Juve Plus Heikle Fusionskontrolle

Baker und Latham bringen Thermo Fisher und Olink über die Ziellinie

Der Lifescience-Konzern Thermo Fisher Scientific aus den USA will Olink aus Schweden übernehmen – aber ein entscheidendes Kapitel des Deals spielt in Deutschland. Dass das Kartellamt nach intensiver Prüfung die Transaktion ohne Auflagen freigibt, ist ein Erfolg für die Kartellrechtsberater – auch weil mehrere Konkurrenten Top-Kanzleien mandatiert hatten, um den Deal zu torpedieren.

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2,8 Milliarden Euro zahlen die Amerikaner für das schwedische Unternehmen. Thermo Fisher ist auf hochauflösende Massenspektrometer (HRAM) spezialisiert. Damit werden Proteine analysiert, unter anderem, um Krankheiten besser zu verstehen und die Wirksamkeit von Medikamenten zu testen. Neben dieser klassischen Methode gibt es neuere Verfahren für denselben Zweck. Das Biotechnologie-Unternehmen Olink steht für eine davon: Proteinanalysen mittels Antikörpertest (High-Plex-Analyse).

Kartellamt im technologischen Neuland

Max Hauser

Die Analysetechnologien sind komplementär, also müssen die Kartellbehörden unter anderem prüfen, ob der Vertrieb aus einer Hand es ermöglicht, Märkte abzuschotten. Dies einzuschätzen ist auch deshalb schwierig, da es sich um Grundlagenforschung handelt, also technologisches Neuland. Die Beamten des Kartellamts mussten also verstehen, wie die Marktabgrenzung bei Proteinanalysen funktioniert.

Auch in den USA und Island haben Kartellbehörden den Zusammenschluss geprüft. Vor der britischen Wettbewerbsbehörde CMA ist der Fall noch nicht abgeschlossen.

Freigabe ohne Auflagen

Das Kartellamt hat ein Phase-2-Verfahren geführt, also eine besonders intensive Prüfung. Häufig enden diese Verfahren, von denen es insgesamt nur eine Handvoll im Jahr gibt, mit Untersagungen oder Auflagen. Unternehmen müssen dann etwa Geschäftsbereiche verkaufen oder umstrukturieren, damit ihr Deal genehmigt wird. Dass eine Transaktion, die erst einmal in die Phase 2 gegangen ist, ganz ohne Auflagen freigegeben wird, kommt nicht häufig vor.

Eine weitere Besonderheit des Falls: Es ist das erste Mal, dass die Behörden einen Fall auf Basis der 2017 eingeführten Transaktionswertschwelle aufgegriffen und dazu ein Phase-2-Verfahren geführt haben. Zuvor mussten bestimmte Umsätze erzielt werden, bevor ein Deal überhaupt anmeldepflichtig ist. Nun kann das Amt eingreifen, sobald das Dealvolumen 400 Millionen Euro übersteigt – selbst wenn in Deutschland bisher kaum Umsätze erzielt werden.

Die Konkurrenz mischt sich ein

So war es im Fall Thermo Fisher und Olink. Nach JUVE-Informationen haben sich auch die US-Unternehmen Sciex und Bruker in das Fusionskontrollverfahren vor dem Kartellamt eingebracht. Beide Unternehmen sind ebenfalls auf instrumentelle Analytik spezialisiert und dürften den Deal daher mit Argusaugen beobachten.  

