Hintergrund Corporate-Boutiquen

JUVE-Ranking Gesellschaftsrecht: Die Stunde der Boutiquen

Das neue JUVE-Ranking Gesellschaftsrecht ist da. Es zeigt: spezialisierte Boutiquen gewinnen sichtbar an Boden – vor allem dort, wo es um Konflikte zwischen Organen, aktivistischen Investoren und streitenden Gesellschaftern geht. Großkanzleien bleiben die erste Adresse für internationale Transaktionen, doch ein schärfer positionierter Kanzleityp drängt in die Lücken, die das Vollsortiment lässt.

von Antje Neumann, Michael Forst, Eva Flick, Christine Albert

Wenn Unternehmensjuristen heute ihre gesellschaftsrechtlichen Berater anrufen, geht es selten um Routine. Es geht um Carve-outs unter Zeitdruck, aktivistische Aktionäre, ungeklärte Nachfolgen in Familiengesellschaften oder Konflikte zwischen Vorständen, Aufsichtsräten, Investoren und Minderheitsaktionären. Aus Strukturfragen sind Macht-, Haftungs- und bisweilen Überlebensfragen geworden.

Das verändert sichtbar den Beratermarkt. Großkanzleien bleiben die erste Adresse für internationale Umbauten und milliardenschwere Projekte. Aber je stärker Mandate in einzelne Interessen zerfallen, desto sichtbarer wird ein anderer Kanzleityp: spezialisierte Boutiquen, die nicht die ganze Unternehmenswelt beraten wollen, sondern dort stark sind, wo es heikel wird und Konflikte zutage treten.

Ein neuer Kanzleityp nimmt Fahrt auf

Neben dem klassischen Modell der gesellschaftsrechtlichen Boutique als Vertrauensberaterin von Familienunternehmen und Family Offices, hat sich ein zweiter Boutiquen-Typ entwickelt. Kanzleien wie Ego Humrich Wyen (München), Berner Fleck Wettich (Düsseldorf), Gütt Olk Feldhaus (München) oder LMPS (Düsseldorf) stehen für ein wachsendes Marktsegment mit einem zugespitzten Angebot für gesellschafts- und kapitalmarktrechtliche Fragen von Konzernen und Unternehmensorganen. Am deutlichsten zeigt sich das bei gesellschaftsrechtlichen Reibungspunkten zwischen Unternehmen, Vorständen, Aufsichtsräten, Minderheitsaktionären, Familiengesellschaftern und Investoren. Wo eine Hauptversammlung eskaliert, De-Listings anstehen, Organhaftung im Raum steht oder ein Investor Druck aufbaut, ist unabhängige Beratung gefragt.

Etablierte Akteure in diesem Markt sind seit Langem Broich (Frankfurt), Sernetz Schäfer (München und Düsseldorf) und Glade Michel Wirtz (Düsseldorf). Dass sich inzwischen eine Riege weiterer – und jüngerer – Boutiquen Marktanteile erobert, zeigt den gewachsenen Bedarf.

Broich steht seit Jahren für Minderheitsaktionäre und war wiederholt für Elliott sichtbar. Ego Humrich Wyen trat zuletzt für aktivistische Investoren bei Evotec und Delivery Hero hervor. Glade Michel Wirtz beriet den Continental-Vorstand zu aktienrechtlichen Pflichten. Sernetz Schäfer verbindet bank- und gesellschaftsrechtliche Expertise bei Organhaftung und Insolvenznähe, während die jüngere Boutique Berner Fleck Wettich ebenfalls die Zone aus Organberatung und Haftung besetzt, etwa für den Aufsichtsrat von HKM.

Konfliktdimension macht das Modell attraktiv

Mit erfahrenen Spezialisten, häufig mit Großkanzleihintergrund und viel direktem Partnereinsatz, haben Corporate-Boutiquen bei diesen Themen Zugkraft gewonnen. Sie sind oft weniger stark in langjährigen Unternehmensmandaten gebunden und können einzelne Interessenlagen pointiert vertreten. Viele der früheren Spin-offs sind zudem längst keine Newcomer mehr. Sie sind heute Teil eines Marktsegments mit langjährig erfahrenen Beratern, die dieselben Sondersituationen kennen wie die großen Wettbewerber.

Dazu kommt ein handfestes ökonomisches Argument. Diese Art von High-end-Einsätzen im Gesellschaftsrecht erfordert neben der ausgeprägten fachlichen Spezialisierung auch taktische Erfahrung. Wenn Partner in Großkanzleien 800 Euro oder mehr pro Stunde aufrufen, müssen Rechtsabteilungen stärker differenzieren. Und da können Boutiquen zu moderateren Sätzen anbieten. Was vor ein paar Jahren wie ein alternatives Nischenmodell wirkte, ist 2026 ein fester Bestandteil der Marktarchitektur.

Die Basis trägt weiter

Gleichzeitig trägt die klassische Eigentümerberatung weiter. Bei Nachfolgen, Satzungsfragen und klassischen Gesellschafterkonflikten behaupten Boutiquen weiterhin ihren Platz im Markt. Diese Mandate sind weniger sichtbar als Übernahmeschlachten, wirtschaftlich aber weiter das Fundament vieler Boutiquen – auch dort, wo sich einige in neuem Aktionsradius etablieren. Dissmann Orth (München) und Honert (Hamburg und München) stehen für eine hochkarätige, von Vertrauen geprägte Beratung von Family Offices, Beteiligungen und Governance an der Schnittstelle zum Steuerrecht. Hennerkes Kirchdörfer & Lorz (Stuttgart) bleibt gefragt, wenn Nachfolge, Stiftungen und Gremienarbeit ineinandergreifen

Ausbau an den Rändern statt Vollsortiment

Ein konsequenter Fokus ist allen erfolgreichen Boutiquen gemein. Sie wachsen deshalb typischerweise nicht in Richtung Full Service, sondern an ihren Rändern. Gütt Olk Feldhaus hat ihr Profil zwischen Transaktionen und Finanzierungsnähe mehrmals mit der Aufnahme von jüngeren Spezialisten aus Top-Kanzleien geschärft. Mandate für ZF Friedrichshafen und Everllence zeigen, dass das auch bei größeren Strukturprojekten trägt. Lark hat ihre Praxis um Restrukturierungskompetenz verbreitert. LMPS stärkte mittels einer Fusion die steuerrechtliche Schnittstelle.

Eine Herausforderung, die für Boutiquen oft besonders schwer zu bewältigen ist, bleibt der Nachwuchs. Boutiquen müssen nicht nur attraktive Vergütungen, sondern belastbare Karriereperspektiven und Zeit für Ausbildung bieten. Verliert eine Kanzlei allerdings den Anschluss an die nächste Generation, bleibt die Unabhängigkeit nur kurzfristig ein Erfolgsrezept.

Hier finden Sie die kompletten Rankings im Gesellschaftsrecht.

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