Kryptochaos

Gesellschafter streiten mit DWF und van Aubel um Envion

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  • JUVE

Im Januar startete Envion einen der erfolgreichsten virtuellen Börsengänge weltweit. Nun droht das Start-up zu scheitern. Hinter den Kulissen tobt ein Gesellschafterstreit, und die Anlegergelder könnten verloren gehen – denn das operative Geschäft liegt bislang brach.

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Wolfgang Richter
Wolfgang Richter

Eigentlich eine tolle Idee: Statt einen Windpark wegen drohender Netzüberlastung stillzulegen, soll der „grüne“ Strom zum Mining von Kryptowährung benutzt werden, bei dem immens viel Strom gebraucht wird. Die perfekte Fusion von Blockchain-Technologie und Erneuerbaren Energien also. Die Gründer von Envion wollten dazu Rechenzentren in Container packen und diese direkt neben den Anlagen aufbauen.

Auch bei der Finanzierung der Idee bediente sich das in Berlin operierende Start-up neuer Wege: Über ein Initial Coin Offering (ICO) wurden Anlegergelder eingesammelt. Dabei gibt ein Start-up selbst Kryptowährung, sogenannte Token, aus, die wie ein Anteilsschein funktionieren. 100 Millionen US-Dollar hat Envion Anfang des Jahres von mehr als 30.000 Investoren auf der ganzen Welt eingesammelt – es war der sechstgrößte ICO weltweit.

Doch nun scheint der Traum der Envion-Gründer um Michael Luckow in weite Ferne gerückt. Noch ist keiner der Container aufgebaut. Wie das Handelsblatt zuerst berichtete, hat das Start-up ein ganzes Bündel an rechtlichen Problemen, die derzeit eine Umsetzung des Geschäftsmodells verhindern.

Zerwürfnis zwischen den Gesellschaftern

Die Probleme beginnen, als es zwischen den Gründern um Luckow und CEO Matthias Woestmann zum Zerwürfnis kommt. Den ehemaligen ARD-Korrespondenten hatten die Gründer im Sommer 2017 an Bord geholt, damit er sich um den Aufbau der Envion AG kümmert, während Luckow & Co in ihrer Firma Trado an der praktischen Umsetzung des ICOs und der Container-Idee arbeiten. Dafür erhielt Woestmann 19 Prozent am Unternehmen. Auch den 81-prozentigen Anteil der Gründer sollte er bis zum ICO treuhänderisch verwalten.

Doch kurz nach dem ICO kommt es zum Streit – weil Gründer Luckow ohne Woestmann Termine mit möglichen Geschäftspartnern wahrgenommen haben soll. Später erhebt der CEO öffentlich auch schwere Beschuldigungen gegen die Gründer: Sie sollen bei der Erstellung der Token betrogen haben und unter anderem mehr als 20 Millionen Token mehr produziert haben, als im Prospekt vorgesehen. Deswegen hat Woestmann Strafanzeige gegen die Gründer gestellt.

„Um das eingesammelte Anlegervermögen vor dem Zugriff von Michael Luckow zu schützen“, habe er daraufhin mit seinem Rechtsanwalt Thomas van Aubel (Van Aubel & Partner) durch eine Kapitalerhöhung die Mehrheit bei der Envion AG übernehmen wollen – so schreibt es Woestmann in einer Erklärung an die Investoren. Dadurch wäre der Anteil der Gründer schlagartig von 81 auf 31 Prozent verwässert worden.

Streit um die Mehrheit

Es entwickelt sich ein Wettstreit um die Gunst der Investoren und die Handlungshoheit über Envion. Die Gründer verweigern ihrem CEO Zugriff auf die Website und andere Kommunikationskanäle der Firma. Woestmann hält mit einer einstweiligen Verfügung (LG Berlin, Az: 27 O 241/18) gegen die Trado GmbH dagegen, die es Luckow verbietet, Aussagen über die Geschäftsentwicklung der Envion AG sowie Werbeaussagen zu tätigen. Zudem hat er die Wirtschaftsprüfer von BDO mit einem vollständigen Audit hinsichtlich der Kapitalerhöhung der Envion AG beauftragt.

Auch die Gründer haben rechtlich aufgerüstet und setzen sich gegen den Versuch zur Wehr, aus der eigenen Firma gedrängt zu werden. Vor dem Berliner Landgericht haben sie im Juni eine einstweilige Verfügung erwirkt, die es Woestmann und van Aubel verbietet, das Unternehmen, wie offenbar geplant, zu verkaufen (Az: 90 O 38/18).

