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18.01.2013

ThyssenKrupp: Cromme stellt sich mit Hengeler-Hilfe hitziger Hauptversammlung

Es war ein brisanter Tag für den ThyssenKrupp-Chefaufseher Gerhard Cromme. Auf der schwierigsten jährlichen Hauptversammlung des Konzerns seit Langem stand der Aufsichtsratsvorsitzende am vergangenen Freitag in Bochum im Kreuzfeuer.

Arne Wittig

Arne Wittig

In seiner Eröffnungsrede machte Cromme einen Parforceritt durch die Probleme des Konzerns – und griff auch die Kritik an den zahlreichen Gutachten externer Berater auf. Er könne die Skepsis verstehen, mit der der Einsatz externer Berater gesehen werde. Allerdings sei es aufgrund der Dimension der Probleme notwendig, alle Vorgänge einer Prüfung mit externer Hilfe zu unterziehen. Zudem kündigte er an, dass der Aufsichtsrat angesichts der dramatischen Entwicklung des Unternehmens auf die Hälfte seiner Vergütung verzichten wird, um ein Signal an die Aktionäre zu setzen.

Er ging auch auf die eigene Arbeit im Aufsichtsrat ein. Dieser habe zu lange vertraut, „wir hätten früher handeln können“, so Cromme. Allerdings habe der Aufsichtsrat immer dann gehandelt, „wenn entsprechende Fakten das ermöglicht haben – und wir haben konsequent gehandelt“, so Cromme.

Zuletzt hatten sich die Krisenherde im Unternehmen gehäuft. Konzernchef Heinrich Hiesinger wird für das Geschäftsjahr 2011/12 tiefrote Zahlen präsentieren. Rund 2,1 Milliarden Euro schreibt ThyssenKrupp auf die neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA ab und fährt damit einen Verlust von 1,87 Milliarden Euro ein. Die Schuldigen für das Debakel in der Sparte Steel Americas hat der Konzern intern schon ausgemacht. Im Dezember entließ Cromme schließlich drei der insgesamt sechs Konzernvorstände. Neben dem Stahlvorstand Edwin Eichler mussten zum Jahresende auch Olaf Berlien und Jürgen Claassen gehen.

Die Entlassungen hängen auch mit den Korruptionsvorwürfen und Kartellverstößen zusammen, mit denen sich ThyssenKrupp konfrontiert sieht. Neben den Luxusreisen für Journalisten und Arbeitnehmervertretern wirft vor allem die Verstrickung des Konzerns in das Schienenkartell ein schlechtes Licht auf die Unternehmensführung.

Was Cromme und Co erwartet

So ist es kein Wunder, dass verschiedene Gruppen kritischer Aktionären ihre Unzufriedenheit mit der Unternehmensspitze schon vor der HV deutlich bekundeten. Unter anderem beantragte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz DSW, den drei entlassenen Vorständen und dem Aufsichtsrat unter Vorsitz von Gerhard Cromme die Entlastung zu versagen. In beiden Fällen forderten die Anlegerschützer eine Vertagung, weil es mit den aktuellen Informationen nicht möglich sei, über eine Entlastung zu entscheiden. Um noch offene Fragen zu klären, will DSW-Geschäftsführer Thomas Hechtfische zudem notfalls beantragen, einen Sonderprüfer einzusetzen.

Auch Hans-Christoph Hirte, der den Aktionärsberater Hermes vertritt und rechtlich von der Kölner Kanzlei Oppenhoff beraten wird, sah schwere Kontrolldefizite beim Aufsichtsrat und kritisierte zudem das Entsendungsrecht der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Als Großaktionär hat sie das Recht, ohne Legitimation durch die Hauptversammlung drei Mitglieder des Aufsichtsrats alleine zu bestimmen. Auch Christian Strenger, unter anderem Mitglied der Corporate Governance Kodex-Komission der Bundesregierung, kritisiert das Entsendungsrecht. Es stelle fast 75 Prozent der anderen Aktionäre nachhaltig vor vollendete Tatsachen und führe zur Abhängigkeit jener Kontrolleure. „Angesichts der damit verbundenen, zuletzt so deutlichen Misserfolgsvita des Unternehmens sollte dieses ehedem überkommene Instrument nicht mehr genutzt werden“, forderte Strenger in der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘. Der Streit um das Entsendungsrecht ist indes nicht neu. Bereits 2007 prüfte das Landgericht Essen die Regelung 2007 und hielt sie für zulässig und bei ThyssenKrupp auch gerechtfertigt. Ähnlich entschieden die Gerichte im Fall Volkswagen – auch hier kritisierten Aktionäre das Entsendungsrecht (mehr…)

