„Juristisches Urteilsvermögen entsteht nicht durch das Lesen fremder Ergebnisse“
Markulf Behrendt ist Gründungspartner der Arbeitsrechtsboutique Behrendt, die einen KI-Schwerpunkt hat.
Nein, KI-Tools sollten von First Year Associates nicht für die juristische Mandatsarbeit verwendet werden. In den ersten Jahren der Berufspraxis muss der Fokus sein, das in der Universität Gelernte in der Praxis zu vertiefen und anzuwenden. Wer Schriftsätze von einer KI entwerfen lässt, lernt aber nicht zu recherchieren, sondern zu kopieren. Juristisches Urteilsvermögen entsteht nicht durch das Lesen fremder Ergebnisse, sondern durch das mühsame Erarbeiten eigener. Wer nie selbst eine BAG-Entscheidung gegen den Strich gelesen hat, wird nie erkennen, wo die KI elegant überzeugend falsch liegt. Genau diese Prüfung bleibt anwaltliche Kernaufgabe, heute wie in zehn Jahren. Nur wer das Handwerk und die Maschine beherrscht, kann beurteilen, wann er ihr vertrauen darf.
Es wäre aber fahrlässig, junge Associates ganz von KI fernzuhalten. Sie sollten die Systeme tiefer verstehen als jede Generation vor ihnen: wie sie funktionieren, warum sie halluzinieren, wie man sie mit eigenem Wissen trainiert und auf die eigene Arbeitsweise zuschneidet. Erst die intensive Auseinandersetzung mit KI – über die juristische Anwendung weit hinaus – erzeugt eine Ahnung davon, wo sie heute eingesetzt werden kann und wo nicht. Ein tiefes Verständnis ermöglicht es jungen Associates auch, mit KI-Anwendungen eigene Trends zu setzen. Zumindest für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte wird dies in der zukünftigen Beratungspraxis einen erheblichen Unterschied machen.
„KI ersetzt nicht die Ausbildung, sondern ist fester Bestandteil davon“
Prof. Dr. Eric Wagner ist Dispute-Resolution-Partner bei Gleiss Lutz und begleitet die Themen Legal Tech und KI.
Wer heute beginnt, anwaltlich tätig zu werden, wird seine gesamte berufliche Laufbahn in einer Welt verbringen, in der KI zum Standardwerkzeug gehört. Den verantwortungsvollen Umgang damit lernt man nicht durch Verzicht, sondern durch frühe, angeleitete Anwendung. First Year Associates sollten deshalb KI-Plattformen nutzen – selbstverständlich begleitet von praxisbezogenen Trainings und im berufsrechtlich konformen Rahmen.
Berufseinsteiger müssen die Grundlagen juristischer Arbeit sicher beherrschen. Gleichzeitig gehört der kompetente Umgang mit KI ebenso zur Ausbildung – so wie Piloten früh lernen, den Autopiloten verantwortungsvoll einzusetzen. Da der praktische Einsatz von Legal AI bislang noch nicht flächendeckend vermittelt wird, kommt Kanzleien hier eine besondere Ausbildungsrolle zu. Wer KI etwa beim Vertragsdrafting oder der Schriftsatzanalyse einsetzt, entwickelt so zugleich ein Gespür für Stärken und Schwächen der Technologie.
Entscheidend ist also nicht, ob KI genutzt wird, sondern wie. Verantwortung, juristische Bewertung, Überwachung und Qualitätssicherung bleiben bei den Anwälten. KI ersetzt nicht die Ausbildung des juristischen Nachwuchses, sondern wird zu einem festen Bestandteil davon. Die entscheidende Kompetenz der nächsten Juristengeneration wird nicht sein, ohne KI arbeiten zu können, sondern mit KI bessere juristische Entscheidungen zu treffen als ohne sie.