Die Vertretung Nawalnys in diesem Fall gleicht einem Drahtseilakt, denn die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind stark belastet. Involviert sind die Bundesregierung, das Auswärtige Amt mit seinem Referat für Rechtshilfe, das Justizministerium sowie das Bundesamt für Justiz.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow verlangte von Berlin kürzlich erneut, bei den Ermittlungen zusammenzuarbeiten. Die Bundesregierung pocht gegenüber Russland jedoch vorerst auf weitgehende Geheimhaltung, beispielsweise was die Offenlegung der Giftanalyse des Bundeswehrlabors angeht. Allerdings will die Berliner Senatsjustizverwaltung einem Rechtshilfeersuchen der russischen Behörden nachkommen, gemäß dem europäischen Rechtshilfeübereinkommen. Auskünften über seinen Gesundheitszustand muss Nawalny allerdings zustimmen, wovon nicht auszugehen ist. Derzeit dreht sich der Streit deshalb im Kreis, denn während Deutschland und Nawalny fordern, Russland müsse endlich Ermittlungen zu dem Giftanschlag aufnehmen, entgegnet Russland, es würde dafür nicht die notwendige Unterstützung von Deutschland erhalten.
Kölner Anwalt wird zum Chefdiplomat Nawalnys
Soweit bekannt, kam Gazeas‘ Mandatierung über einen Kontakt aus Nawalnys Unterstützerteam und eine Empfehlung aus Abgeordnetenkreisen im Europaparlament zustande. Der Namenspartner der Kölner Wirtschafts- und Steuerstrafrechtskanzlei Gazeas Nepomuck wird häufig bei Rechtshilfe- und Auslieferungsfragen herangezogen. Rechtshilfeverfahren haben eine politische und eine juristische Komponente, denn sie sind in Zulässigkeits- und Bewilligungsebene aufgeteilt.
Da die politische Ebene im Fall Nawalny äußerst heikel ist, kommt Gazeas hier nicht nur die Rolle eines juristischen Beraters zu. Er handelt in gewisser Weise auch als Chefdiplomat des russischen Oppositionellen. Strafrechtliche Beratung im politischen Umfeld ist eines der strategischen Beratungsfelder der 2018 gegründeten Kanzlei, wie sich bereits in den Verfassungsbeschwerden für FDP-Politiker im Fall Staatstrojaner und die Vertretung von Zeugen in Untersuchungsausschüssen des Bundestages zeigte. Gefragt ist Gazeas auch immer wieder als Sachverständiger in politischen Gremien.
Nawalny, der von Beamten des Berliner LKA geschützt wird, hat inzwischen auch die Vereinten Nationen um Mithilfe bei der Untersuchung des Giftanschlags gegen ihn gebeten. Nach einem Bericht des Magazins ,Der Spiegel‘ schaltete Nawalny über Gazeas und den französischen Menschenrechtsanwalt William Bourdon von Bourdon & Associés die UN-Berichterstatterin für außergesetzliche Hinrichtungen oder willkürliche Exekutionen, Agnès Callamard, sowie die Berichterstatterin für Meinungsfreiheit, Irene Khan, ein. Beide UN-Vertreterinnen sollen den russischen Oppositionspolitiker bereits in Berlin getroffen haben.