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29.03.2021

Wirecard gegen Wirecard: Weitere Anwälte übernehmen ungewohnte Rollen

Wirecard-Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé will zwei Jahresabschlüsse für nichtig erklären lassen. Da er im Namen des Unternehmens handelt, aber nicht gleichzeitig dessen Organe vertreten kann, übernehmen vor dem Landgericht München Prozesspfleger die Vertretung von Vorstand und Aufsichtsrat. Für zwei Partner von Sernetz Schäfer und Ego Humrich Wyen dürfte dies eines der ungewöhnlichsten Mandate ihrer Karriere sein.

Andreas Höder

Andreas Höder

Als Prozesspfleger hat der Vorsitzende Richter im Verfahren, Dr. Helmut Krenek, zwei Münchner Anwälte bestellt: Dr. Henrik Humrich von Ego Humrich Wyen für den Vorstand und Dr. Andreas Höder von Sernetz Schäfer für den Aufsichtsrat. Notwendig war dies, da Wirecard aktuell nicht über einen geschäftsfähigen Vorstand und Aufsichtsrat verfügt. Der Insolvenzverwalter übernimmt zwar die Verfügungsmacht über das Vermögen, ist aber nicht Organ des insolventen Unternehmens. In der Praxis ist diese Feinheit meistens nicht relevant, in bestimmten Konstellationen aber eben doch: So würde sonst im Fall Wirecard der Insolvenzverwalter quasi gegen sich selber klagen.   

Sowohl Humrich als auch Höder treten im Verfahren nicht als Anwälte ihrer Kanzleien auf, sondern vertreten persönlich die Gremien von Wirecard. Trotzdem werden die beiden Anwälte nicht als reine Einzelkämpfer vor Gericht erscheinen: Beide haben ihre eigene Kanzlei mandatiert, die sie auf diesem Wege im Verfahren unterstützen soll. Die Konstellation ist auch deshalb ungewöhnlich, weil die Anwälte keinen direkten Mandanten haben. Vergütet werden Prozesspfleger nach dem RVG.

Der Insolvenzverwalter lässt sich bei seiner Klage gegen die Wirecard AG von Gleiss Lutz unterstützen. Als Prozessvertreter sind hier federführend der Frankfurter Compliance-Partner Dr. Eike Bicker und der Münchner Prozessrechtler Dr. Luidger Röckrath tätig.

Insolvenzverwalter zielt auf Großaktionär

Henrik Humrich

Henrik Humrich

Gegenstand des Verfahrens sind die Wirecard-Jahresabschlüsse aus den Jahren 2017 und 2018. Das Gericht soll nun deren Nichtigkeit feststellen, darauf hat der Insolvenzverwalter geklagt. Sollte Jaffé mit seiner Klage Erfolg haben, eröffnet ihm die Entscheidung den Weg, Schadensersatzansprüche anzumelden. Unter anderem könnte er von Aktionären die Rückzahlung von Dividenden verlangen, sollten diese von möglichen unrechtmäßigen Geschäften der Wirecard AG gewusst haben. Hier dürfte Jaffé vor allem Ex-CEO Markus Braun im Blick haben, der selbst acht Prozent der Wirecard-Aktien hielt und damit größter Einzelaktionär des Unternehmens war.

Fraglich ist nur, wie viel bei Braun noch zu holen sein wird. Sofern Jaffé überhaupt Ansprüche anmelden kann, wird er sich wohl in eine ganze Schar von Personen und Gesellschaften einreihen müssen, die ebenfalls Geld von Braun verlangen.

Schadensersatz von EY?

Durch das Verfahren könnte auch der Weg zu einem weiteren Akteur frei werden, nämlich EY. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hatte die nun angegriffenen Jahresabschlüsse testiert. Sollte nun das Gericht die Jahresabschlüsse für nichtig erklären, muss das zwar nicht unbedingt Ansprüche gegenüber den Prüfern begründen – denn diese könnten ja auch getäuscht worden sein. Sollten aber grobe Fehler nachgewiesen werden, könnte das die Argumentation von Anlegern stärken. Viele von ihnen haben die Prüfungsgesellschaft bereits ins Visier genommen – auch, weil sie im Vergleich zu Braun über deutlich tiefere Taschen verfügt.  

EY könnte dem Verfahren als Streithelfer aufseiten der Prozesspfleger beitreten, nachdem diese nun den Streit verkündet haben. Ob EY dem Verfahren beitritt, ist bisher nicht bekannt. Auf Klägerseite haben sich bereits verschiedene Aktionäre dem Rechtsstreit angeschlossen. (Michael Forst, Marc Chmielewski)

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