Mehr als 100 neue Anwälte

Freshfields gründet Einheit für Massenverfahren

Neue Büros, neue Anwälte, alte Marke: Freshfields Bruckhaus Deringer reagiert auf den Trend zu Massenverfahren mit zigtausenden ähnlich gelagerten Fällen – und gründet innerhalb der Kanzlei eine spezialisierte Einheit für derartige Verfahrenskomplexe. Zum Februar eröffnet die Einheit ein Büro in Münster, weitere Standorte sollen folgen.

Teilen Sie unseren Beitrag
Foto: Andreas Anhalt

Der Dieselskandal ist nur das bekannteste Beispiel für eine neue Art von Massenverfahren, die auf Jahre hinaus den Litigation-Markt prägen werden: Mit Hilfe von Legal Tech und neuen Formen des Mandatsmanagements lassen sich Komplexe in einer Dimension bearbeiten, die bis vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war.

Kläger und Beklagte in Massenverfahren rüsten auf

Inzwischen haben sich auf Klägerseite zahlreiche Spezialisten für technikgestützte Massenverfahren entwickelt – klassische Kanzleien, aber auch neuartige Rechtsdienstleister, die im Verbund mit Prozessfinanzierern Verbraucheransprüche durchsetzen. Neben dem Dieselkomplex geht es etwa um Fluggastrechte, Mietpreise oder Datenschutz.

Der Schritt von Freshfields zeigt, dass nun auch Beklagtenvertreter Massenklagen-Know-how bündeln und als eigenen Bereich innerhalb ihrer Organisation abbilden. Vor Kurzem erst hatten Deloitte Legal und Frommer Legal gemeinsam Class Reaction gegründet, eine Kanzlei, die auf die Abwehr von Massenklagen spezialisiert ist. Andere wie Noerr haben innerhalb ihrer Litigation-Praxen Untergruppen für kollektiven Rechtsschutz gebildet. 

Vier neue Freshfields-Büros in der Provinz

Doch so konsequent wie Freshfields es nun vorhat, hat bisher keine Großkanzlei auf den Trend zu Massenverfahren reagiert. Der endgültige Name des Projekts ist noch nicht bekannt, fest steht nach JUVE-Informationen aber: Es wird sich um eine Serviceeinheit innerhalb der Kanzlei handeln, die die Marke Freshfields im Namen trägt – vergleichbar mit Freshfields Lab (Legal Tech) und Freshfields Hub (Projektjuristen und nicht-anwaltliche Dienstleistungen).

Die speziell auf Massenklagen zugeschnittene Abteilung soll vier eigene Standorte haben, von denen aus jedes deutsche Land- und Oberlandesgericht innerhalb von zwei Stunden erreichbar ist. Das erste Büro eröffnet zum Februar in Münster. Es soll je ein weiteres Büro im Norden, Osten und Süden Deutschlands hinzukommen. Die Büros liegen in Städten, die über Hochschulen mit Jura-Studiengängen verfügen, aber nicht klassische Kanzleimetropolen sind – und damit den Vorteil günstigerer Mieten haben.

Mehr als 100 neue Freshfields-Anwälte

Auch wenn die Einheit sich im Aufbau befindet und keine starren Zielgrößen vorgegeben sind, gilt eine Teamstärke von 50 Anwältinnen und Anwälten pro Büro als realistische Größe. Damit würde Freshfields in Deutschland demnächst um eine deutlich dreistellige Zahl von Juristen wachsen, denn in der Massenklagen-Einheit sollen vorwiegend neueingestellte Berufsträger arbeiten. Dabei hat die Kanzlei nach JUVE-Informationen vor allem Berufseinsteiger im Blick.

Auch wenn dies offiziell niemand so nennt: Mit der neuen Serviceeinheit führt die Kanzlei einen Status zweiter Klasse innerhalb ihrer Anwaltsriege ein. Die Anwältinnen und Anwälte in der Massenklagen-Einheit sind keine regulären Associates, sondern sie sollen den Titel Litigator führen. Die Anforderungen bei den Examensnoten sind geringer, die Bezahlung ist es auch. Ein Wechsel in den Associate-Karrieretrack ist nicht ausgeschlossen, aber auch nicht regulär vorgesehen. 

Insourcing von Massengeschäft

Patrick Schroeder

Den Aufbau der neuen Einheit verantwortet maßgeblich ein Team um den Hamburger Partner Dr. Patrick Schroeder, den Counsel Konstantin Kohlmann und die Principal Associate Lara Friederichs, allesamt Litigators mit reichlich Massenklagen-Erfahrung aus dem VW-Mandat. Das ist kein Zufall, auch wenn es in der Massenklagen-Abteilung ausdrücklich nicht nur um Dieselfälle gehen soll. Im Dieselkomplex hat Freshfields über die vergangenen Jahre Know-how aufgebaut, das sich auch in anderen Massenverfahren nutzen lässt. Bekannt ist etwa, dass die Kanzlei auch für Facebook, Marriott und die Deutsche Bahn in Massenverfahren tätig ist. 

Strategisch bedeutet der Schritt, dass vieles, was Freshfields im VW-Mandat zeitweise an Dutzende weiterer Kanzleien ausgelagert hatte, wieder hereingeholt wird. Freshfields für die Gesamtstrategie und Schriftsatzmuster, günstigere Partnerkanzleien für Routine-Gerichtstermine und die operative Bearbeitung der Schriftsätze  – eine derart klare Trennung soll künftig nicht mehr nötig sein, wenn Freshfields standardisierte operative Anwaltsdienstleistungen auch aus dem eigenen Haus günstiger anbieten kann.

Artikel teilen

Lesen sie mehr zum Thema