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30.06.2016

Prozess um Oktoberfest-Party: Linklaters gerät in die Kritik

Im seit einigen Wochen laufenden Körperverletzungs-Prozess gegen den früheren Linklaters-Partner Laurenz Schmitt (54) gerät auch die Rolle seiner ehemaligen Kanzlei immer stärker in den Fokus. Sowohl Schmitt als auch das Opfer der Körperverletzung und der Nebenkläger – ein ehemaliger Linklaters-Partner – werfen der Kanzlei Fehler bei der Aufbereitung der Vorgänge vor, die zu der körperlichen Auseinandersetzung führten (824 Cs 451 Js 140669/15).

Nach Ansicht der Münchner Staatsanwaltschaft hatte Schmitt seinen ehemaligen Kollegen mit der Faust ins Gesicht geschlagen, nachdem dieser eine Studentin am Rande einer Kanzleifeier Ende September 2014 massiv sexuell bedrängt haben soll. Im Zuge dessen mussten beide Partner die Kanzlei verlassen, im Oktober zunächst der langjährige Partner, im Dezember 2014 dann auch Schmitt.

Insbesondere im Münchner Büro von Linklaters, aber auch kanzleiweit war es nach dem Vorfall zu heftigen Diskussionen um den richtigen Umgang mit dem Vorwurf sexueller Belästigung gekommen. Nun wird auch dieser Teil der Affäre vor Gericht beleuchtet.

Unbestritten ist, dass es bei Linklaters in den Tagen nach den Vorfällen eine Aufarbeitung der Vorkommnisse gegeben hat. Es gab mehrere Befragungen in Frankfurt und Berlin, an denen auch der damalige Senior-Partner Dr. Carl-Peter Feick beteiligt war. Auch in London fanden Befragungen statt.

Die Anwälte des ehemaligen Partners kritisierten vor allem die erste Befragung des mutmaßlichen Opfers der sexuellen Übergriffe und zweier weiterer Zeuginnen durch Feick: Niemand habe dabei Protokoll geführt. Zudem sei das mutmaßliche Opfer weder darauf hingewiesen worden, dass es arbeitsrechtlich keine Verpflichtung gab, auszusagen, noch auf das Recht, einen Zeugenbeistand hinzuzuziehen. Das sei Stoff in der Polizeischule am ersten Nachmittag, so Nebenkläger-Anwalt Dr. Alexander Betz.

Auch Schmitt kritisierte die Art der Aufklärung durch Linklaters. So habe schon sein erstes Gespräch in London seitens Linklaters mit der Feststellung begonnen: „He did not rape her“ – er hat sie nicht vergewaltigt. An einer wirklichen Aufklärung war die Kanzlei seiner Meinung nach nicht interessiert, gab Schmitt zu Protokoll.

Bis zur Anzeige wegen Körperverletzung verging ein Jahr

Vordergründig einig sind sich beide ehemaligen Partner darin, dass sie die Ereignisse offiziell aufgeklärt haben wollen. Das Opfer des Faustschlages stellte allerdings erst ein Jahr nach dem Vorfall Anzeige gegen Schmitt. Warum so spät, fragte Schmitt, der sich vor Gericht in weiten Teilen selbst verteidigte. Der ehemalige Partner erklärte, er habe früher Anzeige erstatten wollen, aber das Linklaters-Management habe ihm davon abgeraten. Heute tue es ihm leid, dass er die Woche nach dem Fest, so wie Feick es ihm geraten hatte, zuhause geblieben sei – gemäß offizieller Version, um eine Bindehautentzündung auszukurieren. Zudem habe er mit Linklaters vereinbart, nichts über die Umstände seines Weggangs nach außen zu tragen. Man habe keinen Staub aufwirbeln wollen. Erst als ihm durch die Berichte der Boulevardpresse klar geworden sei, dass Schmitt eine Rufmord-Kampagne gegen ihn führe, habe er sich zur Anzeige entschlossen. Immerhin habe auch nicht das mutmaßliche Opfer, sondern Schmitt ihn angezeigt.

Zum Prozess selbst sagte der ehemalige Partner: „Unfassbar bleibt für mich das Ausmaß der Gewaltanwendung und die Niedertracht der Stellung einer Strafanzeige gegen mich, ohne das Wissen und gegen den Willen des vermeintlichen Opfers, mit dem ausschließlichen Ziel das eigene Verhalten zu rechtfertigen“. Schmitt dagegen betont, dass er keinen anderen Weg als die Anzeige gesehen habe. „Linklaters war offenbar nicht in der Lage, beim Ermittlungsergebnis ‚Aussage gegen Aussage‘ sich ein eigenes Bild zu machen“, sagte er. Linklaters selbst will sich zu dem laufenden Prozess nicht äußern.

Linklaters-Protokollant muss den Saal verlassen

Trotz der Kritik an der Aufklärung durch Linklaters: An dem aktuellen Prozess ist die Kanzlei durchaus interessiert. Ein von Linklaters beauftragter Protokollant schrieb die Aussagen sämtlicher Beteiligter mit. Darauf hatten die Anwälte des ehemaligen Partners den Richter hingewiesen. Der Protokollant musste daraufhin seine Aufzeichnungen am Richtertisch vorlegen und schließlich den Saal verlassen.

Die Begründung des Richters: Wenn die Kanzlei detailliert die Aussagen aller erführe, könne das den Folgeprozess beeinflussen. Die Staatsanwaltschaft hat den ehemaligen Partner Anfang 2016 wegen Vergewaltigung und vorsätzlichen Körperverletzung angeklagt. Dieser bestreitet den Vorwurf der Vergewaltigung. Die Staatsanwaltschaft habe, so bezieht er Stellung, „die fragwürdigen Anschuldigungen des Faustschlägers übernommen“. Es handele sich um eine „boulevardpressetaugliche Rufmordkampagne aus niederen Beweggründen, die zuvor niemals, auch nicht im Rahmen der Linklaters-internen Aufarbeitung, gemacht wurde.“ Die Vorwürfe bezeichnet er als „infam und haltlos“.

Über die Zulassung dieser Anklage muss das Gericht noch entscheiden, es ordnete umfangreiche Nachuntersuchungen an.

Der Prozess gegen Schmitt wird am 8. Juli fortgesetzt, an dem Tag könnte es auch zu einem Urteil kommen.

Vertreter Laurenz Schmitt
Hieronimi & Schickler (München): Klaus Schickler

Vertreter ehemaliger Partner als Nebenkläger
Lucas Stevens (München): Dr. Alexander Betz, Stephan Lucas, Dr. Alexander Stevens

Staatsanwaltschaft München
Markus Michel (Staatsanwalt)

Amtsgericht München
Dr. Josef Bonkamp (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Die Kanzlei Lucas Stevens ist auf Sexualstrafrecht spezialisiert. Der Kontakt kam zustande, weil der ehemalige Partner am Wochenende nach dem Oktoberfest die 24-Stunden-Notfall-Nummer angerufen hat. Zuletzt verteidigten Stephan Lucas und Alexander Stevens etwa den ehemaligen Rektor der Musikhochschule München, der vom Münchner Amtsgericht im Mai wegen sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung verurteilt worden war.

Schmitt übernimmt seine Verteidigung zum allergrößten Teil selbst. Die Kanzlei seines Anwaltes Schickler ist schwerpunktmäßig im Straf- und Verkehrsrecht tätig. (Eva Flick)

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