Juve Plus Legal Tech Barometer Österreich

„Kleinere Kanzleien tun sich oft noch schwer“

Die Ergebnisse der von Future-Law erstellten Umfrage belegen, dass KI in der österreichischen Rechtsbranche angekommen ist. Fast 70 Prozent der Befragten nutzen bereits KI-gestützte Tools. Future-Law-Gründerin Sophie Martinetz über Chancen und Hürden.

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Sophie Martinetz

JUVE: Was sind die größten Herausforderungen bei der Nutzung von KI im juristischen Kontext?
Sophie Martinetz: Wir sehen in unserer Umfrage eine große Diskrepanz. Einerseits gibt es Leute, die Begriffe wie ‚Prompting‘ noch nicht kennen, andererseits Pioniere, die KI bereits vollständig in ihre Arbeitsabläufe integriert haben. Die großen Kanzleien tun sich dabei leichter als kleinere.

Woran liegt das?
Kleinere Kanzleien haben häufiger Angst vor Umsatzverlusten. Das zentrale Thema ist: Wofür wird man als Anwältin künftig bezahlt? Besonders, wenn man traditionell nach verrechenbarer Stunde arbeitet, entsteht oft der Trugschluss: Wenn ich mit KI statt vier Stunden nur zwei Minuten brauche, kann ich weniger verrechnen.

Wie unterscheiden sich die Situationen in Rechtsabteilungen und Kanzleien?
Rechtsabteilungen sind beim KI-Einsatz weiter als Kanzleien, was auch daran liegt, dass sie Teil größerer Unternehmen sind. Einige haben sogar Budgets von mehr als 500.000 Euro für Digitalisierung. So setzen bereits 60 Prozent der Rechtsabteilungen Tools ein. Sie stehen besonders unter Kostendruck und müssen mit gleicher Mitarbeiterzahl mehr Produktivität erzielen. Alle wünschen sich, dass administrative Arbeiten wegfallen, während die zunehmende Themenkomplexität eine für Juristinnen nicht ungewöhnliche Herausforderung darstellt.

Was sind die organisatorischen Herausforderungen bei der Einführung von KI?
Viele wissen nicht, wie man ein passendes Tool auswählt. Für Juristen ist der IT-Einkauf schwierig, da sie das sehr selten tun. Zudem haben viele zwar Tools wie den Co-Piloten, nutzen sie aber nicht, weil sie deren Potenzial nicht verstehen. Wichtig ist, hier die richtigen Vorarbeiten für ein Legal-Tech-Projekt einzuplanen und, gegebenenfalls mit externer Unterstützung, die sogenannte „Bereitschaft für Digitalisierung und KI“ in der Rechtsabteilung oder Kanzlei zu erreichen.

„KI wird zu einer Basistechnologie werden wie Word“

Wie verbreitet ist KI bereits in der juristischen Arbeit?
68 Prozent der Befragten setzen bereits KI-Lösungen ein, auch für inhaltliche juristische Arbeit. Das zeigt den Trend: KI entwickelt sich zur Basistechnologie. In den nächsten drei bis vier Jahren werden alle in irgendeiner Weise KI nutzen, ähnlich wie heute alle mit Word arbeiten.

Was sind die wichtigsten Skills für Juristen, um KI gewinnbringend einzusetzen?
Zunächst muss man den Trend erkennen und einfach ausprobieren. Generative KI ist erfolgreich, weil sie so benutzerfreundlich ist: Man gibt eine Frage ein und bekommt eine Antwort. Nach dem ersten Kennenlernen sollte man überlegen, wo KI im eigenen Arbeitsalltag helfen kann – etwa beim Zusammenfassen von Texten oder beim Stellen von Fragen an Dokumente. Für hochspezialisierte Tätigkeiten ist der Einsatz der KI komplexer, damit sie einen Mehrwert bringt, aber für Konzipienten in der Kanzlei kann sie enorm wertvoll sein.

An welchen Skills hapert es noch?
Offenheit, Neugierde und Präzision beim Prompten. Nur zu sagen, schreib einen Schriftsatz und dann gebe ich 1.000 Seiten rein, bringt nicht das gewünschte Ergebnis. Wenn ich so mit der KI spreche, werde ich nicht weit kommen. Ich muss schon detailliert erklären, was ich als Ergebnis haben möchte. Dabei tun sich übrigens Chefs oder Chefinnen leichter, die auch mit ihrem Team klar und präzise kommunizieren. Außerdem ist es wichtig, das Ergebnis noch einmal zu prüfen. Schließlich gibt man ja das, was ein Berufsanfänger erarbeitet hat, auch nicht ungeprüft an die Mandantin weiter.

„Wenn ich nicht weiß, wie ich eine Technologie nutzen soll, investiere ich auch nicht“

Was hat Sie bei den diesjährigen Umfrageergebnissen denn am meisten überrascht?
Die hohe KI-Nutzungsrate von 68 Prozent hat mich überrascht. Positiv hervorzuheben ist, dass KI für die richtigen Anwendungen genutzt wird: Textanalyse, Texte verfassen, Zusammenfassungen erstellen. Problematisch ist, dass viele eine allgemeine KI für Legal Research nutzen, wofür Sprachmodelle weniger geeignet sind. Hier sollte man auf spezialisierte Datenbanken mit proprietären Inhalten zurückgreifen. Erfreulich ist auch, dass KI aus den richtigen Gründen eingesetzt wird: für Effizienzsteigerung und Expertenunterstützung, nicht als Selbstzweck.

Wie wird KI insgesamt in der Branche wahrgenommen?
61 Prozent sehen KI als Chance, 35 Prozent sowohl Chance als auch als Herausforderung und nur 1 Prozent als Bedrohung. Viele erwarten qualitativ hochwertigere Arbeit durch Digitalisierung und KI. Die Frage wird also nicht mehr sein, ob man KI nutzt, sondern wie clever man dabei vorgeht.

Wie sieht es mit den Investitionen in Legal Tech aus?
Von den Gesamtausgaben fließen 50 Prozent in Mitarbeitergehälter, 14 Prozent in Miete, je 6 Prozent in Bürozubehör/IT und Dienstwagen/Reisen, 4 Prozent in Recherchedatenbanken und nur 2,9 Prozent in Legal Tech. Viele haben aktuell wenig bis gar kein Budget dafür, was zeigt: Wenn ich nicht weiß, wofür ich eine Technologie nutzen soll, investiere ich auch nicht. Allerdings haben fast 20 Prozent der Rechtsabteilungen weit mehr als 20.000 Euro dafür budgetiert.

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