Marktüberblick

Flaute auf dem Transaktionsmarkt? So läuft es aktuell in den M&A-Praxen

Wer dachte, dass der Ukraine-Krieg für eine Flaute in den M&A-Praxen der Kanzleien sorgen würde, hat sich getäuscht. Es herrscht Hochkonjunktur – noch zumindest. JUVE hat mit M&A-Experten aus nationalen und internationalen Kanzleien über ihre Auslastung gesprochen und wie ihr Blick in die Glaskugel ausfällt.

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Christian Cascante

Kapitalmarktbezogenes M&A ist schwieriger
„Wir hören immer häufiger von Mandanten und Investmentbankern, dass sie mit einem nachlassenden M&A-Geschäft rechnen. Noch merken wir aber nichts davon. Schlechte Nachrichten bedeuten auch nicht immer weniger Aktivität im M&A. Was auffällt, ist, dass die Komplexität der Transaktionen aufgrund der vielen Themen weiter zunimmt. Als breit aufgestellte Kanzlei stärkt das aber eher unsere Position. Wenn ein Deal aus strategischen Gründen angezeigt ist, wird er vielleicht gestreckt, aber unabhängig von den Umständen meist weiterverfolgt. Kapitalmarktbezogenes M&A ist im Krisenumfeld schwieriger als Private M&A. Im Zuge fallender Börsenkurse sorgt allein schon die am Drei-Monats-Durchschnittskurs orientierte Mindestpreisregel für Zurückhaltung bei öffentlichen Übernahmen. Erfahrungsgemäß werden diese Transaktionen aber wieder kommen, wenn sich die allgemeine Situation stabilisiert und entspannt – was wir alle hoffen.“
Dr. Christian Cascante, Gleiss Lutz, Frankfurt/Stuttgart

Christian Atzler

Mid Cap boomt, die EZB hat den Markt in der Hand
„Bei unseren Automotive-Mandanten mit Tochtergesellschaften aus der Ukraine habe ich mit mehr Schwierigkeiten gerechnet. Aber derzeit ist besonders im Mid-Cap-Bereich sehr viel los. Natürlich machen Lieferengpässe und steigende Energiepreise unseren Mandanten Sorgen. Unternehmen im Zuliefererbereich versuchen, Schwankungen bei Rohstoffpreisen über Preisklauseln auszugleichen. Zu Geschäften mit Russlandbezug sowie Sanktionen beraten wir ebenfalls sehr intensiv. Zukünftig könnten den Unternehmen höhere Zinsen zu schaffen machen, wenn die EZB nicht mehr an der Niedrigzinspolitik festhält. Und wenn das Geld teurer wird, werden die Refinanzierungen schwieriger.“
Christian Atzler, Baker McKenzie, Frankfurt

Christopher Wolff

Für das Kapitalmarktgeschäft eine Katastrophe
„Der Trend geht dahin, dass sich deutsche Private-Equity-Mandanten und Hedge Fonds genau anschauen, in welche Bereiche sie investieren. Im opportunistischen Immobilienbereich ist beispielsweise viel Aktivität. Für das kapitalmarktrechtlich geprägte Geschäft ist die Volatilität eine Katastrophe. Dort steht man definitiv auf der Bremse. Zudem zeichnet sich ab, dass bestimmte Businessmodelle unter Beschuss stehen, weil sie die Marktbedürfnisse nicht erfüllen oder ihr Modell in der Produktion zu teuer wird. Wenn sich da keine neuen Eigentümer oder neue Strategen finden, könnte dort bald eine Insolvenz drohen. Meine Wahrnehmung ist, dass wir 2022 weniger Transaktionen gemacht haben werden als in 2021. Aber wir kommen auch aus einer der heißesten Deal-Zeiten überhaupt!“
Dr. Christopher Wolff, Paul Hastings, Frankfurt

