Ukraine-Krieg

Anwälte stehen vor einem Berg an ungewohnten Aufgaben

Nach dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine zogen sich fast alle internationalen Kanzleien aus Russland zurück. In der Ukraine sind Kanzleien wie CMS Reich-Rohrwig Hainz, Taylor Wessing und Wolf Theiss jedoch viel direkter betroffen.

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Demonstration gegen den Krieg in der Ukraine am 10. April in Dresden. Foto: Raphael Arnold

Linklaters machte den Anfang und trennte sich nach dem russischen Angriff Ende Februar von seinem Moskauer Büro. Mitte März zogen die auch in Österreich vertretenen, internationalen Einheiten DLA Piper, CMS und schließlich Baker McKenzie nach. Auch Cerha Hempel schloss ihr Büro in Minsk. Die Kanzlei hatte schon länger geplant, sich von ihrem Standort in Weißrussland zu trennen und das Team bereits zuvor entsprechend verkleinert. Nach dem russischen Angriff war jedoch klar, dass der Betrieb bereits jetzt eingestellt wird.

Johannes Juranek

CMS Reich-Rohrwig Hainz, Taylor Wessing und Wolf Theiss standen ihrerseits vor der Herausforderung, die Mitarbeiter in den Büros in Kiew in Sicherheit bringen. „Die Mitarbeiterinnen und ihre Familien sind inzwischen sicher in Wien untergebracht. Je später sie sich auf den Weg Richtung Westen machten, desto schwieriger – und gefährlicher – war es, durchzukommen“, beschreibt Dr. Johannes Juranek, Managing-Partner von CMS RRH, die Situation seines Teams. Zwei der männlichen Kollegen hat die ukrainische Armee inzwischen eingezogen. Zu ihnen besteht regelmäßiger Kontakt.

Auch der CEE-Managing Partner von Taylor Wessing, Dr. Raimund Cancola, steht in täglichem Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen, die in der Ukraine geblieben sind. Nicht alle wollten – oder durften – das Land verlassen. Sie kümmern sich um ihre Familien, leisten zivilen Widerstand – und sind für ihre Mandanten da: Denn das Team arbeitet nun trotz allem aus unterschiedlichen Ländern heraus. Die Umstellung lief problemlos, weil die meisten bereits zuvor coronabedingt ins Homeoffice gewechselt waren.

Neue Perspektive gesucht

Nach einer ersten Phase des Eingewöhnens geht es nun auch darum, die Mitarbeiterinnen in die Teams einzugliedern und ihnen eine berufliche Perspektive zu bieten. „Die ukrainischen Kollegen und Kolleginnen sind international ausgebildet und bringen Transaktionserfahrung mit“, sagt Juranek. Zudem arbeitet das Team seit Kriegsbeginn remote und betreut die Anliegen ihrer Mandanten. Der Zugang zu allen Unterlagen war die ganze Zeit über gewährleistet, da die IT-Infrastruktur der Kanzlei, wie auch bei Taylor Wessing, in Wien angesiedelt ist.

Raimund Cancola

Ging es in den ersten Wochen vor allem um arbeitsrechtliche Themen, das Zurückholen von Mitarbeitern und Veränderungen in den Gesellschaftsstrukturen, kamen zuletzt vermehrt Anfragen von internationalen Finanzinstituten, Entwicklungsbanken und Spendenorganisationen. Auch das Klären von Force-majeur-Klauseln sowie die Verlegung ukrainischer Unternehmen nach Polen prägten zuletzt den Beratungsbedarf bei Mandanten.

Freiheit erhalten

Für manch einen mag es komisch klingen, sich mitten im Krieg in die Arbeit zu stürzen. Doch die Anwälte sind sich einig, dass die Arbeit ihnen auch einen Teil ihrer Freiheit erhält. So erklärt Cancola: „Ich finde es nahezu amoralisch, angesichts der momentanen Situation von ‚Business‘ zu sprechen, aber ich habe den Eindruck, dass es den ukrainischen Kollegen gerade sehr wichtig ist zu arbeiten. Das ist auch Ausdruck eines Freiheitsgedankens, sie wollen sich das nicht nehmen lassen.“ Ein Stück Normalität also und ein Bereich, in dem sie sich nicht einschränken müssen.

Timur Bondaryev

Zur Normalität gehört indes auch, dass man für seine Arbeit bezahlt wird. Viele Kanzleien gingen dabei in Vorleistung, um Flucht und Unterbringung zu finanzieren. Andere, vor allem rein ukrainische Einheiten, taten das Gleiche für ihre Mitarbeiter, können jedoch nicht garantieren, dass es über drei Monate hinaus noch ein Gehalt geben wird. „Ob wir auch danach für sie sorgen können, steht in den Sternen. Wir haben ja keinen Umsatz“, sagt etwa Dr. Timur Bondaryev, Managing-Partner der ukrainischen Kanzlei Arzinger.

Neue Mandanten unter der Lupe

Ihren Umgang mit russischen Mandanten prüfen derzeit alle Kanzleien, nicht nur diejenigen mit (ehemaligen) Standorten in Russland oder Weißrussland. Standesrechtlich dürfen sie laufende Mandate nicht abbrechen, auch wenn es sich um staatsnahe oder sanktionierte Unternehmen handelt. Aber die Entscheidung, welche neuen Mandanten angenommen werden, liegt – solange diese nicht auf der Sanktionsliste stehen – bei den Partnern. Für Juranek ist klar: „Ob wir russische Staatsbürger bzw. Unternehmen beraten, werden wir im Einzelfall entscheiden. Unsere Reputation steht dabei an erster Stelle. Fest steht, dass wir nicht für Unternehmen arbeiten, die den Krieg unterstützen und finanzieren.“

Das Moskauer CMS-Büro wird nun an die lokalen Partner übertragen. Sie werden künftig eigenständig entscheiden, welche Mandanten sie beraten und welche nicht.

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