Interview

„Wir wollen keine Nein-Sager mehr sein“

Als stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Vereinigung Österreichischer Unternehmensjuristen (VUJ) setzt sich Eva-Maria Tos (35) für einheitliche Qualitätsstandards und mehr Diversität in Rechtsabteilungen ein.

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Eva-Maria Tos/Foto: Katharina Schiffl, VUJ

JUVE: Auf welche Erfolge kann der VUJ inzwischen zurückblicken?

Tos: Wir haben es innerhalb von fünf Jahren auf mehr als 300 Mitglieder gebracht. Dies ist unserem guten Angebot geschuldet, so etwa zahlreichen Vorteilen für Unternehmensjuristen, auf unsere Berufsgruppe maßgeschneiderte Veranstaltungen und Netzwerkmöglichkeiten. 2019 haben wir den Unternehmensjuristenkongress ins Leben gerufen und seit 2020 bieten wir den Lehrgang ‚Certified Legal Digital Expert‘ an, beide gemeinsam mit der Manz Rechtsakademie. Damit sind wir einem unserer wichtigsten Ziele ein großes Stück nähergekommen: die Aus- und Fortbildung unserer Mitglieder zu stärken und Qualitätsstandards für unseren Berufsstand zu schaffen.

Also steht die Weiterbildung im Mittelpunkt Ihrer Arbeit?

Das würde zu kurz greifen. Wir sind die Interessensvertretung für Unternehmensjuristen. Als solche verfassen wir etwa Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen und wollen die formale Anerkennung unserer Berufsgruppe erwirken. Aktuell setzen wir uns beim Justizministerium dafür ein, dass Unternehmensjuristen in die Liste der Rechtsberufe aufgenommen werden. Kürzlich haben wir außerdem die Unternehmensmitgliedschaft umgesetzt und die ‚Counsel Hub‘- Netzwerkplattform entwickelt, eine Art ‚LinkedIn‘ für Unternehmensjuristen.

Das klingt ambitioniert.

Aktuell arbeiten wir außerdem gemeinsam mit Partnern, inklusive dem Manz Verlag, an einem groß angelegten Buchprojekt, das das Phänomen ‚Recht im Unternehmen‘ ganzheitlich erfassen, die Rolle der Unternehmensjuristen beleuchten und ihnen als Praxishandbuch dienen soll. Ein weiterer Eckpfeiler ist die Steigerung des Stellenwerts der Unternehmensjuristen und damit die Stärkung der Schnittstelle zum Management.

Wie meinen Sie das?

Unternehmensjuristen sind lange Zeit als Nein-Sager gesehen worden. Wir verstehen uns jedoch als Ermöglicher und wollen uns verstärkt als solche positionieren. Wir arbeiten an der Nahtstelle zwischen Recht, Management, Fachabteilungen und Vertragspartnern. Da reicht es nicht aus, rein rechtlich zu denken. Stattdessen muss man im Sinne der Geschäftsleitung praktikable und wirtschaftliche Lösungen entwickeln. Das erfordert umfassendes Wissen, auch über die internen Strukturen eines Unternehmens. Deshalb sollten Rechtsabteilungen möglichst managementnah positioniert sein. Wir können unsere Arbeit nur dann bestmöglich erledigen, wenn wir an dieser Nahtstelle sitzen!

Und was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Zum einen möchten wir mehr Veranstaltungen anbieten, die auf die Bedürfnisse der Unternehmensjuristen eingehen und mittel- bis langfristig mehr Lehrgänge und Zertifikate. Neben der Uni Wien arbeiten wir mit der Donau Universität Krems zusammen, weitere Hochschulkooperationen sind geplant. Ein weiteres Ziel ist die bessere Vernetzung unserer Mitglieder – zum einen über Veranstaltungen, zum anderen online über unsere ‚Counsel Hub‘-Netzwerkplattform.

Die momentan leider nicht zur Verfügung steht…

Ja, wir waren gerade online und sind dann gehackt worden. Jetzt wird neu programmiert. Auf der Plattform können Unternehmensjuristen Profile anlegen und sich sowohl bilateral als auch in Diskussionsforen austauschen.

Was beschäftigt Unternehmensjuristen denn aktuell besonders?

Die Interessen und Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Sobald Corona es wieder zulässt, möchten wir den Kongress zweitägig machen, inklusive Abendveranstaltung. Er soll über reine Fachvorträge hinausgehen und die unterschiedlichen Mitgliedergruppen bedienen: die Rechtsabteilungsleiter und Manager, die Einzelkämpfer, aber auch Berufseinsteiger abholen. Dazu möchten wir künftig auch mehr Webinare anbieten.

Zu welchen Themen?

Aktuell gibt es viele arbeitsrechtliche Fragen, etwa zum Homeoffice. Außerdem sind Compliance-Themen, befeuert durch die Whistleblower-Richtlinie, sehr aktuell. Da geht es um konkrete Tipps, was zu tun ist, wenn’s brennt. Etwa auch eine gelungene Krisenkommunikation.

Apropos Fachkreise. Sind hier weitere geplant?

Ja, definitiv. Gesellschaftsrecht und Datenschutz sollen kommen. Außerdem möchte ich gerne zu Diversität etwas anbieten, um Themen anzugehen, die gesellschaftlich relevant sind. Dabei geht es nicht nur um mehr Frauen an verantwortlichen Stellen, sondern beispielsweise auch um Altersstrukturen. Unsere Fachkreise müssen nicht zwingend materiell-rechtlich oder regional getrieben sein, es kann auch um Soft Skills gehen – und jedes Mitglied kann sich mit Vorschlägen einbringen.


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