Debevoise bringt reichlich Erfahrun mit Verfahren der US-Aufsichtsbehörde SEC mit und beschäftigt in den USA eine Reihe früherer Staatsanwälte und SEC-Mitarbeiter. Die Kanzlei vertrat etwa Royal Dutch/Shell und Bristol-Myers Squibb vor der SEC. Die New Yorker Litigation-Chefin Mary Jo White beriet unter anderem speziell eingerichtete Gremien der Vorstände von Tommy Hilfiger und Westar Energy bei internen Ermittlungen. Welcher Anwalt nun bei Siemens die Federführung übernimmt, dazu schweigen sich Unternehmen und Kanzlei aus. Siemens kündigte zudem an, die Forensic-Accounting-Spezialisten einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft einzuschalten. Welche Gesellschaft das sein wird, steht noch nicht fest. Die Entscheidung darüber, so ein Siemens-Sprecher, läge bei Debevoise.
Der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats habe eine Kanzlei gesucht, die bislang keine Verbindungen zum Konzern hat und zugleich über eine hohe Akzeptanz bei der Börsenaufsicht in Deutschland und den USA verfügt. DAX30-Mitglied Siemens ist seit 2001 an der New Yorker Börse notiert. Es dürfte vor allem um die Vertretung vor der SEC gehen, denn das personell eher kleine, seit 2001 bestehende Frankfurter Büro von Debevoise arbeitet ebenfalls mit starkem US-Bezug und hat sich hierzulande eher mit Corporate- und Private-Equity-Mandaten positioniert.
Außerdem soll der Gründer der Antikorruptionsorganisation Tranparency International, Michael Hershman, künftig als Compliance-Berater des Konzerns fungieren. Die Organisation strebt jedoch derzeit an, das bisherige Mitglied Siemens aus dem Verein auszuschließen. Zudem warb das Unternehmen den Stuttgarter Oberstaatsanwalt Daniel Noa als neuen Leiter des Compliance-Offices ein. Zugleich wies Siemens Verdächtigungen gegen Mitarbeiter der Compliance-Abteilung zurück. Der Personalwechsel stünde in keinem Zusammenhang mit derartigen Spekulationen.
Die Compliance-Abteilung ist bei Siemens dem Personalvorstand zugeordnet. An ihn wiederum berichtet als Chief Compliance Officer und Leiter der Abteilung Corporate Personel Worldwide Dr. Albrecht Schäfer, seit 30 Jahren im Konzern und bis 2004 Chefsyndikus von Siemens. Noa wird eine Management-Ebene darunter angesiedelt sein. Schäfer wird die internen Untersuchungen weiterhin koordinieren.
Aus dem Markt wurde bekannt, dass sich inzwischen auch Vorstandschef Klaus Kleinfeld und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer vorsorglich prominenten strafrechtlichen Beistand gesucht haben: Kleinfeld wandte sich an den Münchner Prof. Dr. Klaus Volk, von Pierer an den Düsseldorfer Sven Thomas (tdwe Thomas Deckers Wehnert Elsner). Es ist anzunehmen, dass weitere Top-Manager diesem Beispiel folgen werden. Insgesamt ist bereits praktisch die gesamte etablierte Münchner Riege der Wirtschaftsstrafverteidiger beteiligt. Der verhaftete Ex-Vorstand Thomas Ganswindt wird nach Marktinformationen durch den Karlsruher Verteidiger und ehemaligen Redeker-Anwalt Michael Rosenthal vertreten.
Für den Konzern selbst sind bereits seit der Durchsuchung vor rund vier Wochen die Münchner Strafverteidiger Dr. Eckhart Müller (Dr. Müller Heyng Gussmann Schütrumpf) und Dr. Klaus Leipold (Lohberger & Leipold) tätig. Die Höhe zweifelhafter Zahlungen beziffert Siemens inzwischen mit rund 420 Millionen Euro. Nicht alles sei über schwarze Kassen im Ausland geflossen, es ginge auch um Zahlungen an Berater. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt mit einem Team gegen etwa ein Dutzend aktuelle und frühere Siemens-Mitarbeiter wegen Untreue zum Nachteil von Siemens. Inwieweit das abgeflossene Geld für Bestechungen verwendet wurde, ist weiter unklar. Die Liechtensteiner und Schweizer Behörden jedenfalls ermitteln Presseberichten zufolge ebenfalls wegen Korruption und Geldwäsche.