Freshfields und Cum-Ex

„Ein Ethikrat ist keine Kommunikation am Hochreck“

Der Fall Cum-Ex ist für Freshfields Bruckhaus Deringer nicht nur eine finanzielle Belastung. Vor allem leidet das, worauf ihr Erfolg zu einem nicht geringen Teil beruht: ihre Reputation. Wie können Kanzleien mit früheren Beratungsfehlern so umgehen, dass der Image-Schaden möglichst begrenzt wird? Darüber sprach JUVE mit Martin Wohlrabe, Inhaber der auf Rechtskommunikation spezialisierten Agentur Consilium.

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Wohlrabe_Martin
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JUVE: Freshfields hat, offenbar als Reaktion auf den Cum-Ex-Skandal, einen Ethikrat gegründet, mit dem früheren Verfassungsrichter Udo di Fabio an der Spitze. Kann das den Ruf der Kanzlei reparieren?
Martin Wohlrabe: Allein einen Ethikrat zu gründen ist keine Kommunikation am Hochreck. Aber man muss die Dinge ja stets ins Verhältnis rücken: In der Großkanzlei-Branche ist das ein Hingucker. Von daher verfehlt es seine Wirkung nicht. Man kann Freshfields zu diesem Schritt gratulieren. Am Ende liegt die Wahrheit auf dem Platz. Und da muss sich eben zeigen, was der Rat bewirkt. Es ist ein Mosaikstein auf dem Weg zurück, verlorenes Vertrauen wiederherzustellen.

RM06/20
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Freshfields hat zu den Vorwürfen im Zuge des Cum-Ex-Skandals lange geschwiegen. Nach vernichtenden Presseartikeln, etwa im ‚Spiegel‘, heißt es immerhin offiziell, die Cum-Ex-Beratung sei „kein Ruhmesblatt“. Hat die Kanzlei fehlerhaft kommuniziert?
Wie heißt es so schön: Die besten Kapitäne stehen stets an Land. Und zu dieser Gruppe möchte ich mich ungern zählen. Grundsätzlich gilt: Kommunikation folgt dem Geschäft und seinen möglichen Folgen – insbesondere strafrechtlichen. Kanzleien sind in der Regel kommunikativ eingeschränkter als andere Unternehmen. Man denke hier nur an Standesregeln wie die anwaltliche Schweigepflicht, aber auch darüber hinaus an teils noch schärfere vertragliche Vertraulichkeitsklauseln. So gesehen ist das Vorgehen von Freshfields nachvollziehbar und regelrecht alternativlos gewesen. 

Aber wenn sich die Kommunikationsstrategie zwingend aus dem Sachverhalt ergibt – wieso hat Freshfields diese Strategie dann geändert, bei unverändertem Sachverhalt?
In der Krisenkommunikation herrschen regelmäßig Zwänge, die Unternehmen wie Kanzleien einschränken. Hochsensible Themen, bei denen es wie hier um strafrechtliche Verantwortung geht, bedürfen vernünftigerweise einer intensiven Abwägung. Am Ende wird dann die Erkenntnis gereift sein, doch dem enormen öffentlichen Druck entgegenzutreten.

Inwiefern?
Freshfields hat lange rein legalistisch argumentiert, nach dem Motto: Wir sind überzeugt, dass unsere Beratung der geltenden Rechtslage entsprach. Es ist nachvollziehbar, dass das bei vielen ein Störgefühl erzeugt hat. Aber letztlich können Unternehmen kaum anders, als so zu argumentieren. Sonst würden sie Haftungsansprüchen und womöglich sogar weiteren strafrechtlichen Ermittlungen Tür und Tor öffnen. Zuletzt hat Freshfields ja auch einen Weg gefunden, kommunikativ auf ihre Kritiker zuzugehen. Man darf davon ausgehen, dass über die Formulierung „kein Ruhmesblatt“ im Vorfeld des ‚Zeit‘-Artikels vom Februar intensiv nachgedacht wurde. 

Was wäre so kompliziert daran gewesen, das von Anfang an so zu sagen?
Eine gute Frage, welche sich der Öffentlichkeit im Nachgang berechtigterweise aufdrängt. Kommunikation ist aber nun mal kein Selbstzweck, sie entwickelt sich. Das Management ist einen großen Schritt gegangen. Gerade im Hinblick auf ihre Ausgangslage. Mit der Formulierung gelingt eine Gratwanderung: Einerseits trägt Freshfields der Kritik damit Rechnung, andererseits vergibt sich die Kanzlei faktisch nichts.

Und damit ist es doch eigentlich auch wertlos: Die Kanzlei bekennt sich zu etwas, das ohnehin offensichtlich ist.
So weit würde ich nicht gehen. Auf symbolischer Ebene ist das ein großer Schritt.  Als Unternehmen haben Sie in einer Krise ja das Problem, dass Sie einfach nicht wissen, wie das Ganze ausgeht. Sobald es möglich ist, ist es dann wichtig, zu signalisieren: Wir haben verstanden, werden uns ändern und Dinge anpassen.

Aber noch einmal: Dass Cum-Ex „kein Ruhmesblatt“ war, hätte ein Managing Partner doch auch früher sagen können.
Gern noch einmal: Aus medialer Perspektive war es nicht glücklich, damit so lange zu warten. Dass der Ruf von Freshfields gelitten hat, ist eindeutig. Aber man muss immer berücksichtigen, dass auch die beste Kommunikation ja nicht den Sachverhalt an sich ändern kann – und, dass es in großen Organisationen unterschiedliche Meinungen dazu gibt, wie man sich öffentlich positionieren sollte. Dass sich in einer akuten Krise zunächst einmal die vorsichtigste Linie durchsetzt, halte ich für relativ normal.

Könnte es helfen, wenn zum Beispiel Managing-Partner Stephan Eilers mal in einer Talkshow erklärt, was die Kanzlei alles gelernt hat aus dem Fall Cum-Ex und was sie unternimmt, damit so etwas nicht mehr passieren kann?
Davon würde ich abraten. Es gäbe da nicht viel zu gewinnen, aber eine Menge zu verlieren. Man denke an VW-Chef Herbert Diess, der bei Markus Lanz über die Dieselaffäre gesprochen hat. Ein Satz von ihm, in dem das Wort „Betrug“ unglücklich fiel, hat für einen Riesenwirbel gesorgt. Ich sage Ihnen: Wenn man 30 Minuten im Scheinwerferlicht gegrillt wird, kann so etwas immer passieren, egal wie gut vorbereitet man ist. Am Ende sind wir alle nur Menschen.

Das Gespräch führte Marc Chmielewski.

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