Neben Harvey und Legora, die über Millionenbudgets verfügen, drängen auch Microsoft und Anthropic mit teils eigenen Tools in den Rechtsmarkt.
Auch Libra wächst rasant: Von rund 20 auf über 70 Mitarbeitende in kurzer Zeit, knapp 10.000 Nutzer. Hinter dem Legal-AI-Anbieter steht seit vergangenem Jahr Wolters Kluwer, einer der weltweit größten juristischen Fachverlage. Im Geschäftsjahr 2025 setzte der Verlag rund 6,1 Milliarden Euro Umsatz mit Fachinformationen, Softwarelösungen und Services um. Der Rechts- und Compliance-Bereich zählt zu den zentralen Geschäftsfeldern des Unternehmens.
Die Partnerschaft mit Wolters Kluwer verschafft Libra Zugang zu exklusiven juristischen Inhalten und erinnert an die Kooperation, die der Verlag C.H. Beck im Frühjahr vergangenen Jahres mit dem KI-Unternehmen Noxtua eingegangen ist. Die Rechtsdatenbank von Wolters Kluwer verschafft Libra-Nutzern Zugang zu Daten in zehn europäischen Jurisdiktionen. Viktor von Essen, ehemaliger Freshfields-Anwalt, ist Gründer und CEO von Libra. Er sagt: „Wir haben den Anspruch, dass jemand, der grenzüberschreitend in Europa arbeitet, in Libra für alle Jurisdiktionen qualitativ hochwertige Daten vorfindet.“ Dort, wo keine originären Verlagsinhalte vorliegen, strebe man Partnerschaften an oder arbeite mit öffentlich zugänglichen Quellen.
Zugang zu Rechtsdatenbanken entscheidend
Von Essen will sich damit bewusst von Wettbewerbern wie Harvey und Legora abgrenzen. Diese sind mit dreistelligen Millionenbeträgen ausgestattet und werben prominent: Legora mit Hollywoodstar Jude Law, Harvey mit Gabriel Macht alias Harvey Specter aus der Anwaltsserie Suits. Daneben haben beide Unternehmen Profisportler und Vereine als Werbepartner. „Im Markt gibt es derzeit viel Aufmerksamkeit für große Finanzierungsrunden und prominente Markenauftritte. Für Kunden entsteht daraus aber nicht automatisch ein Mehrwert. Unser Fokus liegt weiterhin auf der Entwicklung Richtung ‚Agentic Workspace‘. Wir konzentrieren uns voll auf die Weiterentwicklung des Workflows, der die juristische Arbeit nicht nur verbessert, sondern neu denkt, basierend auf verlässlichen Inhalten und hochwertigen Daten“, meint von Essen.
Während Harvey und Legora vor allem auf Workspace-Lösungen setzen, positioniert sich Libra über den Zugang zu exklusiven Rechtsdatenbanken. Die reine Workspace-Strategie ohne proprietären Content hält von Essen für schwer zu verteidigen, vor allem seit Tech-Giganten wie Microsoft und Anthropic mit eigenen Legal-Lösungen in den Markt drängen.
KI-Gigant Anthropic hat ‚Claude for Legal‘ veröffentlicht und setzt damit seinen Einstieg in den Legal AI-Markt konsequent und mit rasantem Tempo fort. Die Anwendung geht mit über 20 neuen MCP-Konnektoren, also technischen Schnittstellen, an den Start. Claude schafft damit Verbindungen zu den Softwares der Rechtsbranche sowie 12 neue Plug-ins, die auf spezifische juristische Arbeits- und Praxisbereiche zugeschnitten sind. Es soll unter anderem auch eine Schnittstelle zu Harvey geben: Aus Claude heraus sind Harvey-Workflows aufrufbar. Auch eingehende Matter-Mails soll Claude scannen, Anfragen erkennen und Notizen und Antworten sowie weitere Schritte entwerfen. Erst vor Kurzem veröffentlichte das Unternehmen als einen der ersten Schritte in den Rechtsmarkt ‚Claude for Word‘ als Beta-Version und listete explizit juristische Anwendungsfälle auf. Stand heute ist die berufsrechtskonforme Nutzung in Deutschland aber noch nicht so einfach möglich.
Microsoft brachte Ende April den sogenannten Legal Agent auf den Markt, der direkt in Word integriert ist. Der Agent soll Verträge Klausel für Klausel gegen Playbooks prüfen und dabei die Formatierung sowie Änderungsnachverfolgung erhalten. Microsoft verspricht, dass der Agent komplexe Verträge analysiert, in spezifische Klauseln eintaucht und verschiedene Versionen vergleicht, um Risiken zu identifizieren. Alle Vorschläge sollen mit Quellenangaben versehen sein, die direkt auf die entsprechenden Textstellen verweisen. Nummerierungen, definierte Begriffe, Querverweise und Standard-Vertragsstrukturen.
Anbieter unter Druck
Für welche Art von Legal-AI-Anbietern Anthropic und Co. gefährlich werden könnten, hängt auch davon ab, welchen Wert man exklusiven, juristischen Daten zuspricht. „Reine KI-Funktionalität wird schnell austauschbar. Wer keinen eigenen Zugang zu juristischem Content hat, verliert Differenzierung und damit langfristig strategische Substanz“, so von Essen.
Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass die grundlegenden KI-Funktionen zunehmend replizierbar werden. Erst kürzlich demonstrierte ein ehemaliger Latham-Associate, wie sich Tools à la Harvey angeblich in zwei Wochen mit Claude nachbauen lassen. „Am Ende des Tages muss man das stärkste Sprachmodell mit dem besten Datenpaket kombinieren“, sagt von Essen.
