Diversity

„Man muss die Menschen dort abholen, wo sie sich befinden“

Die internationale Inhouse-Juristenvereinigung Association of Corporate Counsel (ACC) hat eine eigene Studie über die Folgen der Corona-Pandemie herausgegeben, genauer: über die Auswirkungen auf Anwälte aus unterrepräsentierten Gruppen. Über die Studie ‚Pandemic Nation‘ sprach JUVE mit Jennifer Chen, Director der ACC Foundation, die die Forschungs-, Fortbildungs-, Diversity- und Pro-Bono-Initiativen der ACC umsetzt.

Teilen Sie unseren Beitrag
Jennifer Chen

JUVE: Würden Sie zu Beginn kurz die Zusammensetzung der Teilnehmer an Ihrer aktuellen Studie skizzieren?
Jen Chen: An der Umfrage haben 406 Personen teilgenommen, davon 95 Prozent aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien. 54 Prozent waren Unternehmensjuristen, 43 Prozent Anwälte in Kanzleien. Fast ein Drittel der Anwälte kam aus Kanzleien mit 101 bis 500 Berufsträgern. Es wurden keine Informationen dazu erhoben, zu welchen Branchen die Arbeitgeber der Unternehmensjuristen gehören. 

Welche Ergebnisse haben Sie am meisten überrascht, und warum?
Eine wichtige Erkenntnis für mich war, wie unterschiedlich die Menschen die Pandemie und die letzten 18 Monate erlebt haben, sowohl persönlich als auch beruflich. Dies unterscheidet sich teils deutlich je nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und anderen Parametern. Die Pandemie hatte zum Beispiel sehr unterschiedliche Auswirkungen für die verschiedenen Geschlechter – etwa bei der Anzahl der Arbeitsstunden, der Zusatzbelastung ohne Bezahlung oder zum Thema Kinderbetreuung –, was eng mit der Karriereperspektive zusammenhängt. Sehr unterschiedliche Antworten gab es je nach ethnischer Zugehörigkeit auch in Bezug auf Rassismus, Black Lives Matter oder Vorurteile gegen asiatischstämmige Menschen.

Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gezogen?
Die Ergebnisse waren für uns eine wichtige Erinnerung daran, konstruktiv und proaktiv zu denken. Arbeitgeber sollten versuchen, die Menschen und Mitarbeiter dort abzuholen, wo sie sich befinden, basierend auf ihren Erfahrungen in den vergangenen 18 Monaten und dem, was viele auch weiterhin in ihrem Umfeld erleben. Wir sollten versuchen, besser zu verstehen, mit welchen Herausforderungen und Stressfaktoren sie nach wie vor konfrontiert sind, und keine Vermutungen anstellen, sondern bereit sein, zuzuhören und angemessen zu reagieren.

Die meisten Teilnehmer Ihrer Umfrage kommen aus den USA. Inwieweit, glauben Sie, lassen sich diese Ergebnisse auch auf Deutschland und Europa übertragen?
Natürlich kennen die verschiedenen Formen der Diskriminierung keine Grenzen. Auch wenn sich die konkreten Zahlen vielleicht ein wenig ändern, bin ich überzeugt, dass die Lehren aus dieser Studie überall anwendbar sind. Es handelt sich um eine globale Pandemie, und die Menschen sind überall auf der Welt mit unterschiedlichen Formen der Diskriminierung konfrontiert. Deshalb sollten wir uns alle vor Augen führen, dass unsere Kollegen, Mitbewohner, Ehepartner oder andere Menschen in unserer Umgebung diese Pandemie vielleicht nicht nur anders erleben, sondern sich auch in ihrem persönlichen und beruflichen Leben täglich mit verschiedenen Formen der Diskriminierung, wie z.B. bezüglich ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, sexueller Ausrichtung oder Alter,  auseinandersetzen müssen.

Das Gespräch führte Johanna Heidrich.

Artikel teilen

Lesen sie mehr zum Thema