Der künftige Bayer-CEO Anderson war zuletzt Chef der Pharma-Sparte von Roche, die allein rund 33 Milliarden Schweizer Franken umsetzt. Davor leitete der studierte Chemieingenieur mit amerikanischen Wurzeln den US-Biotechkonzern Genentech.
Bayers aktueller CEO Baumann wird Ende Mai in den Ruhestand gehen. Bis dahin werde er eng mit Anderson zusammenarbeiten, um einen reibungslosen Übergang sicherzustellen, hieß es. Bayer war seit Mitte vergangenen Jahres auf der Suche nach einem Nachfolger. Denn die 2018 abgeschlossene Übernahme des US-Saatgutherstellers Monsanto für 63 Milliarden Dollar hängt dem Management nach.
Unzufriedene Aktionäre forderten den Wechsel
Mit dem Kauf hatten sich die Leverkusener teure Rechtsstreitigkeiten um angebliche Krebsrisiken des Unkrautvernichters Glyphosat ins Haus geholt. Im Jahr 2019 verweigerten die Aktionäre dem Vorstandschef auf der Hauptversammlung gar die Entlastung. Schon ein Jahr später stimmten mehr als 92 Prozent ihr wieder zu. Seit Mitte vergangenen Jahres war dann klar, dass Baumann keine Verlängerung seines Vertrags anstrebt, der eigentlich noch bis ins Jahr 2024 laufen sollte.
Druck machten auch immer wieder langfristig orientierte strategische Investoren wie der singapurische Staatsfonds Temasek. Der Fonds ist mit mehr als drei Prozent einer der größten Anteilseigner. Zuletzt mischten auch aktivistische angelsächsische Investoren wie der Fonds Inclusive Capital Partners von Jeff Ubben sowie Bluebell Capital mit.
Die Vorstandsvergütungen bei Bayer sind seit 2020 unter anderem an die Erreichung von ESG-Zielen geknüpft. Bei der Hauptversammlung im vergangenen Jahr votierten rund 75 Prozent der zugeschalteten Aktionäre gegen den vorgelegten Vergütungsbericht. Die kurzfristigen Boni waren dabei besonders umstritten und dürften nun nachjustiert werden.
Kandidatenschau lief über ein halbes Jahr
Unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg bereits im September berichtet, dass Aufsichtsratschef Prof. Dr. Norbert Winkeljohann bis zur Hauptversammlung im April 2023 einen neuen CEO-Kandidaten präsentieren will. Neben seinem Amt als Vorsitzender des Bayer-Aufsichtsrats ist Winkeljohann Vorsitzender des dortigen Personal- und Vergütungsausschusses. Diesem gehört beispielsweise auch der Jurist Dr. Paul Achleitner – langjährig Aufsichtsratchef der Deutschen Bank – an. Das Gremium dürfte das umfassende Auswahlverfahren für Baumanns Nachfolger mitgeprägt und so die Eckdaten für den Übergang bestimmt haben.
Berater Aufsichtsrat
Inhouse Recht (Leverkusen): Dr. Stephan Semrau (Head of Law Corporate)
Gleiss Lutz (Stuttgart): Prof. Dr. Michael Arnold (Federführung; Corporate), Prof. Dr. Martin Diller (Arbeitsrecht), Dr. Moritz Rudzio (Counsel), Dr. Silke Hoffmann (beide Corporate), Dr. Ricarda Zeh (Arbeitsrecht)
Berater Bill Anderson
Pusch Wahlig (Berlin): Dr. Falko Daub (Arbeitsrecht) – aus dem Markt bekannt
Humbert Heinzen Lerch (Zürich): André Lerch (Arbeitsrecht) – aus dem Markt bekannt
Berater Werner Baumann
Seitz (Köln): Prof. Dr. Thomas Kania, Dr. Andreas von Medem (beide Arbeitsrecht)
Hintergrund: Nach JUVE-Informationen übertrug der Bayer-Aufsichtsrat die rechtlichen Abstimmungen primär zwei leitenden Angestellten: Syndikus Semrau, der aktuell auch als Interims-General-Counsel der Bayer AG amtiert, war als Leiter Corporate Law schon in der Vergangenheit mit Vorstandsbestellungen befasst. Zudem wurde die Juristin Dr. Tamara Voigt in die Verhandlungen mit dem scheidenden und dem neuen Vorstandsmitglied eingebunden. Sie verantwortet in der Bayer-Personalabteilung die Pensionsthemen.
Winkeljohann, früher Vorstandvorsitzender von PricewaterhouseCoopers Europe, war bis 2018 Prüfungspartner bei Volkswagen. Möglicherweise kam darüber auch der engere Kontakt zu Gleiss Lutz zustande, die schon langjährig den Aufsichtsrat des Automobilkonzerns berät. Der erfahrene Gesellschaftsrechtler Arnold wurde zusammen mit Arbeitsrechtspartner Diller nun erstmals an der Seite von Bayers Kontrollgremium sichtbar.
Bayers aktueller CEO Baumann wandte sich wieder an das Seitz-Team, das ihn bereits in der Vergangenheit beraten hatte. Neben dem erfahrenen Partner Kania, der auch Unternehmen wie Morphosys und Zooplus zu seinen Mandanten zählt, war auch der Arbeitsrechtler von Medem involviert. Dieser war Anfang des Jahres mit zwei weiteren Arbeitsrechtlern in die Partnerschaft von Seitz aufgerückt.
Bayers künftiger CEO Anderson hatte hingegen laut Marktangaben ein deutsch-schweizerisches Beraterteam mandatiert, um gegebenenfalls Fragen zum Länderwechsel klären zu können. Dazu zählte nach JUVE-Informationen Pusch Wahlig-Partner Daub, der ebenfalls regelmäßig Führungskräfte berät. Pusch Wahlig arbeitet über das internationale arbeitsrechtliche Netzwerk L&E Global oft mit der Schweizer Einheit Humbert Heinzen Lerch zusammen. (mit Material von dpa)