Auch wenn Legora keinen exklusiven Zugang zu Verlagsdaten von Wolters Kluwer oder dem Beck-Verlag hat, ist Nathalia Schomerus, verantwortlich für Innovation bei Legora, sicher, dass Legora gegenüber Anthropic und Co. mehr zu bieten hat. Legora biete eine Enterprise-Plattform mit allem, was funktional und an Sicherheitsstandards dazu gehöre, sagte sie im April dieses Jahres im JUVE-Interview. Ein Legora-spezifischer Agent laufe in einer sehr sicheren, berufs- und datenschutzkonformen Umgebung mit internen Datenbanken und Anschlüssen an externe Datenbanken wie der vom Verlag Otto Schmidt. Zudem sei das Thema Datenschutz sehr wichtig, betonte sie damals. Bei Legora flössen keine Daten in die USA ab oder würden für Trainingszwecke verwendet.
Ob man sich als Anbieter US-Investoren an Bord holt, sich mit einem Verlag zusammentut oder einen ganz anderen Weg einschlägt, ist am Ende auch eine strategische Entscheidung. Auch Libra prüfte verschiedene strategische Optionen. Von Essen entschied sich jedoch bewusst für Wolters Kluwer. „Ich habe von unseren Kunden immer wieder gehört, wie wichtig ihnen verlässliche Inhalte und Daten sind“, sagt er. Lange habe Libra geprüft, inwieweit sich relevante Inhalte allein über Kanzleidaten erschließen lassen. In der Praxis habe sich jedoch gezeigt: Kanzleidaten sind häufig fragmentiert, sensibel und nicht ohne Weiteres skalierbar nutzbar. Deshalb seien kuratierte Verlagsinhalte für den Aufbau belastbarer Legal-AI-Lösungen zentral.
Schnittstellen zur Kanzleisoftware
Zum Mai hatte Libra ein umfassendes Produktupdate an den Start gebracht. Die Plattform wird stärker ‚agentic‘: Nutzer können nahtlos vom Chat in Discovery-Funktionen wechseln. Hinzu kommen neue Recherche-Integrationen und Drafting-Funktionen, die auf umfangreichen, qualitätsgesicherten juristischen Vorlagen und Inhalten für europäische Jurisdiktionen aufbauen. Von Essen sieht darin einen zentralen Unterschied zu reinen API- oder Workspace-Ansätzen: Wettbewerbsvorteile entstehen nicht allein durch ein Interface, sondern durch die Tiefe, mit der verlässliche Inhalte in Recherche, Drafting und Workflows integriert sind. „Ohne direkten Zugang zu lizenzierten Fachinhalten und strukturierten juristischen Daten bleibt Legal AI bei Recherche und Drafting schnell an der Oberfläche.“ Von Essens Vision: eine Plattform, die nach oben mit Content-Sets verschiedener Verlage verbunden ist und nach unten mit Kanzleisoftware wie iManage, Kleos oder SharePoint. „Wir wollen den Kreis schließen: Ich will meine eigenen Daten besser nutzbar machen, ich will, dass der Chat agentisch funktioniert, und wenn ich Experten-Inhalte brauche, habe ich Direktzugang – für ganz Europa.“
Brücke zum Öffentlichen Sektor
Ein weiterer Schritt: Libra will künftig verstärkt auf Rechtsabteilungen zugehen. Bisher stammt ein kleinerer Teil der Kunden aus Corporate Legal Departments, doch von Essen sieht dort großes Potenzial. Die Idee: Inhouse-Counsel und externe Anwälte arbeiten auf derselben Plattform. KI übernimmt die erste Strukturierung und Vorprüfung, der Anwalt steigt dort ein, wo rechtliche Bewertung, Risikoabwägung oder Eskalation erforderlich sind. Ähnliche Modelle werden im Markt diskutiert, von Essen sieht aber bisher kaum Beispiele, in denen dieser Ansatz bereits konsequent im Alltag umgesetzt wird.
Auch der Öffentliche Sektor rückt bei Libra weiter in den Fokus. Mit der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG zählt in Deutschland bereits eine öffentliche Organisation zu den Kunden von Libra. Auch in weiteren europäischen Märkten werden Anwendungsmöglichkeiten im Öffentlichen Sektor derzeit ausgelotet. „Ich finde den öffentlichen Sektor persönlich furchtbar spannend“, sagt von Essen, ehemaliger Freshfields-Anwalt, der seine Wahlstation am Bundesverfassungsgericht absolvierte.
Auch Konkurrent Beck Noxtua positioniert sich im Government-Bereich. Bereits vor sechs Monaten kündigte Noxtua-Gründer Dr. Leif-Nissen Lundbæk im JUVE-Interview an, dass 2026 ein strategischer Fokus auf der öffentlichen Verwaltung und der Justiz liegen werde. Insbesondere die Gerichte müssten auf KI reagieren, sie würden von Kanzleien mit KI-generierten Dokumenten überschwemmt und könnten gar nicht mehr anders, als selbst auf diese Technologie zu setzen.
In Vorbereitung auf den Vorstoß ins Verwalterssegment hatte Noxtua bereits im vergangenen Jahr eine Kooperation mit dem Erich Schmidt Verlag geschlossen, der vor allem Daten und Inhalte für diese Zielgruppe vorhält. Der Erich Schmidt Verlag bringe mit seinen Kommentaren zum Öffentlichen Dienstrecht eine hohe fachliche Tiefe ein, die die KI-Lösung von Beck Noxtua noch leistungsfähiger mache, sagte Lundbæk weiter.
Welcher Weg im Legal-AI-Markt der vielversprechendste für Anbieter ist und wann es zu Konsolidierung kommen wird, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem auch von der Entwicklung der großen Player wie Microsoft, Google und Anthropic. Content allein wird auf Dauer jedenfalls nicht ausreichen, Jude Law aber auch nicht.