Claudia Pleßke

Bislang kein Deal auf Eis gelegt
„Im Grunde jagt seit nun fast drei Jahren eine Krise die nächste: Erst Corona, dann die Lieferkettenproblematik und jetzt der Krieg in der Ukraine. Bei allen Transaktionen spielen diese Themen eine Rolle. Viel stärker als der Ukraine-Konflikt allerdings beeinflussen Lieferengpässe das Transaktionsgeschäft. Eine Ursache dafür ist zum Beispiel der neue Lockdown in China. Jeweils beschäftigen die Entscheidungsträger, wie sich die aktuellen Entwicklungen auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auswirken. Aber an keiner Stelle wurde ein Deal bislang auf Eis gelegt. Ich habe den Eindruck, dass der Mittelstand Krisen ganz gut wegsteckt. Aber vielleicht bin ich auch zu optimistisch. Für eine abschließende Einschätzung ist es noch zu früh.“
Dr. Claudia Pleßke, Rittershaus, Mannheim

Tobias Larisch

Jahresendrally wird wohl ausbleiben
„Einige Investoren sind schon etwas vorsichtiger. Insgesamt sieht aber alles nach einem guten Jahr aus. Eine Rally wie 2021 wird es aber Stand heute nicht geben. Die könnte noch kommen, wenn der Markt zu der Erkenntnis gelangt, dass Putins Russland es nur auf die Ukraine abgesehen hat. Das ist eine Marktlogik, die wir ähnlich bereits im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie beobachten konnten. Eine noch größere Volatilität könnte es im Kapitalmarktbereich geben.“
Dr. Tobias Larisch, Latham & Watkins, Düsseldorf

Sönke Becker

Anzahl neuer Pitches unverändert hoch
„Für uns nimmt die Arbeit im Moment eher noch zu. Das liegt vielleicht auch an der hohen und gegenwärtig zum Teil sogar wachsenden Komplexität der Transaktionen, die wir begleiten dürfen. Ich selbst habe zudem bislang nicht beobachten können, dass Transaktionen vermehrt stocken. Neue Mandate werden weiterhin vergeben. Zumindest werden unsere Teams unverändert zu einer hohen Anzahl von Pitches eingeladen. Meiner Ansicht nach ist aber die Frage, ob dies auf Dauer so bleiben wird.“
Dr. Sönke Becker, Herbert Smith Freehills, Düsseldorf

Holger Jakob

Mittelstands-Deals laufen einfach weiter
„In unserem Segment ist aktuell nicht erkennbar, dass das Tempo nachlässt. Im Gegenteil: Bei Transaktionen im mittleren Bereich geht zurzeit viel. Klassische mittelständische Deals, bei denen Unternehmen als strategische Investoren in Unternehmen großenteils mit Eigenkapital investieren, laufen ganz normal weiter. Ich kann mir aber vorstellen, dass große Deals und Finanztransaktionen nicht mehr so florieren wie in der Vergangenheit.“
Dr. Holger Jakob, FPS Fritz Wicke Seelig, Frankfurt

Antje Becker-Boley

Wiederbelebung für Distressed M&A
„Wir können bei Large- und Mid-Cap-Transaktionen aktuell keinen Rückgang verzeichnen, vielmehr beschleunigt der Ukraine-Konflikt vor allem den Bereich Energieversorgung. Viele Strategen müssen ihr Geld ausgeben, und der Energiesektor und der Wandel bei Automotive agieren als extremer Innovationstreiber. Die Notwendigkeit, Geschäftsmodelle anzupassen, wird weiter verstärkt. Diese Entwicklung sowie Lieferengpässe werden die Wirtschaft generell, und vor allem den Mittelstand, jedoch auch hart auf die Probe stellen. Das könnte schon im zweiten Halbjahr die Distressed M&A-Praxis wiederbeleben. Zudem belastet die Inflation jetzt schon Branchen wie Hotellerie und Gastronomie, die steigende Preise immer vor Probleme stellt.“
Dr. Antje Becker-Boley, CMS Hasche Sigle, Stuttgart

 

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