Zunächst hatte Ende November die Kern-GmbH Gienanth mit 520 Mitarbeitenden beim Amtsgericht Kaiserslautern ein Verfahren beantragt. Nach der Prüfung der Situation weiterer Gesellschaften weitete sich das Verfahren auch auf die beiden bayerischen Standorte Schwandorf und Kulmbach aus.
Betroffen sind nun am Hauptstandort Eisenberg zusätzlich die zentrale Managementeinheit Gienanth Group sowie die Vetriebsstruktur Gienanth Sales, in Schwandorf steht Fronberg Guss (150 Angestellte) im Fokus, in Kulmbach die Gienanth Zaigler MBA (rund 80 Beschäftigte). Alle Gehälter sind bis einschließlich Januar 2024 über das Insolvenzgeld abgesichert. Der Geschäftsbetrieb geht laut Sachwalter in vollem Umfang weiter. Ausgenommen von den Verfahren sind die Gesellschaften der Gruppe in Chemnitz sowie an den Standorten in Österreich (Steyr) und Tschechien (Kaplice).
In der Chemnitzer Gießerei hatte es im Juni einen Großbrand gegeben. In der Folge war die endgültige Schließung der Produktion dort kommuniziert worden. Das bedeutete laut Geschäftsleitung auch einen Rückschlag für die bereits laufenden Restrukturierungsbemühungen der gesamten Gruppe.
Als Grund für die schwierige Lage gibt das Unternehmen die Auswirkungen der Corona-Pandemie an. Lieferketten seien gestört und wichtige Einzelteile nur eingeschränkt verfügbar gewesen. Insbesondere die Gienanth-Kunden aus der Autoindustrie hätten wegen der mangelnden Verfügbarkeit von Halbleitern ihre Produktionen drosseln müssen und in der Folge weniger bei dem Zulieferer bestellt. Erhebliche Mehrbelastungen durch stark angestiegene Preise für Rohstoffe und Energie, insbesondere infolge des Krieges Russlands gegen die Ukraine, seien hinzugekommen. Zudem hätten die Sanktionen gegen Russland dazu geführt, dass die Produktionsstandorte Kulmbach und Schwandorf größere Aufträge aus dem Angreiferland nicht mehr ausführen konnten.
Gienanth ist ein Traditionsunternehmen mit Wurzeln bis 1795, als in Eisenberg das erste Hammerwerk gegründet wurde. Fronberg Guss, seit 2005 unter dem Dach von Gienanth, blickt in Schwandorf gar auf eine Historie seit 1449 zurück. Zaigler in Kulmbach, spezialisiert auf die Bearbeitung von Zylinderkurbelgehäusen für Großmotoren und von Gienanth 2020 erworben, weist eine nahezu 70-jährige Firmengeschichte auf. Die Gruppe setzt nach eigenen Angaben rund 300 Millionen Euro im Jahr um.
Berater Gienanth
Schultze & Braun (Mannheim): Dr. Jürgen Erbe (Generalbevollmächtigter), Detlef Specovius, Michael Böhner, Dr. Dirk Pehl (alle Insolvenzrecht), Alexander von Saenger (Arbeitsrecht)
Baker McKenzie (Frankfurt): Joachim Ponseck (Federführung); Prof. Dr. Artur Swierczok; Associate: Tim Hosgör (alle Insolvenzrecht)
Vorläufige Sachwaltung
Brinkmann & Partner (Frankfurt): Dr. Markus Plathner (Sachwalter), Christoph Enkler, Sebastian Netzel; Associate: Alexander Park (alle Insolvenzrecht)
Berater Bankenkonsortium
Taylor & Wessing (München): Dr. Hendrik Boss (Federführung; Insolvenzrecht) – aus dem Markt bekannt
Berater Lieferantenpool
Achsnick Pape Opp (Köln): Dr. Jan Achsnick (Federführung)
Hintergrund: Neben dem Gesamtgeneralbevollmächtigen Erbe agieren die Teammitglieder von Schultze & Braun in gleicher Funktion für einzelne Konzerngesellschaften. Erbe und Specovius beraten derzeit auch den insolventen schwäbischen Modekonzern Peter Hahn, wo zudem noch ein Frankfurter Team von White & Case um Dr. Andreas Kleinschmidt mandatiert ist.
Baker McKenzie um Partner Ponseck beriet die Gienanth-Gruppe schon bei den vorinsolvenzlichen Restrukturierungsbemühungen. Das Team fungiert weiterhin als Ansprechpartner, etwa für einen M&A-Prozess. Gegenüber dem insolventen schwäbischen Zulieferer Allgaier vertritt Ponseck derzeit dem Vernehmen nach die langjährige Baker McKenzie-Mandantin BMW, die von dem Göppinger Unternehmen beliefert wird.
Brinkmann-Partner Plathner sorgte jüngst mit seinem Einsatz beim Flughafen Hahn für Aufsehen, der im April nach Turbulenzen an den Trierer Immobilienentwickler Triwo ging. Große Aufgaben im Automotivebereich waren die Verfahren der Veritas-Gruppe oder der Neumayr Tektor-Gruppe, beide mit rund 4.000 Arbeitnehmern.
Nach Informationen aus dem Markt führen die Berater der Restrukturierungspraxis von Taylor Wessing um Partner Boss ihre vorinsolvenzliche Beratung des involvierten Bankenkonsortiums auch im Eigenverwaltungsverfahren fort, einschließlich der Vertretung im Gläubigerausschuss. Seitens der betroffenen Geldhäuser in Rheinland-Pfalz war die Kanzlei bereits 2021 im Zusammenhang mit der Dradura-Gruppe im Mandat gewesen.
Um die Konstituierung eines Lieferantenpools bemühen sich die Spezialisten von Achsnick Pape Opp. Die Einheit wird vielfach für die Durchsetzung von Gläubigerinteressen beauftragt. Ein marktbekanntes Mandat hinsichtlich eines Lieferantenpools betraf 2022 etwa den Düsseldorfer Hygienepapierhersteller Hakle. Zudem ist Namenspartner Achsnick derzeit Poolverwalter im Verfahren des Modehändlers Peter Hahn.