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21.08.2019

Prozessauftakt: Windreich-Gründer verteidigt sich mit Schork Kaufmann gegen Vorwurf der Insolvenzverschleppung

Fast sechs Jahre nachdem der Windpark-Pionier Windreich pleite ging, kommen Firmengründer Willi Balz und sieben weitere Angeklagte vor Gericht. Sie sollen die Insolvenz des Unternehmens verschleppt und verschleiert haben. Die Angeklagten bestreiten das.

Alexander Schork

Alexander Schork

Mit dem Prozess beginnt am Landgericht Stuttgart eine voraussichtlich monatelange Spurensuche, denn in dem Verfahren, das heute begonnen hat, ist so ziemlich alles strittig. Balz werden neben Insolvenzverschleppung auch Betrug, unrichtige Darstellung, Gläubigerbegünstigung, Insiderhandel, Unterschlagung, vorsätzlicher Bankrott und Untreue vorgeworfen.

Gründer Willi Balz habe schon lange vor dem Insolvenzantrag von der Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens gewusst und diese vertuscht, meint die Staatsanwaltschaft. Der Firmengründer selbst erzählt eine andere Geschichte. Er bestreitet die Vorwürfe vehement und sieht sich als Opfer einer Verschwörung von Gegnern der Energiewende. Aus seiner Sicht haben erst die damals von der Staatsanwaltschaft eingeleiteten Ermittlungen zur Insolvenz geführt.

Windreich plante und entwickelte Windparks, beschaffte Genehmigungen und organisierte den Bau, um die Projekte dann an Investoren zu verkaufen. Für dieses risikoreiche Geschäft mit hunderten Millionen Euro von Geldgebern und knapp 200 Millionen aus dem eigenen Vermögen hatte Balz teils mit Hilfe seiner sieben Mitangeklagten über Jahre hinweg ein kompliziertes Firmengeflecht aufgebaut. Schon im Herbst 2011 habe die Insolvenz gedroht, spätestens Ende April 2012 sei Windreich tatsächlich zahlungsunfähig gewesen, heißt es in der am Mittwoch über mehrere Stunden verlesenen Anklageschrift. Erst im September 2013 aber sei die Insolvenz angemeldet worden.

Vertuscht und getäuscht?

Alfred Dierlamm

Alfred Dierlamm

Bis dahin, so die Vertreter der Staatsanwaltschaft, hätten Balz und seine Vorstandskollegen mit falschen Darstellungen in der Bilanz dafür gesorgt, dass Banken und Geschäftspartner nichts merken. So seien Verträge geschlossen worden, obwohl klar gewesen sei, dass Windreich selbst oder die Tochterfirmen die vereinbarten Leistungen gar nicht hätten bezahlen können. Für Kredite seien die geschönten Bilanzen und nicht existierende Sicherheiten vorgelegt worden.

Balz hingegen sieht die Insolvenzursache in der Durchsuchung der Staatsanwaltschaft am 5. März 2013. Davor sei Windreich nicht insolvent gewesen, sagte er im Vorfeld des Prozesses. Als Beweis führt Balz an, dass er zwei Tage zuvor noch die Zinsen für die Windreich-Anleihen in Höhe von fünf Millionen Euro bezahlt habe. Seine Firma habe damals kurz vor dem Abschluss eines großen Geschäfts gestanden, das durch die Durchsuchung vereitelt worden sei. „Hätte man uns im März nicht durchsucht, hätten wir im April 200 Millionen Euro eingenommen“, sagte Balz.

Zu den Angeklagten gehört auch Baden-Württembergs einstiger Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP), der nach seiner politischen Karriere eine Zeit lang im Vorstand von Windreich tätig war. Er bestreitet den Vorwurf der Insolvenzverschleppung und des Betrugs „energisch und mit Nachdruck“, wie er sagte. Mitangeklagt ist auch ein Wirtschaftsprüfer, der die illegalen Geschäfte unterstützt und gedeckt haben soll.

Balz wird sich voraussichtlich am kommenden Montag persönlich äußern. Am Rande der Verhandlung erneuerte er aber seinen Vorwurf, die Ermittler hätten sich vor den Karren anonymer Hinweisgeber spannen lassen, die dem Unternehmen schaden wollten. Windreich sei weder zahlungsunfähig noch überschuldet gewesen.

Windreich hatte 2013 Insolvenz angemeldet, nachdem die Schweizer Privatbank J. Safra Sarasin einen Kredit über 70 Millionen Euro fällig stellte. Später musste Firmengründer Balz auch Privatinsolvenz anmelden.

Anfang 2017 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Das Verfahren dürfte bis weit ins kommende Jahr hinein dauern. Der Fall füllt laut Gericht 234 Aktenordner, allein die Anklageschrift umfasst mehr als 500 Seiten.

Dietrich Quedenfeld

Dietrich Quedenfeld

Verteidiger Willi Balz
Schork Kauffmann (Stuttgart): Dr. Alexander Schork, Dr. Philipp Kauffmann

Verteidiger Wirtschaftsprüfer
Dierlamm (Wiesbaden): Prof. Dr. Alfred Dierlamm, Dr. Frank Bisson

Verteidiger Dr. Walter Döring
HammPartner (Frankfurt): Thomas Richter, Dr. Rainer Hamm

Verteidiger S.
Dr. Schmitz (Stuttgart): Dr. Alexandra Schmitz

Verteidiger K.
Quedenfeld (Stuttgart): Dr. Dietrich Quedenfeld

Verteidiger P.
Lauven (Oldenburg): Andreas Lauven

Verteidiger W.
Dr. Schackow & Partner (Bremen): Tobias Haas, Dr. Gerhard Liening

Verteidiger R.
Feigen Graf (Frankfurt): Dr. Moritz Lange, Dr. Bernd Gross

Staatsanwaltschaft Stuttgart
Heiko Wagenpfeil (Oberstaatsanwalt)

Landgericht Stuttgart, 16. Großen Wirtschaftsstrafkammer
Dr. Alexander Stuckert (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Seit dem Beginn des Verfahrens hat sich die Verteidigerriege verändert. So ist Ulrike Paul von Kullen Müller Zinser nicht mehr für Balz tätig. Neben Alexander Schork, der sich Anfang des Jahres von seiner vorherigen Kanzlei BRP Renaud trennte, ist nun sein neuer Kompagnon Dr. Philipp Kauffmann mit dabei. Schork hatte bei Windreich schon 2013 eine interne Ermittlung durchgeführt.

Auch Dr. Martin Felsinger von der Stuttgarter Kanzlei Eisenmann Wahle Birk & Weidner tritt nicht mehr für den mitangeklagten Wirtschaftsprüfer auf.

Der zuständige Staatsanwalt Wagenpfeil ist Anfang 2018 zum Oberstaatsanwalt befördert worden und inzwischen Abteilungsleiter für Wirtschaftsstrafsachen mit Insolvenzbezug und für Bank- und Börsendelikte. (Ulrike Barth, mit Material von dpa)

 

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