Gut gerüstet

Michael Hoffmann-Becking

Michael Hoffmann-Becking

Gegen die Attacken hatte sich ThyssenKrupp mit seinen Beratern entsprechend vorbereitet. So vertraut der Aufsichtsrat seit Jahren auf Hengeler Mueller und auch in der heutigen Hauptversammlung steht Crommes langjähriger Berater Prof. Dr. Michael Hoffmann-Becking gemeinsam mit den beiden Düsseldorfer Hengeler-Partnern Prof. Dr. Gerd Krieger und Dr. Georg Seyfarth dem Aufsichtsrat zur Seite. Die Kanzlei hat im Vorfeld in verschiedenen Gutachten die Rolle des Vorstands für den Aufsichtsrat unter die Lupe genommen. Zuletzt wurde für die anstehende Hauptversammlung erneut geprüft, ob die Vorstände für Fehlentscheidungen bei den Steel Americas-Projekten haften.

JUVE-Recherchen zufolge hat das Unternehmen zunächst einvernehmliche Aufhebungsverträge mit den Vorständen Berlien, Claassen und Eichler verhandelt. Ein zivilrechtliches Vorgehen gegen die drei Ex-Vorstände hängt allerdings auch vom Ergebnis der strafrechtlichen Ermittlungen ab, die zurzeit noch andauern.

Die eigene Arbeit in Sachen Steel Americas ließ der Aufsichtsrat vom Hochschulprofessor Prof. Dr. Axel v. Werder einer Effizienzprüfung unterziehen. Später prüfte auch Prof. Andreas Cahn von der Universität Frankfurt das Verhalten der Aufsichtsratsmitglieder.

Ralph Wollburg

Ralph Wollburg

Der neue Chefjurist Arne Wittig stieß erst im Oktober von der Deutschen Bank zu ThyssenKrupp (mehr…). Auf der Hauptversammlung wird der neue Rechtschef angesichts der Fülle von Fragen mit einer entsprechend großen Mannschaft antreten. Traditionell steuert ThyssenKrupp die rechtliche Komponente seiner Hauptversammlung stark aus dem eigenen Inhouse-Team. Flankiert wird der Vorstand von Linklaters-Partner Dr. Ralph Wollburg. Der Düsseldorfer prüfte im Vorfeld für den Vorstand die Steel Americas-Geschäfte.

Beauftragt worden war Linklaters noch vom früheren Chef des Corporate Centers Legal & Compliance, Dr. Thomas Kremer, der heute im Vorstand der Deutschen Telekom tätig ist (mehr…).. Unter der Ägide des neuen Thyssen-Rechtschefs Wittig soll sich die Beziehung zu Linklaters, wohl auch wegen der aktuellen Ereignisse, sogar noch intensiviert haben. So ist bekannt, dass neben Wollburg auch der Münchner Arbeitsrechtspartner Prof. Dr. Georg Annuß bei den Aufhebungsverträge mit den früheren Vorständen tätig ist. Hierbei soll dem Vernehmen nach der Ex-Vorstand Berlien als Berater auf Dr. Stefan Seitz und Dr. Marc Werner von der Kölner Kanzlei SBS Schlütter Bornheim Seitz setzen.

In den kartellrechtlichen Fragen verlässt sich ThyssenKrupp auf Freshfields Bruckhaus Deringer. Hier sind die langjährigen Berater Dr. Martin Klusmann, Dr. Tobias Klose und Dr. Uta Itzen aktiv. Unter anderem prüfte die Kanzlei in einem Gutachten aktienrechtliche Fragen in Bezug auf den Ex-Vorstand Eichler, während der Münchner Strafrechtlers Prof. Dr. Klaus Volk die strafrechtliche Seite untersuchte. Intern begleitet JUVE-Recherchen zufolge der erst seit Kurzem amtierende Chief Compliance Officer Dr. Christoph Klahold den Komplex. Unlängst überprüfte zudem die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG das Compliance-System von ThyssenKrupp.

Auf Anfrage verschiedener Aktionärsvertreter wurden in der HV auch die Kosten der Gutachten näher beziffert. Für die vier Gutachten von Hengeler, Linklaters, Cahn und v. Werder hat der Konzern nach eigenen Angaben zwischen 200.000 bis 250.000 Euro gezahlt. Die aktien- und strafrechtliche Prüfung im Zusammenhang mit den Kartellverstößen durch Freshfields und Volk kosteten 225.000 Euro.

Letztlich lehnt die Hauptversammlung beide Sonderprüfungsanträge mit großer Mehrheit ab und entlastete sowohl Vorstand als auch Aufsichtsrat. (UIrike Barth, Catrin Behlau)

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