Artikel drucken
13.04.2011

Arcandor-Prozess: Görg muss Ansprüche neu berechnen

Der Arcandor-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg muss im Prozess gegen den früheren Konzernchef Thomas Middelhoff sowie zehn weitere Ex-Manager seine Schadensberechnungen neu aufbereiten. Das Landgericht Essen gab Görg in der Auftaktverhandlung zwei Monate Zeit, seine Klage umzuformulieren.

Wegen unrechtmäßiger Sale-and-lease-back-Geschäfte mit dem Oppenheim-Esch-Fonds hatte der Karstadt-Insolvenzverwalter 175 Millionen Euro Schadensersatz gefordert.

Michael Dolfen
Michael Dolfen

Görg hatte die Klage bereits im Sommer vergangenen Jahres eingereicht, um damit die mögliche Verjährung von Ansprüchen zu verhindern. Diese richtet sich gegen Middelhoff als früheren Vorstandsvorsitzenden von Arcandor sowie ehemalige Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder des mittlerweile insolventen Essener Konzerns. Die Beklagten sollen wirtschaftlich nachteilige Mietverträge für diverse Karstadtimmobilien abgeschlossen haben. Diese waren zunächst an den Oppenheim-Esch-Fonds veräußert und anschließend, so Görg, überteuert zurückgemietet worden. Görg wirft der Ex-Führungsriege vor, diese Verträge ohne die erforderliche rechtliche Prüfung abgeschlossen zu haben.

Arcandor hatte für seine Manager eine D&O-Versicherung abgeschlossen. Das Konsortium der Versicherer leitete die Allianz, die nun im Prozess als Streithelferin auf Beklagtenseite auftritt.

Den Auftakt vor der Handelskammer am LG Essen bildete heute ein mehrstündiger Erörterungstermin mit den Prozessvertretern. Das Gericht hatte weder das persönliche Erscheinen der Parteien angeordnet noch Zeugen geladen.

Middelhoff hatte im Vorfeld verlauten lassen, selbst Klage gegen Görg zu erheben. Der Manager sieht seinen Ruf geschädigt. Nach seiner Argumentation hat der Insolvenzverwalter entlastende Umstände verschwiegen und damit gegen seine prozessuale Wahrheitspflicht verstoßen.

Im Nachgang zur Arcandor-Insolvenz sieht sich Middelhoff gleich mehreren Verfahren ausgesetzt. Anfang dieses Jahres hatte ihn der Chefredakteur der Tageszeitung ‚Die Welt‘, Jan Peters, auf Zahlung von 50.000 Euro verklagt. Der Journalist sah sich als Privatanleger von Middelhoff und der Arcandor-Öffentlichkeitsarbeit getäuscht. Zudem hatte Insolvenzverwalter Görg im Februar eine weitere Klage gegen den Ex-Konzernchef und sieben frühere Gremiumsmitglieder wegen überzogener Bonuszahlungen eingereicht. Insgesamt 24 Millionen Euro will Görg zurückfordern, allein 15,9 Millionen Euro soll Middelhoff zahlen.

Vertreter Insolvenzverwalter Dr. Klaus Hubert Görg
Görg (Köln): Dr. Michael Dolfen (Federführung), Dr. Alexander Kessler, Dr. Klaus Felke, Corinna Struck (Berlin; alle Dispute Resolution), Dr. Helmut Balthasar, Hans-Gerd Jauch (beide Insolvenzverwaltung)

Vertreter Thomas Middelhoff
Schelling & Partner (Stuttgart): Dr. Winfried Holtermüller (Federführung; Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht); Associate: Dr. Moritz Weber (Gesellschaftsrecht)

Vertreter Christoph Achenbach
Röhrborn Biester Juli (Düsseldorf): Dr. Stefan Röhrborn – aus dem Markt bekannt

Vertreter Harald Pinger
Gleiss Lutz (München): Luidger Röckrath (Dispute Resolution) – aus dem Markt bekannt

Vertreter Helmut Merkel
SZA Schilling Zutt & Anschütz (Frankfurt): Dr. Stephan Brandes (Gesellschaftsrecht) – aus dem Markt bekannt

Vertreter Matthias Bellmann und Michael Stammler
P+P Pöllath + Partners (München): Dr. Wolfgang Grobecker (Federführung), Dr. Eva Nase; Associates: Dr. Bernd Graßl, Anna Kaßmann (alle Gesellschaftsrecht) – aus dem Markt bekannt

Vertreter Hero Brahms
Broich Bezzenberger (Frankfurt): Ferdinand von Rom (Gesellschaftsrecht; Dispute Resolution) – aus dem Markt bekannt

Vertreter Leo Herl
Beisse & Rath
(Nürnberg): Peter Rath (Gesellschaftsrecht)

Vertreter Manfred Pokriefke und Peter Karlow
Apitzsch Schmidt (Frankfurt): Prof. Dr. Marlene Schmidt (Arbeitsrecht) – aus dem Markt bekannt

Vertreter Hans Reichl
Barz Quilitzsch (Frankfurt): Michael Barz – aus dem Markt bekannt

Vertreter Allianz Global Corporate & Specialty – als D&O-Versicherer und Streithelferin
Bach Langheid & Dallmayr
(Köln): Bastian Finkel (D&O-Haftung) – aus dem Markt bekannt

Landgericht Essen, 1. Handelskammer
Regina Pohlmann (Vorsitzende Richterin)

Hintergrund: In dem Verfahren sind die beiden Hauptakteure unter den Prozessvertretern schon lange aktiv. Schelling-Partner Holtermüller hatte schon vor Monaten Position gegen Insolvenzverwalter Görg bezogen und eine Gegenklage angekündigt. Der Stuttgarter Gesellschaftsrechtler ist bereits in einigen größeren Verfahren aufgetreten, so etwa für das Schweizer Unternehmen Thermoselect gegen EnBW (mehr…) oder als Strafverteidiger in einer damals wegweisenden BGH-Entscheidung zum deliktischen Handeln von Vorständen (mehr…). In der Kommunikation unter den Beklagten soll Schelling eine wichtige Position einnehmen.

In dem jetzigen Verfahren greift Insolvenzverwalter Görg auf die kanzleieigene Prozessexpertise zurück.

Im Übrigen vertrauen die Beklagten auf ihre bewährten Anwälte: So gilt die Nürnberger Kanzlei Beisse & Rath als bevorzugte Beraterin von Madeleine Schickdanz, deren Ehemann Leo Herl hier verklagt ist. Auch Pöllath-Partner Grobecker hat Arcandor in der Vergangenheit beraten. In seiner früheren Kanzlei Hengeler Mueller begleitete er den Handels- und Touristikkonzern bei einem weitreichenden Verfahren zur Ausgabe von Wandelanleihen (mehr…). Ansonsten griff Arcandor immer wieder auf Freshfields Bruckhaus Deringer zurück.

Bach Langheid gehört zum kleinen Kreis von Kanzleien, welche die Industrieversicherersparte des Allianz-Konzerns vertritt. So ist bekannt, dass die D&O-Spezialisten die Allianz auch beim außergerichtlichen Vergleich mit Siemens und deren früheren Vorständen betreuen. In der MAN-Korruptionsaffäre tritt allerdings mit Friedrich Graf von Westphalen eine ebenfalls renommierte D&O-Praxis für die Allianz auf (mehr…). (Marcus Jung)

  • Teilen