelligente Verträge und integrieren eine Kombination aus Blockchain und anderen Technologien, mit denen Verträge auf Finanzplattformen der Mandanten verlinkt werden.

JUVE: Haben Sie eine Art Lieblingsinvestition?
John Fernandez: Alle unsere Kinder sind was Besonderes! (lacht)

JUVE: Aber da muss es doch ein ganz besonderes Kind geben!
John Fernandez: Nein, nein, noch nicht. Es ist noch zu früh, wir werden also sehen. Meine Liebsten werden die sein, die übernommen werden und einen Return on Investment generieren. Wer in Legal-Tech-Start-ups investiert, muss allerdings auch Fehlschläge tolerieren können. Nicht alles wird erfolgreich sein – wichtig für uns ist es, ein ausgewogenes Portfolio zu haben. Dadurch steuern wir Risiken und können uns mit den erfolgreichen Unternehmen auch die nicht erfolgreichen Unternehmen leisten.

JUVE: Welchen zusätzlichen Wert kann ein Anwalt zur Technologie bringen?
John Fernandez: Der Anwalt ist sehr wertvoll – eigentlich sind die Einsichten und Erfahrungen eines Anwalts sogar unschätzbar. Künstliche Intelligenz oder maschinelles Lernen beispielsweise funktioniert nur, wenn die Technik von einem Experten „angelernt“ wird. Das funktioniert nicht automatisch so wie eine Software, die man einfach installiert. Daher sind wir auf Anwälte angewiesen, die mit den Programmen arbeiten und damit die Software effizienter machen.

Das Gespräch führte Ulrike Barth. Das vollständige Interview lesen Sie im aktuellen JUVE Rechtsmarkt 08/2017.

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