Kiew

„Wir wollen unser Leben zurück“

Maria Orlyk (43) ist Managing-Partnerin des Kiewer Büros von CMS Reich-Rohrwig Hainz. Inzwischen in Sicherheit in Wien, hat sie eine lange, anstrengende und nicht gefahrenfreie Flucht hinter sich.

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JUVE: Wie haben Sie den Kriegsbeginn erlebt?

Maria Orlyk

Maria Orlyk: Zunächst habe ich die Explosionen gar nicht gehört, vermutlich, weil mein Haus so gut isoliert ist. Mein Nachbar hat mich angerufen und gesagt, dass der Krieg ausgebrochen ist. Auf den Straßen hat man sofort viele Autos gesehen. Ich bin dann direkt ins Büro, um ein letztes Mal zu prüfen, ob alles in Ordnung sei, bevor ich die Stadtmitte verlassen habe, um zu meiner Familie im Kiewer Umland zu fahren. Derzeit kommt man ohne Sondergenehmigung nicht mehr in das Viertel rund um den Regierungssitz. Nachdem die Mehrheit unseres Teams samt Familienmitgliedern die Westukraine erreicht hatte, haben wir sie weiter über die Grenze geschickt, wo sie von unseren CMS-Kollegen empfangen und versorgt wurden. Ein paar Tage später haben meine Kollegin Anna Pogrebna und ich unsere Familien auch Richtung Westen gebracht.

Wie haben Sie es geschafft, nach Wien zu kommen?

Eigentlich wollte ich die Ukraine über Lemberg verlassen, allerdings waren die Schlangen an der polnischen Grenze Anfang März so lang, dass man nicht weiterkam. Ich bin dann 16 Stunden durch die Karpaten und über die ungarische Grenze gefahren. Die meisten Menschen brauchen ungefähr eine Woche, um rauszukommen. Man kommt nur langsam voran, denn man muss die nächste Stadt immer vor der Sperrstunde erreichen. An Tankstellen wartet man in der Regel 1-2 Stunden. Die größte Herausforderung ist, eine Unterkunft für die Übernachtung zu finden.

Haben Sie Kontakt zu Ihren Kollegen in der Ukraine?

Ja, wir haben seit der ersten Stunde nach Kriegsausbruch regelmäßig Kontakt. Wir arbeiten ja auch nach wie vor als Team – allerdings von ganz verschiedenen Orten aus: Einige von der Westukraine aus, einige von Wien, aber auch von Deutschland und den Niederlanden aus.

Haben Sie damit gerechnet, dass es tatsächlich zu einem Angriff kommen würde?

Wir hatten bereits vor dem 24. Februar Vorkehrungen getroffen. Dokumente und Daten gesichert. Es lag ja in der Luft, dass etwas passiert. Aber mit einem Überfall in dieser Größenordnung hätte ich nicht gerechnet.

Was steht für Sie derzeit ganz oben auf der Prioritätenliste?

Ich wünsche mir nichts mehr, als dass es wieder Frieden in meinem Land gibt. Und dass meine Mitbürger, meine Familie, Freunde und Kollegen in Sicherheit sind – vor allem jene, die jetzt bei der Armee sind, um die Ukraine zu verteidigen. Natürlich wünsche ich mir auch, dass die ukrainische Wirtschaft stabil bleibt. Schließlich wollen wir weiter für unsere Mandanten und für unser Land arbeiten. Kurz: Wir wollen unser Leben zurück!

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