Steyr Automotive

Hausmaninger Kletter und Burgstaller Preyer verhelfen Wolf zu MAN-Werk

Soeben haben die Wettbewerbsbehörden die Übernahme des MAN Werks in Steyr abgesegnet. Das neue Unternehmen von Ex-Magna-Chef Siegfried Wolf firmiert künftig als Steyr Automotive. Doch dazu kam es erst nach einem langen Tauziehen.

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Helmut Preyer
Helmut Preyer

Die einen sprechen von Rettung, die anderen vom Ende reiner Scheinverhandlungen. Fest steht, dass auf dem langen Weg bis zum Verkauf des oberösterreichischen MAN-Werks alle Beteiligten Federn gelassen haben. Während die VW-Tochter MAN in erster Linie einen Imageschaden davonträgt, büßen Mitarbeiter 15 Prozent ihres Gehalts ein – zudem verlieren etliche innerhalb der nächsten Jahre ihren Job. Vor Klagen wegen der einseitig gekündigten Standortgarantie ist die Käuferin, Siegfried Wolfs Beteiligungsgesellschaft WSA, dennoch nicht gefeit, denn sie erwarb das Unternehmen per Share Deal mit allen Rechten und Pflichten. Die Verhandlungen mit den Gewerkschaften über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan stehen ebenfalls noch aus.

Ablehnung durch Arbeitnehmer

Konrad Gröller
Konrad Gröller

Selten war ein Firmenverkauf so emotional aufgeladen wie dieser. Anfang Juni verkündete MAN den Verkauf des Nutzfahrzeugwerks in Steyr an Wolf. Zuvor hatten sich die Belegschaft und ihre Vertreter lange gegen einen Verkauf an den Investor gewehrt und auf die ursprünglich vom Konzern ausgegebene Standortgarantie gepocht. Doch die deutsche Konzernzentrale stellte als einzige Alternative die Schließung des Werkes in Aussicht. Wolf sei der einzige Bieter mit einem wirtschaftlich tragbaren Konzept, hieß es aus München. Dabei bemühte sich  parallel zu Wolf ein Konsortium um den Linzer Unternehmer und Ke Kelit-Chef Karl Egger ebenfalls um das Werk. Ihr Sprecher ist Gerald Ganzger von der Kanzlei Lansky Ganzger + Partner, über das Vehikel LGG Industriebeteiligung sind auch Ganzgers Kanzleipartner Dr. Gabriel Lansky und der Unternehmer Gerald Gerstbauer mit an Bord. Die Gruppe wollte ein Zentrum für nachhaltige Mobilität in Steyr errichten und sicherte zu, 1.850 Mitarbeiter weiter zu beschäftigen – und damit deutlich mehr als Wolf. Aus Ganzgers Sicht waren die Weichen jedoch schon gestellt – und zwar klar in Richtung Wolf: „Der hinter MAN stehende VW Konzern hat ein Interesse daran, sich über Wolf einen Zugang zum russischen Markt zu erschaffen. Das hat die Gespräche für uns natürlich schwierig gemacht“, sagt der Wiener Anwalt. Denn Wolf ist geschäftsführender Gesellschafter des russischen Autokonzerns GAZ. Vor zwei  Jahren hatte VW versucht, bei dem Unternehmen einzusteigen, scheiterte jedoch an den 2018 verhängten US-Sanktionen gegen GAZ und seinen Mehrheitseigentümer, den russischen Oligarchen Oleg Deripaska. Sollte der sich von seinen Geschäftsanteilen trennen, könnte Wolf als Brückenbauer dienen, so mutmaßten zuletzt Medien aus der Transportbranche.

Die mehr als 2.300 Menschen, die derzeit noch bei MAN in Steyr arbeiten, dürfte jedoch ein sicherer Arbeitsplatz mehr interessieren als ein russischer Oligarch. Seit 1919 werden in Steyr Lkws gebaut, seit mehr als 30 Jahren gehörte das Traditionswerk zu MAN. 2019 erneuerten Gewerkschaften und der deutsche Konzern die drei Jahre alte Standortgarantie, die bis 2030 gelten sollte. Ein Jahr später kündigte MAN jedoch ein hartes Sparprogramm an, dem 9.500 Stellen in Deutschland und Österreich zum Opfer fallen sollten. Nach monatelangen Verhandlungen zwischen dem Konzern und der deutschen Gewerkschaft IG Metall einigten sich die Parteien schließlich darauf, das Unternehmen neu auszurichten und die meisten deutschen Standorte zu erhalten. Steyr indes stand weiter zu Disposition. Die Alternativen: Verkauf oder Schließung.

