Juve Plus Interview mit Simmons & Simmons

 „Unsere Partner dürfen auch ohne Mandat Produkte entwickeln“

Simmons & Simmons baut KI Tools, kauft Legal Engineering Firmen und entwickelt Plattformen für Infrastrukturinvestitionen – der neue Deutschlandchef Thomas Scharfenberg im Interview.

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Thomas Scharfenberg

JUVE: Ihr Vorgänger Dr. Hans-Hermann Aldenhoff führte die deutsche Praxis fast 20 Jahre – das klingt nach Stabilität, kann aber auch nach Stillstand klingen. Mussten Sie erst einmal aufräumen?
Thomas Scharfenberg: Nein, ich habe eine sehr gut aufgestellte Kanzlei vorgefunden, sowohl in Deutschland als auch global. Gerade angesichts der aktuellen Marktbewegungen sehe ich uns sehr gut positioniert. Wir haben notwendige Entwicklungen lange vor unseren Wettbewerbern aufgegriffen und eben nicht verschlafen.

Das behaupten alle. Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Neben dem Erwerb von Wavelength, einer Legal-Engineering-Firma, im Jahr 2019 belegt vor allem unser KI-Tool Percy, dass wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. Wir wollen uns gegenüber unseren Mandanten als strategischer Geschäftspartner positionieren, der Technologie, aber auch die Köpfe nutzt, die ihm zur Verfügung stehen, um komplexe rechtliche Herausforderungen effizienter zu lösen.

Was bedeutet es für Sie und die Kanzlei, ein strategischer Partner zu sein?
Das kann ich am besten anhand eines Beispiels erklären. Unsere Partner Dr. Thorsten Volz und Daniel Lühmann bauen derzeit eine Plattform für Investitionen in Infrastrukturprojekte auf. Deutschland steht vor einem enormen Investitionsbedarf in seine Energieinfrastruktur. Diese wird aber meist von kommunalen Unternehmen als Teil der Daseinsvorsorge betrieben – ein großer Unterschied zu anderen internationalen Märkten. Diese traditionell deutschen Gegebenheiten machen es vor allem internationalen Investoren schwer, in diesen Bereich zu investieren. Oft sind die kommunalen Unternehmen zu klein, und auch die kommunalen Eigentümerstrukturen führen zu kulturellen Herausforderungen.

Und an der Stelle kommen Sie ins Spiel?
Richtig. Wir kennen die kommunalen Unternehmen und die Investoren. Zugeschnitten auf diese Situation haben wir praxisgruppenübergreifend ein Produkt entwickelt, das für die Mandanten von strategischem Wert ist: eine Plattform namens e-KommUnity, die als Brücke zwischen internationalen Investoren und deutschen Stadtwerksgesellschaften fungiert.

Wer ist der Auftraggeber, und wie entwickelt sich ein solches Mandat?
Für diese Plattform gab es kein klassisches Mandat. Vielmehr haben unsere Partner gemeinsam mit anderen Branchenvertretern die Idee entwickelt und maßgeblich vorangetrieben. Inzwischen konnten wir Investoren, Industriepartner, Stadtwerke und Know-how-Träger für das Aufsetzen der Plattform gewinnen. Erste Investitionsprojekte werden gerade geprüft.

Das klingt, als würden Sie sich mit diesem Projekt vom klassischen Anwaltsgeschäft wegbewegen und eher eine Art Investmentbank für Infrastruktur aufbauen. Ist das so?
Nein. Wir verlassen das Anwaltsgeschäft nicht, sondern erweitern es um einen stärker konzeptionellen, vorausschauenden Ansatz.

Rentieren sich solche Projekte für die Kanzlei?
Zu Beginn nicht. Aber das ist der Vorteil bei Simmons: Wir erlauben unseren Partnern, Produkte für Kunden zu entwickeln, mit denen wir noch gar keine Mandatsvereinbarung geschlossen haben. Wir fördern Innovationen, wenn sie eine Perspektive haben.

Ihre Partner verdienen mit klassischer Rechtsberatung sehr gut. Warum sollten sie ihre Zeit in eine Plattform investieren, die erst einmal kein Geld bringt?
Weil es mittelbar zu Erträgen führt und zugleich die Reputation stärkt. Sie etablieren sich außerhalb einer Welt, in der sie ihre Dienstleistungen bislang nach der Mandatierung oder auf Abruf verkauft haben. Jetzt investieren sie ihre Zeit und ihr Wissen kreativ in Lösungen für Probleme, die helfen, langfristig neue Mandanten zu gewinnen. Dafür räumt unsere Kanzlei den Ideengebern ein Budget ein, erwartet aber auch, dass sich die Idee perspektivisch rentiert. Insofern sind wir weiterhin eine klassische Kanzlei.

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