Kommentar

Warum 155.000 Euro Einstiegsgehalt nüchtern kalkuliert sind

Viele schütteln den Kopf, weil Kanzleien sich mit aberwitzigen Einstiegsgehältern überbieten – zumal dem durchschnittlichen Berufsanfänger andere Dinge eigentlich ohnehin wichtiger sind als Geld. Dennoch zahlt Willkie Farr & Gallagher neuerdings als erste Kanzlei im deutschen Markt 155.000 Euro zum Einstieg – 10.000 Euro mehr als der bisherige Spitzenreiter Sullivan & Cromwell. Verrückt? Nein! Kanzleien handeln damit auf ihre Weise durchaus rational. Ein Kommentar von Norbert Parzinger.

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Norbert Parzinger
Norbert Parzinger

Geht’s noch, werden viele fragen. Kaum der großen Krise entronnen, gerade erst die Partnerentnahmen wieder ausgefroren, und schon fangen die ersten Kanzleien an, ihr Geld für noch höhere Associate-Gehälter zu verpulvern.

Doch wer Willkie Farr & Gallaghers neues Höchstgebot an Berufseinsteiger als irrationalen Exzess geißelt, übersieht, dass der Transaktionsmarkt seine eigene Logik hat. Die mag der schwäbischen Hausfrau nicht direkt einleuchten, nach Corona gilt sie aber mehr denn je: Finanzinvestoren haben inzwischen so viel Kapital eingesammelt, dass das Geschäft für starke Transaktionspraxen in den kommenden Jahren fast von selbst laufen sollte. Auch spürbar höhere Zinsen für Fremdfinanzierungen können das Deal-Geschäft nicht mehr abwürgen, denn Stillhalten ist für Private-Equity-Häuser, Pensionsfonds und ähnliche Mandanten schlicht keine Option.

Das Geld muss raus, was auch immer man davon halten mag. An den Beraterhonoraren soll es nicht scheitern. Darauf spekuliert nicht nur Willkie, sondern auch eine ganze Reihe weiterer Private-Equity-getriebener Praxen, die derzeit ihre Teams ausbauen, von Milbank bis Goodwin Procter und Shearman & Sterling.

Der kritischste Engpass dabei ist das Personal – auch Associates, die bereit sind, für den Erfolg alles zu geben. Diese Spezies wir immer rarer, und sie erwartet eine gebührende Belohnung. Dass noch ein paar tausend Euro mehr für einen bereits fürstlich bezahlten Berufsanfänger ähnlich sinnvoll klingen wie ein noch schnellerer Porsche auf der eh schon verstopften Autobahn – geschenkt. Wichtig ist nur, dass sich die Leute finden, denen so etwas wichtig ist. Wenn die Maschine erst einmal läuft wie geschmiert, wird daran auch die schwäbische Hausfrau ihre Freude haben.

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