Schon lange gab es nicht mehr eine so opulente Liste hochkarätiger Partnerwechsel wie in vergangenen zwölf Monaten. Namhafte US-Kanzleien wie Kirkland & Ellis und Latham & Watkins zogen gleich mehrere Zugpferde ihrer britischen Wettbewerber ab, um ihr Deutschlandgeschäft auszubauen. Die aus Boston stammende Goodwin & Procter schaffte unterdessen ihren Markteintritt hierzulande, indem sie ein vierköpfiges Partnerteam von der britischen Kanzlei Ashurst abzog, Greenberg Traurig eröffnete mit dem gesamten Berliner Team von Olswang. Weitere US-Sozietäten sondieren bereits den Markt und klopfen bei renommierten Partnern an. Bekannt ist, dass mindestens zwei US-Kanzleien schon länger großes Interesse auch an Deutschland haben.
Die Amerikaner haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Briten: Sie locken mit besseren Verdienstmöglichkeiten, mit Vergütungsstrukturen, die am individuellen Umsatz orientiert sind. Finanziert wird die Einkaufstour mit den beachtlichen Gewinnen, die die US-Kanzleien in ihrem Heimatmarkt erzielen. Dort sinkt die Zahl der Equity-Partner, um den Gewinn pro Partner hoch zu halten.
Das ist ein enormes Handicap für die Magic-Circle-Kanzleien, die wiederum daran interessiert sind, ihr Geschäft in den USA auszubauen. Allerdings können sie den US-Kanzleien auf ihrem Heimatmarkt nur dann Konkurrenz machen, wenn sie potenziellen Quereinsteigern an Ost- und Westküste Partnerentnahmen wie in US-Kanzleien bieten können. Dies ist nicht der einzige, aber ein wesentlicher Grund, warum die strukturellen Veränderungen der britischen Kanzleien nicht abreißen werden. Dazu gehört die Büroschließung von Freshfields in Köln ebenso wie die Überlegungen bei Linklaters und Allen & Overy, ihr Vergütungssystem zu flexibilisieren. Auch die zuletzt zu beobachtende Erhöhungsrunde bei den Associate-Gehältern ist Ausfluss dieses globalen Wettstreits: Wer die besten potenziellen Partner heranziehen und an sich binden will, wird auch die besten Berufseinsteiger von sich überzeugen müssen.
Mehr zum Wandel der Anwaltsbranche im Spannungsfeld von Kostendruck und Digitalisierung lesen Sie hier oder in dem soeben erschienen JUVE Handbuch 2016/2017.