On the record

Hohe Associate-Gehälter – gut oder schlecht für Mandanten?

Nach mehrjähriger Waffenruhe war es vor Kurzem wieder so weit: Die deutschen Ableger vieler US-Kanzleien lieferten sich einen Bieter­wettstreit, der die Associate-Gehälter in nie gekannte Höhen trieb. Berufsanfänger bekommen nun bis zu 25.000 Euro mehr als bisher, der aktuelle Rekord liegt bei 160.000 Euro. Das Thema bewegt die Gemüter sowohl auf Berater- als auch auf Mandantenseite. Wir haben dazu eine Pro- und eine Contra-Stimme eingeholt.

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„Sehr gute Leute erwarten auch ein sehr gutes Gehalt“

Georg Linde
Georg Linde

Georg Linde ist Managing-Partner von Willkie Farr & Gallagher. Einstiegsgehalt dort: 155.000 Euro.

Unter unseren Mandantinnen und Mandanten sind viele Private-Equity-Investoren – die smartesten Einkäufer von Rechtsdienstleistungen, die es gibt. Die Kostentransparenz in diesem Markt ist sehr hoch, und Geld zu verschenken hat niemand. Bisher kam keinerlei Kritik an unseren Associate-Gehältern. Was dort zählt, ist schnelle, gute und effiziente Arbeit, mit Partner- und Associate-Einsatz in sinnvoller Relation. Der reine Stundensatz ist zweitrangig. Ähnlich sehen das viele Rechtsabteilungen: Sie schichten die Beratungsarbeit nach Komplexität ab und geben etwa Due Diligences an günstige Anbieter. Strategische Beratung dagegen darf durchaus etwas kosten. Für diese Art von Arbeit braucht man sehr gute Leute, und die erwarten neben vielen anderen Dingen auch ein sehr gutes Gehalt.

Die Honorare und Gehälter im Spitzensegment haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren viel rasanter entwickelt als im Anwaltsmarkt und in der Wirtschaft insgesamt. Das mögen viele absurd finden. Man sollte aber nicht vergessen, dass sich zugleich das Berufsbild massiv geändert hat – nicht nur, was Verantwortung für die Gesamttransaktion oder Erreichbarkeit betrifft. Transaktionen sind schneller und wegen sich ändernder Regeln komplexer geworden. Guter Rechtsrat ist in immer mehr Bereichen zentral, Fehler können leichter die Transaktion gefährden. Die richtigen Beraterinnen und Berater sind daher generell teurer geworden und wollen deshalb auch mehr Gehalt als früher. Diese Tendenz wird sich fortsetzen.

 

„Da fehlt jeder Konnex zur Gesamtwirtschaft“

Joachim Kämpf
Joachim Kämpf

Dr. Joachim Kämpf ist General Counsel bei dem Hamburger Immobilienkonzern ECE.

Bei solchen Summen kann ein armer Inhouse-Jurist schon neidisch werden … Aber Spaß beiseite: ­Solange die Beraterhonorare unverändert bleiben, ist das allein Sache der Kanzleien. In dem Moment allerdings, in dem eine Kanzlei versucht, diese ­Kosten über höhere Stundensätze wieder hereinzuholen, wird sie massiven Gegenwind bekommen. Denn selbst wenn die Juristen im Unternehmen vielleicht noch nachvollziehen können, wie hart der Wettbewerb im Rekrutierungsmarkt ist – bei internen Budgetverhandlungen sind solche Steigerungen nicht vermittelbar. Da fehlt einfach jeder Konnex zur gesamtwirtschaftlichen Situation.

Für Transaktionskanzleien mit einer Handvoll Associates mag dieses Gehaltsniveau sogar noch rentabel sein. Aber wie man immer wieder gesehen hat, wecken diese Summen Begehrlichkeiten, auf die auch die übrigen Kanzleien reagieren müssen. Darum sind früher oder später die meisten gezwungen, höhere Associate-Honorare zu rechtfertigen, und dann kommt meistens das Qualitätsargument: Unsere Associates kosten und verdienen so viel, weil sie so gut sind. Mag sein – aber nicht direkt nach dem Berufseinstieg. Ein guter Berater wird man nicht durch ein noch so hervorragendes Examen und noch so schöne Zusatzqualifikationen, sondern durch Erfahrung. Deshalb hinterfragen wir die First-Year-Honorare auf der Rechnung sehr genau. Wenn dort zu viele Stunden auflaufen und es so aussieht, als ob Ausbildungskosten durchgereicht würden, wird man sich unterhalten müssen.

Aufgezeichnet von Norbert Parzinger. In unserer Reihe ‚On the record‘ beleuchten wir eine Frage des Rechtsmarkts aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Beitrag ist aus der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt 08/21, die gerade erschienen ist.

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