Interview

„Auch Fusionskontrollen sind interessant für Prozesskanzleien“

Vier Büros hat die US-Prozesskanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan inzwischen in Deutschland, erst kürzlich eröffnete sie in Stuttgart. In Brüssel stieß ein Team renommierter Kartellrechtler hinzu. Wie sich das alles in die Strategie der Kanzlei einfügt und was Quinn als nächstes vorhat – darüber sprach JUVE mit der Hamburger Partnerin Dr. Nadine Herrmann, Leiterin der deutschen und europäischen Kartellrechtspraxis.

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Herrmann_Nadine
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JUVE: Quinn Emanuel ist zuletzt gewachsen, vor allem in Brüssel und Stuttgart. Welchen Sinn hat es für eine Prozesskanzlei, diese Standorte zu stärken?
Herrmann:
Als wir 2014 das Büro in Brüssel eröffneten, waren tatsächlich viele Wettbewerber überrascht und fragten sich genauso wie Sie: Was wollen die?

Und?
Für uns war es ein Experiment. Wir wollten sehen, ob es unseren Mandanten Vorteile bringt, wenn wir dort mit einem kleinen Team vertreten sind. Die Arbeit etwa für Motorola in einem Kommissionsverfahren hat gezeigt: Es ist sinnvoll, in Brüssel präsent zu sein. Nachdem ich einige Jahre meine Zeit zwischen Hamburg und Brüssel aufgeteilt hatte, mussten wir aber entscheiden: Wollen wir es bei einer Repräsentanz belassen, oder wollen wir dort richtig in den Markt gehen?

Die Frage haben Sie in den vergangenen Monaten beantwortet: In rascher Folge wechselten Trevor Soames, Stephen Mavroghenis und Miguel Rato aus dem angesehenen Brüsseler Büro von Shearman & Sterling zu Quinn.
Drei hochrenommierte Kollegen, deren Wechsel nicht nur für unsere europäische Praxis ein Meilenstein ist, sondern für die Kanzlei insgesamt.

Aber es sind Kartellrechtler. Gilt bei Quinn nicht mehr ‚Litigation only‘?
Doch, unbedingt. Wir fassen den Begriff Litigation nur ziemlich weit: Gemeint ist alles, was streitig ist – und das ist auch im Kartellrecht viel mehr als die Durchsetzung von Schadensersatz.

Zum Beispiel?
Dazu können komplexe Fusionskontrollen zählen, etwa wenn in sogenannten Phase-II-Verfahren mit der Kommission über Zugeständnisse verhandelt werden muss, damit ein Deal genehmigt wird. Auch Behördenverfahren wegen des Missbrauchs von Marktmacht sind äußerst streitig. Auf diesen Gebieten verfügen unsere Brüsseler Neupartner über enorme Erfahrung. Strategisch ist für uns wichtig, dass wir nun auch für wettbewerbs- und regulierungsrechtliche Verfahren vor den europäischen Gerichten bestens aufgestellt sind.

In Deutschland hat Quinn sich im Kartellschadensersatz verstärkt, von Latham & Watkins wechselt Rüdiger Lahme. Mit ihm eröffnet Quinn in Stuttgart. Wieso das?
In Stuttgart sitzt mit Daimler ein wichtiger Mandant von uns. In den vergangenen Jahren hat sich die Zusammenarbeit bei Patentstreitigkeiten zunehmend auch auf Kartellschadensersatz ausgeweitet. Aber nicht nur deshalb halten wir ein Büro in Stuttgart für sinnvoll: Die Region ist ein wichtiger Wirtschaftsstandort mit vielen innovativen Unternehmen, denen wir helfen können.

Was hat Quinn als nächstes vor?
Wir sind recht opportunistisch. Es gibt keinen Masterplan, in dem steht: Bis dann und dann müssen wie in diesem oder jenem Bereich einen Quereinsteiger holen. Wenn wir jemanden finden, der zu uns passt, sind wir flexibel.

Also: In welchen Bereichen könnte es besonders gut passen?
In London ließe sich sicher eine IP-Praxis aufbauen. In Deutschland sehen wir Potenzial in den Bereichen White-Collar-Crime und Financial Litigation. Internen Untersuchungen wie etwa für die Fifa sind ein wichtiges Feld, aber Wachstum muss nicht immer bedeuten, dass Quereinsteiger kommen. Wir haben auch in den eigenen Reihen extrem gute Nachwuchsanwälte.

Das Gespräch führte Marc Chmielewski.

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