On the record

Kanzleistrategie? „Planung ersetzt bloß Zufall durch Irrtum“

Der Preis der Freiheit ist ein weitgehender Verzicht auf Management – und das bedeutet, dass auf Dauer die Organisation unter ihren Möglichkeiten bleibt. Was ist das richtige Maß an Strategie und Management? Wir haben zwei Partner mittelständischer Kanzleien auf ein Wort gebeten.

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„Eine Beraterpersönlichkeit lässt sich nicht auf eine mathematische Formel reduzieren“

Christian Löhr

Dr. Christian Löhr, Rechtsanwalt und Notar der Essener Kanzlei Kümmerlein, gehört zum Führungsgremium seiner Kanzlei.

Wir halten nichts davon, Fragen durch starre Kriterien bereits im Vorfeld abstrakt zu beantworten, um dann in der konkreten Situation die Entscheidungskriterien über den Haufen zu werfen, weil die Wirklichkeit sich leider nicht an unsere Planung hält. Würden wir neue Kolleginnen und Kollegen vorbeiziehen lassen, weil sie nicht in unsere Planung passen, obwohl sie eigentlich eine tolle Verstärkung wären? Natürlich nicht! Anwaltspersönlichkeiten haben bei uns immer Platz.

Gleiches gilt für die Verpartnerung: Sie ist bei uns eine wohlüberlegte Lebensentscheidung: Wir haben und wollen keine De-Equitisation für den Fall, dass es nachher nicht klappt. Klar scheint es viel einfacher, wenn wir einen Kriterienkatalog mit ,check the box‘-Methodik hätten. Eine echte Beraterpersönlichkeit lässt sich aber nicht auf eine mathematische Formel reduzieren. Deswegen ist die Entscheidung komplex und erlaubt keinen starren Katalog, geschweige denn Partnerslots.

Was aber bleibt dann als Strategie im Personalbereich? Wir wollen Anwaltspersönlichkeiten, die mit Freude anpacken und unsere Werte teilen: Spaß an der besten Lösung für den Mandanten, Verständnis für die Besonderheiten einer mittelständischen Einheit, Respekt und Toleranz, breit gestreute, nicht nur auf das Juristische fokussierte Interessen. Bisher sind wir damit gut gefahren. Denn es sind nicht nur talentierte Männer und Frauen als Berufseinsteiger zu uns gekommen, sondern auch mit Berufserfahrung aus Spitzenkanzleien – gerade weil eine Managed Law Firm ihnen den notwendigen Freiraum nicht bieten konnte.

„Mitgestaltung ist zentral für unsere Strategie“

Marian Niestedt ist Partner im Hamburger Büro
von GvW Graf von Westphalen und zuständig für
Personalthemen.

Eine Personalstrategie ist auch für mittelständische Kanzleien unerlässlich. Wir orientieren uns dabei stark an den Bedürfnissen der Associates. Natürlich sind diese angesichts unterschiedlicher Charaktere und Lebensmodelle verschieden. Entsprechend flexibel muss daher auch unsere Personalstrategie sein. Die Zeiten, in denen nur aufs Gehalt geschaut wurde, sind lange vorbei. Softe Faktoren wie Zufriedenheit, Arbeitsklima oder soziales Engagement werden neben der Karriereperspektive immer wichtiger.

Zur Flexibilität gehört bei uns auch, eine Partnerschaft in Teilzeit zu ermöglichen. Zentrale Säule unserer Personalstrategie ist traditionell die Möglichkeit, die Kanzlei aktiv mitzugestalten. Ob Mandatsarbeit, BD-Maßnahme oder CSR-Projekt – gerade als mittelständische Kanzlei suchen wir von Tag eins an Unternehmer und Unternehmerinnen. Das wird durch unsere flachen Hierarchien und die offene Kanzleikultur erheblich erleichtert.

Von Vorteil ist dabei, dass die heutige Generation viel offener und bewusster von sich aus Themen anstößt. Um mitgestalten und mitreden zu können, ist Transparenz für uns eine Grundvoraussetzung. Zugegebenermaßen ist die interne Kommunikation eine Herkulesaufgabe in einer Kanzlei mit inzwischen 190 Anwälten und Anwältinnen an neun Standorten. Um die Kommunikation und den Informationsfluss zu fördern, setzen wir daher auf neue Plattformen wie unser Social Intranet ,Frag den Graf‘ oder übergreifende Gruppen zu Themen wie Flexibles Arbeiten, Pro Bono oder Diversität.

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