Interview

„Wir sind rund 30 Prozent kleiner als vor dem Krieg“

Als JUVE gestern Nachmittag mit Timur Bondaryev, dem Managing-Partner der ukrainischen Kanzlei Arzinger sprach, fühlte der sich noch sicher in Lwiw. Heute früh ereilt uns die Nachricht, dass es russische Raketenangriffe auf die Infrastruktur der westukrainischen Region gegeben hat. Auf die Unbeständigkeit der Situation in dem umkämpften Land hatte sich die Kanzlei zielgerichtet eingestellt.

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Auch wenn das Kiewer Büro von Arzinger gut geschützt im Regierungsviertel liegt, ist seine Nutzung noch zu riskant. Foto: Arzinger

JUVE: Herr Bondaryev, wie geht’s Ihnen und Ihren Mitarbeitern aktuell?

Timur Bondaryev: Momentan pendele ich immer noch zwischen Lwiw und Kiew, mittlerweile sind die Kämpfe und Raketenangriffe dort weniger geworden. Und glücklicherweise sind unsere Büros in Kiew und Odessa bislang unbeschadet geblieben, jedoch haben wir unseren Kollegen immer noch bis auf Weiteres untersagt, die Büros zu besuchen. Mehrere unserer Mitarbeiter sind noch im Ausland, besonders die Mitarbeiterinnen. 

Timur Bondaryev

Vor welchen Herausforderungen steht Ihr Kanzleimanagement aktuell?

Wir haben schon in der frühen Phase des Krieges erkannt, dass sich unser Leben drastisch verändert hat und haben schon in den ersten Wochen mit großer Ernsthaftigkeit über eine Umstrukturierung der Kanzlei gesprochen. Uns war klar, dass wir Personal abbauen müssen, um uns der neuen Realität anzupassen. Vor dem Krieg waren wir eine der größten Kanzleien auf dem ukrainischen Markt, aber diese Personalstärke ist derzeit nicht notwendig. Gleichzeitig brauchen unsere Mitarbeiter aber auch Beschäftigung. Mittlerweile ist die Umstrukturierung abgeschlossen und zum 1. Juni sind wir als Kanzlei in verkleinerter Version unterwegs. Aber alle Kernbereiche sind weiterhin vertreten.

Was genau heißt das?

Wir sind rund 30 Prozent kleiner als vor dem Krieg. Den größten Teil der Umstrukturierung betraf das Backoffice, für deren Aufgaben wir vorerst in der Remotearbeit keine Verwendung finden. Aber auch einige Anwälte sind etwa temporär bei befreundeten Kanzleien im Ausland beschäftigt, andere sind in ein Secondment zu Mandanten gewechselt, wieder andere haben sich ganz umorientiert. Doch alle haben mir gesagt, sie wollen wieder zurück in die Ukraine.

Wie hat sich der Krieg auf die Gestaltung der geschäftlichen Gegebenheiten ausgewirkt?

Unsere Auslastung ist mit Beginn des Krieges drastisch gefallen. Mittlerweile haben wir uns leicht davon erholt und die Mandatsanfragen kommen wieder zurück. Man muss gestehen, viele Mandanten haben gelitten. Ihre Assets wurden beschädigt oder sie haben sie sogar ganz verloren. Daher erreichen uns vor allem Anfragen, wie sich die Schäden nun fixieren lassen und wie man derartige Einbuße künftig gerichtlich geltend machen kann. Schadensersatzklagen, Arbitration und Arbeitsrecht werden aktuell viel nachgefragt. Aber auch steuerrechtliche Fragen kommen einige auf, da aktuell das Steuerrecht in der Ukraine komplett umgebaut wird. Zudem häufen sich die gesellschaftsrechtlichen Fragen bezüglich der Assets mit potenziell russischen Wurzeln, die derzeit eingefroren sind. Diese wollen die Unternehmen natürlich schnellstmöglich veräußern. Fusionskontrolle bleibt nach wie vor ein wichtiges Gebiet, indem wir recht gut ausgelastet sind – größere internationale Transaktionen kann die ukrainische Wettbewerbsbehörde auch während der Kriegszeit kaum vermeiden.

In einem Krieg muss mittlerweile auch mit Cyberangriffen gerechnet werden. Wie geht Ihre Kanzlei damit um?

Corona war für uns ein guter Test, um unser IT-System und die entsprechende Infrastruktur anzupassen. Wir können alle sehr gut aus der Ferne arbeiten. Und schon vor dem Krieg gab es russische Hackerangriffe, die uns gezeigt haben, dass unsere Abwehrsysteme gut darauf reagieren.

Mit welchem Gefühl blicken Sie aktuell in die Zukunft?

Dass die Botschaften –  etwa der USA –  nach Kiew zurückkommen, ist ein gutes Zeichen und zeigt, dass unsere Hauptstadt gut bewacht und aufgestellt ist. Auch die Gerichte in Kiew haben seit ein, zwei Wochen ihre Arbeit wieder aufgenommen. Langsam kommt das Leben zurück. Doch die größte Falle ist, dass man sich an den Krieg gewöhnt und unser gemeinsamer Widerstand nachlässt. Sollten wir dann verlieren, geht der Krieg in Europa weiter. Ich habe gar keine Zweifel, dass die Ukraine gewinnen wird, die Fragen sind nur, wann und welchen Preis wir dafür zahlen werden. Es ist daher wichtig zu betonen, dass jeder Mensch in der Welt zu dem Sieg beitragen und diesen beschleunigen kann.

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