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Wirecard verteidigt sich mit Ufer Knauer, CEO mandatiert Dierlamm

Der Zahlungsabwickler Wirecard kommt nicht zur Ruhe. Die Staatsanwaltschaft München I hat Geschäftsräume des Unternehmens in Aschheim bei München durchsucht und ermittelt wegen möglicher Marktmanipulation. Wirecard hat Kooperation zugesichert und betont, „dass sich die Ermittlungen nicht gegen die Gesellschaft, sondern gegen ihre Vorstandsmitglieder“ richteten.

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Christoph Knauer
Christoph Knauer

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I teilte mit, es bestehe der Verdacht, „dass die Verantwortlichen der Wirecard durch die Ad-hoc-Mitteilungen vom 12.03.20 und vom 22.04.20 irreführende Signale für den Börsenpreis der Aktien der Wirecard AG gegeben haben könnten“. Vorausgegangen war eine Anzeige der Finanzaufsicht BaFin. Wirecard betonte, dass sich die Ermittlungen gegen die Vorstandsmitglieder richteten. Der Vorstand sei zudem „zuversichtlich, dass der Sachverhalt sich aufklären wird und die Vorwürfe sich als unbegründet erweisen werden“.

Wirecard betonte, man wolle mit den Ermittlern kooperieren. „Alle von den Behörden im Rahmen der Durchsuchung angeforderten Daten wurden kurzfristig bereitgestellt“, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme

Alfred Dierlamm
Alfred Dierlamm

Die BaFin hatte ursprünglich geprüft, ob der Konzern irreführende Angaben gemacht hat, indem er einen bevorstehenden Sonderprüfungsbericht zu den Bilanzen des Konzerns zu positiv dargestellt hat. Der Hegdefonds TCI hat ebenfalls Strafanzeige gegen Wirecard-Manager gestellt. Er sieht Hinweise im KPMG-Bericht, dass bestimmte Geschäfte des Konzerns strafrechtlich relevant sein könnten. 

Prüfbericht ließ Fragen offen

Bei Wirecard waren auch nach dem Abschluss einer Sonderprüfung zu Bilanzfälschungsvorwürfen Fragen unbeantwortet geblieben. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG meldete in ihrem Bericht zu den Geschäftsjahren 2016 bis 2018, dass wesentliche Unterlagen fehlten – hauptsächlich zum Geschäft mit Drittfirmen, die Zahlungen im Auftrag von Wirecard abwickeln. Deswegen konnten die KPMG-Prüfer auch nicht feststellen, ob den entsprechenden Buchungen auch reale Umsätze entsprechen.

Wirecard aber betonte vor der Veröffentlichung des KPMG-Berichts ausdrücklich, dass sich keine Belege für die öffentlich erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation ergeben hätten. Der Aktienkurs hatte sich daraufhin kräftig erholt bis auf mehr als 140 Euro, brach dann aber nach der Veröffentlichung des KPMG-Berichts ein, da die Investoren das Unternehmen nicht als vollends von den Vorwürfen der Bilanzmanipulation entlastet ansahen. Bis Mitte Mai rutschte der Kurs im Tief um fast die Hälfte auf 72 Euro ab. Zuletzt erholten sich die Papiere ein Stück weit, schafften aber nicht mehr den Sprung über die Marke von 100 Euro.

Ferdinand Fromholzer
Ferdinand Fromholzer

Rechtsstreit mit der Financial Times

Wirecard weist derweil weiterhin zurück, dass Angaben manipuliert worden sind. Vorstandschef Markus Braun hatte immer wieder gesagt, die bilanzierten Umsätze und Kundenbeziehungen aus Geschäften mit Drittpartnern seien authentisch. Der Dax-Konzern wickelt in Ländern, in denen das Unternehmen keine eigenen Lizenzen besitzt, Transaktionen über Drittpartner ab. An der Transparenz rund um diese Erlöse hatte es in einer Artikelserie der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times Kritik gegeben.

Wirecard ist in mehrfacher Hinsicht in juristische Auseinandersetzungen verwickelt, sowohl straf- als auch zivilrechtlich. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt nicht nur gegen Firmenchef Braun und seine Vorstandskollegen, sondern prüft auch mögliche Marktmanipulation durch Börsenspekulanten.

Daneben stehen zivilrechtliche Klagen – einerseits hat Wirecard die Financial Times wegen deren Berichterstattung verklagt, andererseits gibt es Klagedrohungen und -ankündigungen von Aktionären gegen Wirecard.

