Unter den KI-Anwendungen dominieren den Umfrageergebnissen zufolge Textanalyse, -erstellung und Zusammenfassung (63 Prozent) sowie Legal Research (57,1 Prozent). Bei bereits implementierten KI-Lösungen berichten 16,09 Prozent, dass ihre Ziele vollständig erreicht werden, und 60,92 Prozent, dass sie teilweise erreicht werden. Die Zufriedenheit mit KI-Lösungen variiert: Deren Geschwindigkeit wird positiv bewertet, während es bei Schulung und Einführung noch Optimierungsbedarf gibt.
Reasoning-Modelle im juristischen Umfeld gefragt
Jüngst eingeführt hat Binder Grösswang das KI-Tool ‚James‘. Das System soll Routineaufgaben übernehmen und eine hochwertige Grundlage für die anschließende Bewertung durch juristische Experten bieten. Arbeitsprozesse sollen so effizienter werden, um den Juristinnen und Juristen mehr Raum für die persönliche Mandantenbetreuung zu verschaffen.
Zu den KI-Modellen, auf denen das System basiert, zählen auch Reasoning-Modelle. Dabei handelt es sich um spezielle Sprachmodelle, die darauf ausgelegt sind, komplexe Probleme durch schrittweises, logisches Denken zu lösen. Statt nur Antworten zu generieren, versuchen sie, den Lösungsweg nachzuvollziehen und zu erklären, ähnlich wie ein Mensch eine Aufgabe Schritt für Schritt durchdenkt. Dadurch sollen diese Modelle komplexe juristische Sachverhalte besser erfassen können als herkömmliche GPT-Systeme (Generative Pre-trained Transformer).
Der Datenschutz- und IT-Rechtler Dr. Ivo Rungg hat sich auf Partnerebene dem Thema Legal Tech und KI innerhalb der Kanzlei angenommen: „Durch den Einsatz hochentwickelter Reasoning- Modelle schaffen wir eine digitale Arbeitsweise, die unsere juristische Expertise gezielt unterstützt – nicht ersetzt. Sie hilft uns, Informationen schneller zu strukturieren, komplexe Sachverhalte effizienter zu analysieren und unsere Beratung damit noch fundierter und mandantenorientierter zu gestalten.“
Die modular aufgebaute KI wächst nach Angaben der Kanzlei mit den Anforderungen, die an sie gestellt werden, und ermöglicht individuell zugeschnittene Anwendungen. Das Modell wird von der firmeneigenen IT in einer abgesicherten Umgebung betrieben.
Kooperationen nehmen zu
Dass Kanzleien mit Legal-Tech- oder KI-Anbietern zusammenarbeiten und neue Produkte entwickeln, ist nicht neu. Neu ist aber die Häufigkeit und Intensität, in der sich Kanzleien, insbesondere internationale große Einheiten, mit Tech- und KI-Anbietern zusammentun, um mit der rasanten und wettbewerbsorientierten Entwicklung von künstlicher Intelligenz Schritt zu halten.
Im April gab Cleary Gottlieb Steen & Hamilton die Übernahme von Springbok AI bekannt, einem Unternehmen für generative KI-Produktentwicklung. Cleary investiert damit maßgeblich in die Entwicklung maßgeschneiderter KI-basierter Lösungen und erweitert sein KI-Know-how gleich in zweierlei Hinsicht: zum einen durch die neue Software und zum anderen durch die Übernahme eines großen Teams an Datenwissenschaftlern.
Zeitnah stellte A&O Shearman eine eigene KI-Lösung vor, die sie mit dem KI-Einhorn Harvey entwickelt hat. Es handelt sich um eine Sammlung spezialisierter KI-Agenten, die juristische Aufgaben wie die Analyse kartellrechtlicher Fusionskontrollen, Fragen der Cybersicherheit und die Strukturierung von Investmentfonds bearbeiten. A&O setzt diese Technologien nicht nur intern ein, sondern plant, sie im Rahmen eines Abonnementmodells auch Mandanten und sogar Wettbewerbern anzubieten. An den daraus erzielten Softwareeinnahmen solle nicht nur Harvey, sondern auch A&O beteiligt werden.
Nur wenige Tage später zog Freshfields nach und gab eine Partnerschaft mit Google Cloud bekannt. Ziel ist es, Gemini-KI-Tools im gesamten Unternehmen einzuführen und maßgeschneiderte KI-Agenten für den internen Gebrauch und die Mandatsarbeit zu entwickeln. Ob und inwieweit der Verkauf oder die Lizenzierung der KI-Agenten an Mandanten oder andere Kanzleien vorgesehen ist, ließ Freshfields auf Anfrage unbeantwortet. Und auch Eltemate, das Technologieunternehmen von Hogan Lovells, hat sich mit dem Tech- Start-up Fides zusammengetan, um digitale Lösung für das Management von Governance-Strukturen zu entwickeln.
Anspruch an KI ist vielfältig
Ein Blick auf die Entwicklungen zeigt die zunehmende Ausdifferenzierung des Marktes. Der Anspruch an KI ist vielfältig, und die Tools sind es ebenfalls. Die eine KI, die alle Bedürfnisse bedient, gibt es (noch) nicht. Die Frage ist: Muss es sie geben? Wer eine Off-Road-Tour machen will, braucht einen Jeep, wer gesehen werden will und Wert auf Schnelligkeit legt, einen Porsche, für den Alltag reicht vielleicht auch ein VW Polo.