Kartellamtspräsident Andreas Mundt jedenfalls teilte zum Abschluss des Verfahrens mit, es gebe nach intensiver Prüfung „keine durchgreifenden wettbewerblichen Bedenken“. So gibt es laut Kartellamt auf den Wachstumsmärkten für HRAM-Massenspektrometer und insbesondere High-Plex-Proteinanalysen innovative Wettbewerber, die bereits „Gegenstrategien in Form von Kooperationen und Akquisitionen“ eingeleitet haben. „Eine Verkrustung von Marktstrukturen ist damit weder bisher festzustellen noch zu erwarten.“

Vertreter Thermo Fisher
Latham & Watkins: Prof. Dr. Sven Völcker (Brüssel), Dr. Max Hauser (Frankfurt); Associates: Fabienne Rotering (Düsseldorf), Helena Hofmann, Victoria Pfaff (beide Frankfurt), Florence Eicher (Brüssel; alle Kartellrecht)

Jan Kresken

Vertreter Olink
Baker McKenzie (Düsseldorf): Jan Kresken (Federführung), Dr. Nicolas Kredel; Associates: Dr. Florian Kotman, Ricarda Brandhorst, Markus Mossmann (alle Kartellrecht)

Vertreter Bruker
CMS Hasche Sigle (Brüssel): Dr. Michael Bauer (Kartellrecht) – aus dem Markt bekannt

Vertreter Sciex/Danaher:
WilmerHale (Berlin): Dr. Oliver Fleischmann (Kartellrecht) – aus dem Markt bekannt

Bundeskartellamt, 3. Beschlussabteilung
Annette Bangard (Vorsitzende), Kerstin Arnold, Ingo Mecke, Sebastian Fischer – aus dem Markt bekannt

Hintergrund: Aufseiten von Olink war Baker umfassend tätig. Die Verbindung besteht, seit Baker zu einigen Aspekten des IPO im Jahr 2021 beraten hat. Olink ist als schwedisches Unternehmen in den USA börsennotiert. Corporateseitig lag die Federführung beim Thermo-Fisher-Deal bei den Baker-Partnern Henric Roth aus Schweden und Marc Mandel aus den USA.

Baker ist überall – nur nicht in Island

Das Fusionskontrollverfahren begleitet in Großbritannien, wo die Genehmigung der Wettbewerbsbehörde CMA noch nicht vorliegt, Baker-Partner Paul Johnson aus dem Brüsseler Büro. In den USA ist es John Fedele aus dem Washingtoner Büro. In Schweden führten die Baker-Counsel Xandra Stahlberg und Associate Seher Budak das Verfahren vor der Wettbewerbsbehörde. Nur in Island musste die lokale Kanzlei Juris übernehmen.  

Käuferin Thermo Fisher wurde corporateseitig beraten von einem Team um die New Yorker Cravath Swaine & Moore-Partnerinnen Faiza Saeed, Ting Chen, Bethany Pfalzgraf. Das US-Fusionskontrollverfahren führte Axinn Veltrop & Harkrider aus New York, maßgeblich die Partner John Harkrider, Mark Alexander und Craig Minerva.

Premiere für Latham

Für alle Anmeldungen außerhalb der USA ist Latham mandatiert. Dass die Kartellrechtspraxis für Fusionskontrollen in Deals hinzugezogen wird, in denen nicht Latham auch für den Corporate-Teil zuständig ist, ist eine Besonderheit. Sie erklärt sich unter anderem dadurch, dass Cravath in Kontinentaleuropa nicht vertreten ist. Soweit bekannt, ist es das erste Mandat der Latham-Kartellrechtler für Thermo Fisher.

Das britische Verfahren vor der CMA führen maßgeblich Simon Pritchard, der vor einem Jahr von Linklaters ins Londoner Latham-Büro wechselte, Gregory Bonné sowie Ludmilla Le Grand.

Lob für das Kartellamt

Beim Kartellamt ragte nach Aussage mehrerer am Verfahren beteiligter Anwälte Kerstin Arnold als federführende Beamtin heraus – sie musste sich tief in komplexe Technologiethemen einarbeiten. Die EU-Kommission hätte den Fall gern an sich gezogen, und Wettbewerber äußerten massive Bedenken. Beides zusammen erhöhte den Druck auf das Amt. Durch diese Konstellation musste das Ergebnis der Behörde besonders gut begründet werden, damit einer Freigabe nichts im Wege steht.

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