Koryphäe stirbt mit 89

Schieds-Community nimmt Abschied von Karl-Heinz Böckstiegel

Er ist der international renommierteste Schiedsrichter, den Deutschland hervorgebracht hat, er hat die Schiedsgerichtsbarkeit in Deutschland geprägt wie kein Zweiter. Nun ist Prof. Dr. Karl-Heinz Böckstiegel im Alter von 89 Jahren verstorben.

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Man hat Böckstiegel nachgesagt, er sei „an iron fist in a velvet glove“, erinnert sich ein früherer Wegbegleiter – eine eiserne Faust im Samthandschuh. Geschmeidig im Umgang und hart in der Sache: Das musste man wohl sein, um 1984 den Vorsitz des Iran-United States Claims Tribunal zu übernehmen.

Eiserne Faust am Iran-US Claims Tribunal

Karl-Heinz Böckstiegel

Das Spezial-Schiedsgericht war für die Aufarbeitung von fast 4.000 Streitigkeiten zuständig, die sich aus der iranischen Revolution von 1979 ergaben. Es ging hoch her. Kurz bevor Böckstiegel Präsident wurde, hat der Schwede Nils Mangård sein Amt als Kammervorsitzender niedergelegt, nachdem iranische Schiedsrichter handgreiflich geworden waren und weitere Gewalt angedroht hatten. Es schadet auf dieser Bühne nicht, wenn jemand Eisenfaust und Samthandschuh kann.

Dass Amerikaner und Iraner sich auf den Deutschen Karl-Heinz Böckstiegel einigen konnten, sagt einiges über dessen Ausnahmekarriere bis dahin. „Er war der erste Schiedsrichter, der aus der deutschen Provinzialität ausgebrochen ist und sich ein wahrhaft internationales Renommee erarbeitet hat“, sagt ein renommierter Schiedsrichter der jüngeren Generation.

Geholfen hat sicherlich, dass Böckstiegel mit seiner Habilitationsschrift 1971 als Pionier ein Thema durchdrungen hatte, das nach der iranischen Revolution plötzlich hochakut wurde: der Staat als Vertragspartner ausländischer Privatunternehmen. Es gab Enteignungen und Vertragskündigungen, Tausende von Schadensersatzforderungen von US-Unternehmen lagen auf dem Tisch. Böckstiegel blieb bis 1988 Präsident des Iran-US-Tribunals.

Prominente Doktoranden

Zwischen 1975 und 2001 leitete Böckstiegel an der Universität zu Köln das Institut für Luft- und Weltraumrecht und war zugleich Inhaber des Lehrstuhls für Völkerrecht, Europarecht, Europäisches- und Internationales Wirtschaftsrecht. Einige der heute führenden Schiedsexperten haben bei ihm promoviert, darunter Dr. Torsten Lörcher (CMS) und Prof. Dr. Christian Borris (Borris Hennecke Kneisel). Borris war Ende der 80er-Jahre sogar für zwei Jahre Assistent Böckstiegels am Iran-US-Tribunal in Den Haag.

Nach seiner Zeit am Haager Tribunal wurde Böckstiegel zum bekanntesten, lange Zeit nahezu einzigen deutschen Schiedsrichter in großen Investitionsschutzverfahren. Das Schiedsgericht der Weltbank (ICSID), die wichtigste Institution für diese Verfahren, verzeichnet mehr als zwei Dutzend Fälle, an denen Böckstiegel beteiligt war.

Verdienste um die Schiedsgerichtsbarkeit in Deutschland

Neben allen internationalen Meriten, rund 400 wissenschaftlichen Aufsätzen und einer unüberschaubaren Liste von Ehrenämtern heben Wegbegleiter auch Böckstiegels Verdienste um die Schiedsgerichtsbarkeit in Deutschland hervor. „Er prägte die DIS über viele Jahre hinweg mit außergewöhnlichem Engagement, Weitsicht und Menschlichkeit“, schreibt die Deutsche Institution für Schiedsgerichtsbarkeit in einem Nachruf. „Von 1996 bis 2012 stand er als Vorstandsvorsitzender an der Spitze der DIS und führte sie mit großer Verantwortung und fachlicher Exzellenz. Seit 2012 war er unserer Institution als Ehrenvorsitzender eng verbunden.“ Böckstiegel war bereits ab 1974 in den Vorgängerorganisationen der DIS als Mitglied des Vorstands aktiv.

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