Rechtsabteilungen

Tennet-Chefjurist: „Die Energiewende eröffnet neue Karrierechancen“

Seit anderthalb Jahren ist der frühere Hochtief-General-Counsel Carlo Ottaviano Chefjurist des Übertragungsnetzbetreibers Tennet. Das Unternehmen ist einer der Schlüsselakteure im Mammutprojekt Energiewende. Im JUVE-Interview berichtet Ottaviano, was das für seine Rechtsabteilung personell und organisatorisch bedeutet.

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Foto: Andreas Anhalt/Juve Verlag

JUVE: Die Energiewende ist enorm wichtig, vollzieht sich aber dennoch in Zeitlupe. Warum?

Carlo Ottaviano

Carlo Ottaviano: In Zeitlupe würde ich nicht sagen. Es ist ein Mammutprojekt, an dem eine extrem große Anzahl unterschiedlicher Akteure beteiligt ist. Akzeptanz spielt eine zentrale Rolle, und die politischen Weichen müssen richtig gestellt sein. Das zeigt schon den hohen Komplexitätsgrad. Beim Netzausbau sind es neben sehr zeitintensiven, aber extrem wichtigen Stakeholdergesprächen vor allem die Planungs- und Genehmigungszeiten, die viel Zeit kosten. Hier muss sich dringend etwas tun: Wir brauchen moderne, effiziente Planungs- und Genehmigungsverfahren. Perspektivisch sollte sich die Dauer der Planung der Dauer für die Realisierung eines Vorhabens annähern.

Was müsste geändert werden?

Stellschrauben gibt es genug, zum Beispiel Standardisierung im Bereich des Artenschutzes und die Optimierung der zweistufigen Zulassungsverfahren, etwa durch eine Beschränkung der Bundesfachplanung auf wenige komplexe Vorhaben oder auch eine engere Verzahnung zwischen Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren. Ich finde zudem, die für die Planung essenziellen Vorarbeiten sollten auch im Leitungsbau erleichtert werden. Eine entsprechende Praxis gibt es zum Beispiel im Fernstraßen- und auch im Eisenbahnrecht bereits. Nur beim Ausbau der für die Energiewende zentralen Energieleitungen hinkt man diesbezüglich hinterher.

Bedeutet der stockende Netzausbau, dass auch Ihre Rechtsabteilung eher ruhige Tage erlebt?

Im Gegenteil: Unsere Konzernrechtsabteilung hat alle Hände voll zu tun und wächst daher auch sehr dynamisch. Seit meinem Eintritt in das Unternehmen vor eineinhalb Jahren leite ich die Tennet-Rechtsgeschäfte in den Niederlanden und in Deutschland. In diesem Jahr wachsen wir von 38 auf 51 Beschäftigte. Von großer Bedeutung ist für uns dabei die Spezialisierung.

Inwiefern?

Früher arbeiteten in der Tennet-Rechtsabteilung vielleicht zehn Beschäftigte, die verschiedene Rechtsdisziplinen abdecken mussten. Heute sind wir wesentlich spezialisierter. Im Vergabe- und Vertragsrecht etwa unterscheiden wir mittlerweile zwischen On- und Offshore-Verfahren. Dies deckt sich auch mit den Wünschen vieler unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Sie haben damit die Chance, sich zu Experten in einzelnen Fachbereichen zu entwickeln.

Wie ist dieser Wandel zu erklären?

Nehmen Sie das Energierecht. Jedes Jahr gibt es zahlreiche rechtliche Änderungen, ganze Themenfelder werden mitunter neu geregelt. Da gibt es dann keine über Jahre gewachsene BGH-Rechtsprechung, sondern wir müssen Entscheidungen oft allein anhand des Gesetzeswortlauts oder Begründung des Gesetzgebers treffen. Da ist es hilfreich, wenn man Spezialistinnen und Spezialisten hat, die sich auf einzelne Bereiche fokussieren. Einfach ‚Energierecht‘ ist da als Fachgebiet schon sehr allgemein. Wir haben etwa Fachleute, die schwerpunktmäßig zum EEG beraten oder zum europäischen Energierecht.

Wie bauen Sie solche Teams auf?

Wir mischen Fachkräfte, die am Anfang ihrer Karriere stehen, mit gestandenen Juristinnen und Juristen. Deren entscheidende Kenntnisse liegen in der Rechtsberatung und der Streitbeilegung. Die Teams sollen nicht mehr als acht Beschäftigte umfassen. Anwaltskompetenzen sind wichtig, aber keine unabdingbare Voraussetzung für die Einstellung. Die erfahrenen Leute müssen in der Lage sein, neue Führungskräfte aufzubauen – denn die brauchen wir in Zukunft mehr denn je. Aus meiner Sicht reizvoll ist zudem, dass die juristische Arbeit immer interdisziplinärer und internationaler wird.

Sehen Sie Rechtsbereiche, die im Zuge der Energiewende an Bedeutung gewinnen?

Mehrere! Zum Beispiel wird das Umweltrecht im Kontext der Baurechtegewinnung immer wichtiger für uns. Und wie im Umweltrecht gewinnt auch im Energierecht die europäische Ebene weiter an Bedeutung. Darauf müssen wir uns auch mit Blick auf unsere externen Beraterinnen einstellen.

Welche Art von Kanzleien und Juristen wünschen Sie sich?

Natürlich brauchen wir Großkanzleien, die uns für einige Wochen auch mal größere Anwaltsteams zur Verfügung stellen können, um Spitzen etwa im Rahmen von Verhandlungen abzufangen. Wir brauchen aber auch kleinere spezialisierte Einheiten, also Boutiquen mit besonderer Expertise in bestimmten Fachbereichen. Und wir erwarten von den Kanzleien zunehmend kreative Beratungsangebote, die über die reine Rechtsberatung hinausgehen. Wir wünschen uns in der transformatorischen Phase der Energiewende externe Anwältinnen und Anwälte, die Ideen haben und Impulse geben. Darüber hinaus sollten sie strategische Partner sein, die sich mit uns zusammen in immer wieder neue Sachfragen eindenken.

Und wie sind Ihre Erfahrungen?

Einige scheinen die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Sie spüren, dass viele der aktuellen Rechtsstreitigkeiten technisch-juristisch getrieben sind, etwa im großvolumigen Anlagenbau, aber eben auch im Planungsrecht. Dort ist aus unserer Sicht etwa die Zusammenarbeit mit Biologen, Landschaftsplanern oder Architekten wünschenswert. In der aktuellen Situation erhält die Entwicklung neuer Beratungsangebote einen Schub, die über die reine Rechtsberatung hinausgehen. Wir begrüßen diese Entwicklung.

Das Interview stammt aus der aktuellen Ausgabe des JUVE Rechtsmarkt 03/2022.

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