Van Aubel ist mehr als nur Woestmanns Rechtsbestand. Der Berliner Anwalt wollte sich mit seiner Firma Sycamore selbst im Zug der Kapitalerhöhung bei Envion einzukaufen. Das Urteil des Berliner Landgerichts richtet sich daher nicht nur gegen Woestmanns Firma Quadrat Capital, über die er die Envion-Anteile hält, sondern auch gegen van Aubels Sycamore.

Der Berliner Anwalt ist als Investor kein unbeschriebenes Blatt. Er verdiente mit Solon und Q-Cells Millionen, bevor die Unternehmen zusammenbrachen. Auch mit komplexen Gesellschafterstreitigkeiten kennt er sich aus: So hatte er sich etwa bei dem Streit um den ostwestfälischen Kunststoffverarbeiter Balda mit seinem einstigen Kanzlei-Partner Dr. Michael Naschke zerstritten und diesen letztlich aus dem Balda-Aufsichtsrat gedrängt.

Ärger mit den Aufsichtsbehörden

Handeln kann in der AG seit Juli 2018 ohnehin keiner der Beteiligten mehr. Das in Berlin ansässige Start-up, das eigentlich eine Schweizer AG ist, hat nämlich auch Ärger mit den dortigen Aufsichtsbehörden. So wurde die Kanzlei GHR Rechtsanwälte als Untersuchungsbeauftragter im Rahmen eines Enforcementverfahren eingesetzt, denn die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA sieht eine mögliche Verletzung des Bankenrechts aufgrund einer „auffällig unerlaubten Entgegennahme von Publikumseinlagen im Zusammenhang mit dem Initial Coin Offering (ICO) des EVN-Tokens“. Die Entgegennahme von Publikumseinlagen sei Banken vorbehalten. Der Untersuchungsbeauftragte darf anstelle der Organe für die Gesellschaft alleine handeln. Ohne Zustimmung der Untersuchungsbeauftragten geht bei Envion daher momentan nichts mehr.

Drohende Anlegerklagen

Gleichzeitig liegt das operative Geschäft genauso brach, wie das Geld der Anleger. Ärgerlich für die Investoren, denn zwischenzeitlich haben ihre Anteile wegen des Verfalls der Kryptowährungen deutlich an Wert verloren. Die meisten Envion-Token wurden zum Preis von einem US-Dollar verkauft, aktuell liegt ihr Kurs unter 30 Cent. Einige der Investoren haben bereits Schadensersatzklagen beim Berliner Landgericht eingereicht. Der Vorwurf: Prospektbetrug, vorsätzliche sittenwidrige Schädigung und die Verletzung aufsichtsrechtlicher Vorschriften. Die Anleger wollen eine Rückabwicklung ihrer Investments erreichen.

Woestmann will nun laut Handelsblatt den Handel von Envion-Token auf Kryptowährungsbörsen stoppen. Außerdem strebt er eine Umtauschaktion unter Aufsicht des Wirtschaftsprüfers BDO an, bei der reguläre von irregulären Tokens getrennt werden sollen. Käufer von falschen Tokens sollen leer ausgehen und ihre Ansprüchen direkt an seine Ex-Geschäftspartner richten. Eine Klage, in der Woestmann von den Gründern die Rückgabe der Bitcoins fordert, ist ebenfalls vor dem LG Berlin anhängig (Az: 91 O 37/18).

Vertreter Trado
DWF (Berlin): Dr. Wolfgang Richter (Bank- und Finanzrecht); Associate: Florian Daniel (IP/IT)

Vertreter Capital Partners
Van Aubel & Partner (Berlin): Dr. Saskia Au (Litigation)

Landgericht Berlin, 90a. Zivilkammer
Dr. Sophie Willnow (Vors. Richterin)

Hintergrund: Die Vertreter sind aus dem Markt bekannt.

Beim ICO hatte Dr. Nina-Luisa Siedler von DWF noch die Envion AG beraten. Die Fintech-Expertin gehörte zum Startteam, als DWF im April 2017 ihr Berliner Büro eröffnete, und kam damals von DLA Piper. Nun vertreten ihre Kollegen, der Fintech-Spezialist Richter und IT-Anwalt Daniel die Gründer um Luckow und ihre Gesellschaft Trado vor dem Landgericht Berlin. Die Geschäftspartner Woestmann und van Aubel wurden von der ebenfalls in van Aubels Kanzlei tätigen Partnerin Au vertreten.

Die Investoren haben ihre Klagen in Berlin mit CLLB Rechtsanwälte eingereicht und werden von István Cocron vertreten.

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