Interview mit Arzinger

„Lwiw ist das einzige noch funktionierende Büro“

Normalerweise beraten die 14 Partner und weitere rund 80 Anwältinnen und Anwälte der ukrainischen Kanzlei Arzinger internationale Unternehmen bei ihren Aktivitäten in der Ukraine und umgekehrt. Seit vier Wochen ist alles anders. Managing Partner Timur Bondaryev steht in einem Randbezirk von Kiew, während er mit JUVE spricht. In den 30 Minuten des Gesprächs sind vier Raketeneinschläge zu hören, der erste noch recht leise. Die späteren näher und lauter.

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Ein zerstörtes Hochhaus in Kiew. In der ukrainischen Hauptstadt befindet sich auch das Headquarter der Kanzlei Arzinger Foto: abaca/BePress/Abaca/picture alliance

JUVE: Herr Bondaryev, wo befinden Sie sich gerade?

Timur Bondaryev: Ich pendle derzeit zwischen Lwiw und Kiew – dabei transportieren wir jeweils Menschen und Hilfsgüter hin und her. Lwiw kann man sich derzeit vorstellen wie Lissabon während des Zweiten Weltkriegs: Von dort aus geht es Richtung Westen. Für die Kanzlei ist Lwiw nun auch das einzige noch funktionierende Büro, in die Gebäude in Odessa und Kiew kommt man derzeit nicht rein. In Kiew und Lwiw funktioniert auch das Internet noch, anders als im Osten. Von der Stadt Mariupol beispielsweise ist nicht mehr viel übrig.

Sind Sie und Ihre Leute in Sicherheit?

Viele Kolleginnen, Kinder sowie unsere Familien sind außer Landes, teils in Polen, Österreich und Deutschland. Wir haben dabei auch fantastische Unterstützung von mehreren befreundeten internationalen und lokalen Kanzleien in den jeweiligen Ländern bekommen, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten. Das war sehr hilfreich, weil es ja nicht nur um Logistik und Unterkunft ging, sondern auch um konkrete Migrationsfragen.

Timur Bondaryev

Was machen Ihre Mitarbeiter jetzt?

Wir bauen gerade eine Art virtuelles Büro in Warschau auf, wo sich insgesamt ca. 10 Kollegen und Kolleginnen befinden. Allzu viele Anfragen gibt es ja derzeit eh nicht, das sind etwa 10 Prozent unseres normalen Arbeitsaufkommens. Vor allem Fragen zu insolvenz-, steuer- und arbeitsrechtlichen Themen oder Force-majeure-Klauseln. Schadenersatzthemen tauchen jetzt auch viel häufiger auf.

Wie es weitergehen wird, wissen wir natürlich nicht. Für die nächsten drei Monate haben wir unseren Mitarbeitern die Gehälter garantiert. Es gab auch Vorauszahlungen, damit sie genug Geld für die Flucht haben. Aber ob wir auch danach für sie sorgen können, steht in den Sternen. Wir haben ja fast keinen Umsatz.

Was sehen Sie derzeit als Ihre wichtigste Aufgabe?

In den letzten Wochen habe ich von vielen befreundeten Kanzleien aus der ganzen Welt die Möglichkeit bekommen, die da draußen zu informieren, was hier wirklich passiert. Dass die Russen gerade dabei sind, unser Land zu erobern. Die Leute müssen verstehen, dass das ein richtiger Krieg ist. Und wenn das nicht gestoppt wird, dann ist der Krieg bald auch in Polen und in Österreich. Wir sind nur der Puffer!

Welche Möglichkeit sehen Sie für sich und Ihr Land?

Ich setze auf die Unterstützung durch unsere europäischen und US-amerikanischen Partner. Und ich hoffe, dass bei der russischen Bevölkerung irgendwann der Groschen fällt. Es ist erschreckend, wie gut Putins Propaganda dort funktioniert. Ich bin in Luhansk geboren und habe viele russische Verwandte. Die glauben alle an Putins Märchen vom Neonazi-Regime in Kiew. Mich haben sie noch nicht einmal angerufen, um zu hören, wie es mir geht, und ob ich und meine Familie noch am Leben sind.

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