Gutachterschlacht

Karin Buzanich-Sommeregger
Karin Buzanich-Sommeregger

So arbeiteten die von MAN beauftragten Anwälte von Freshfields Bruckhaus Deringer von Anfang an beiden Szenarien. Der Knackpunkt hierbei: Die Standort- und Beschäftigungssicherungsvereinbarung, die MAN im Herbst 2020 einseitig aufgekündigt hatte. Neben Protesten und einem Streikbeschluss erhoben der Arbeiter- und der Angestelltenbetriebsrat beim Wirtschaftsministerium einen ‚Einspruch gegen die Wirtschaftsführung‘ gemäß Arbeitsverfassungsgesetz, da die Schließung eines profitablen Werks aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht nachvollziehbar sei. Infolge dieses äußerst seltenen Verfahrens kam zum ersten Mal seit dem Fall Semperit Anfang der 2000er eine staatliche Wirtschaftskommission zum Einsatz. Schließlich versuchten die Parteien mit Gutachten den Druck auf die jeweils andere Seite zu erhöhen. So führte etwa Nadia Kuzmanov von der auf Betriebsratsseite hinzugezogenen Kanzlei Jarolim ins Feld, was es für MAN als Bieter in öffentlichen Ausschreibungen bedeuten würde, wenn der Konzern trotz bestehender Standortgarantien das Werk in Steyr schließen und betriebsbedingte Kündigungen aussprechen würde.

Für MAN stellt sich diese Frage nun nicht mehr. Ob der neue Eigner WSA künftig mit Kündigungsanfechtungsklagen rechnen muss, steht derweil noch in den Sternen. Denn auch wenn das Werk bestehen bleibt, werden nicht alle Mitarbeiter dauerhaft ihren Job behalten. Immerhin produziert die nun unter Steyr Automotive firmierende GmbH bis mindestens 2023 für MAN weiter und will währenddessen die Produktion auf Elektrobusse und Klein-Lkw umstellen. (Annette Kamps)

Siegfried Wolf/WSA
Hausmaninger Kletter (Wien): Dr. Mark Kletter, Dr. Christian Hausmaninger (beide Corporate/M&A)
Burgstaller Preyer (Wien): Dr. Helmut Preyer, Dr. Gerald Burgstaller (beide Arbeitsrecht)

Berater MAN SE
Freshfields Bruckhaus Deringer (Wien): Dr. Konrad Gröller, Dr. Ludwig Hartenau (beide Corporate/M&A), Dr. Florian Klimscha (Bank- und Finanzrecht), Dr. Karin Buzanich-Sommeregger (Arbeitsrecht), Dr. Maria Dreher (Wettbewerbs- und Kartellrecht), Torsten Schreier (Vertragsrecht; Frankfurt), Prof. Dr. Claus Staringer (Steuerrecht), Nabeel Yousef (Konfliktlösung; Washington); Associates: Dr. Thomas Mollnhuber, Stephan Rödler (beide Corporate/M&A), Leonhard Prasser, Benedikt Sprinzl (beide Arbeitsrecht)
Gleiss Lutz (Stuttgart): Dr. Christian Arnold (Arbeitsrecht), Dr. Michael Arnold (Corporate)
Inhouse Recht (München): Dr. Martin Gstaltmeyr (General Counsel), Ute Opritescu (Arbeitsrecht), Katrin Schreiber (Gesellschaftsrecht)

Berater Betriebsausschuss MAN Bus & Truck Österreich
Jarolim Partner (Wien): Dr. Hannes Jarolim, Martin Kollar (beide Corporate/M&A), Nadia Kuzmanov (Vertragsrecht/Vergaberecht); Associate: Dr. Sarah Meixner (Arbeitsrecht)

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