Andrea Görres
Andrea Görres

Berater Unternehmen
Ufer Knauer: Prof. Christoph Knauer, Dr. Florian Ufer (beide München), Sören Schomburg (Berlin; alle Wirtschaftsstrafrecht)
Gibson Dunn & Crutcher (München): Dr. Ferdinand Fromholzer (Corporate), Michael Walther (Compliance und Commercial), Dr. Finn Zeidler (Compliance; Frankfurt), Dr. Mark Zimmer (Compliance), Silke Beiter (Corporate), Dr. Birgit Friedl (Compliance), Dr. Marcus Geiss (Corporate), Franziska Gruber (Commercial), Selina Grün (Commercial), Dr. Johanna Hauser (Corporate), Valentin Held (Compliance; Frankfurt)
Inhouse Recht (Aschheim): Andrea Görres (General Counsel), Daniel Steinhoff (Global Head of Compliance)

Vertreter CEO Braun
Dierlamm (Wiesbaden): Prof. Dr. Alfred Dierlamm (Wirtschaftsstrafrecht) – aus dem Markt bekannt

Vertreter weitere Vorstände
Krause & Kollegen (Berlin): Dr. Daniel Krause (Wirtschaftsstrafrecht) – aus dem Markt bekannt
Eckstein & Kollegen (München): Frank Eckstein (Wirtschaftsstrafrecht) – aus dem Markt bekannt
Michalke Rosskopf (München): Dr. Annette Rosskopf (Wirtschaftsstrafrecht) – aus dem Markt bekannt

Daniel Krause
Daniel Krause

Berater Aufsichtsrat
Clifford Chance (Frankfurt): Christine Gärtner (Litigation), Dr. Markus Stephanblome (Corporate) – aus dem Markt bekannt

Vertreter TCI
DLA Piper (Frankfurt): Dr. Emanuel Ballo (Wirtschaftsstrafrecht; Federführung), Andreas Füchsel (Corporate); Associates: Lena Nowicki, Theresa Sauerwein (beide Wirtschaftsstrafrecht)

Staatsanwaltschaft München I
Hildegard Bäumler-Hösl (Oberstaatsanwältin), Matthias Bühring

Hintergrund: Die Vorwürfe gegen Wirecard beschäftigen inzwischen eine Vielzahl von Kanzleien. Für die strafrechtlichen Ermittlungen hat sich der Zahlungsdienstleister nach Marktinformationen mit der Strafrechtsboutique Ufer Knauer gewappnet. Die Kanzlei hat in der jüngsten Vergangenheit mehrfach mit Mandaten in großen Wirtschaftsstrafkomplexen von sich Reden gemacht. Vor einiger Zeit übernahm sie beispielsweise die Verteidigung von Freshfields Bruckhaus Deringer in Sachen Cum-Ex.

Die Wirecard-Vorstände haben nach Marktinformationen ebenfalls renommierte Strafverteidiger verpflichtet: Sowohl Dierlamm als auch Krause sind in die meisten großen deutschen Wirtschaftsstrafverfahren eingebunden. Sie verteidigen beide regelmäßig nicht nur Manager, sondern auch Unternehmen. Mit Eckstein und Rosskopf sind außerdem weitere anerkannte Münchner Wirtschaftsstrafverteidiger mit im Boot, die vor allem als Individualverteidiger bekannt sind. Eckstein verteidigt beispielsweise derzeit Stefan Knirsch, einen Ex-Entwicklungsvorstand von Audi. Rosskopf und Reinhart Michalke gründeten ihre gemeinsame Boutique 2018, wie Eckstein verteidigt Rosskopf auch im Goldfinger-Großverfahren.

Frank Eckstein
Frank Eckstein

Clifford übernimmt Aufsichtsratsberatung von Latham

Gibson Dunn-Partner Fromholzer ist schon seit vielen Jahren für gesellschaftsrechtliche Fragen und auch für die damit verbundenen kapitalmarktrechtlichen Themen bei Wirecard zuständig. Die Mandantin mit ihrer langjährigen Chefjuristin Görres folgte ihm 2016 bei seinem Wechsel von Freshfields Bruckhaus Deringer zu Gibson Dunn. Über Fromholzer, der als Corporate-Governance-Experte auch bei Compliance-Fragen berät, kam auch die Beratung zu zahlreichen Compliance-Themen zustande. Insofern dürfte die Kanzlei auch bei den BaFin-Vorwürfen eine aktive Beraterrolle haben. Als Wirecard im vergangenen Jahr mit Hilfe von Fieldfisher und Rajah & Tann die Bilanzvorgänge in Asien überprüfte, nahm Fromholzer bereits eine übergeordnete Rolle ein.

Annette Rosskopf
Annette Rosskopf

Clifford ist als Beraterin des Aufsichtsrates neu dabei. Das Mandat brachte Litigation-Partnerin Gärtner mit bei ihrem Wechsel von Latham & Watkins im vergangenen Jahr.

Eine Kanzlei zur Abwehr der drohenden Anlegerklagen gibt es noch nicht. Kürzlich hat die Anlegerschutzkanzlei Tilp für den Effecten-Spiegel Klage gegen Wirecard vor dem Landgericht München I eingereicht und ein KapMug-Verfahren beantragt. Die Kanzlei fordert Schadensersatz für Aktionäre, die ihrer Ansicht nach Kursverluste durch falsche Kapitalmarktinformationen erlitten haben.

Ein DLA Piper-Team unter der Federführung von Partner Dr. Emanuel Ballo hat den in London ansässigen Hedgefonds TCI bei seiner Anzeige beraten.  (Christiane Schiffer; mit Material von dpa)

 

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