Wegweisend

Sieg von Summerer-Mandantin Pechstein erschüttert Sportgerichtsbarkeit

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  • JUVE

Es ist ein Urteil, das in der Sportgerichtsbarkeit einem Erdbeben gleichkommt: Das Münchner Oberlandesgericht hat die Schadensersatzklage der Eisschnelläuferin Claudia Pechstein gegen den Eislauf Weltverband ISU angenommen.

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Summerer_Thomas
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Es erklärte die 2009 getroffene Schiedsvereinbarung Pechsteins mit der ISU für unwirksam und erkennt die vom Internationalen Sportgerichtshof CAS bestätigte zweijährige Sperre Pechsteins wegen Dopings nicht an. Das Urteil greift damit die bisherige Unantastbarkeit des CAS an und erschüttert die gesamte Sportgerichtsbarkeit in ihren Grundfesten. Der Weltverband ISU kündigte umgehend an, vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Revision zu gehen.

Ausgangspunkt des Falls ist eine zweijährige Dopingsperre Pechsteins aus dem Jahr 2009. Die ISU hatte die fünfmalige Olympiasiegerin auf Basis lediglich ungewöhnlicher Blutwerte gesperrt. Wissenschaftler bescheinigten Pechstein später eine vererbte Blutanomalie. Andere Experten wiederum bezweifelten, dass die als Erklärung für die hohen Werte ausreicht.

Der CAS in Lausanne folgte dem ISU-Urteil, daraufhin entschied sich Pechstein für den Weg vor der ordentlichen Gerichtsbarkeit und verklagte die ISU auf 4,4 Millionen Euro Schadensersatz. Das Landgericht München wies die Klage zunächst zurück und erkannte das CAS-Urteil an, stellte aber dennoch die Sportgerichtsbarkeit infrage. Daraufhin zog Pechstein vor das OLG, das sich in einer Verhandlung im vergangenen November klar positionierte und die Alleinstellung der Verbände in Sachen Sportgerichtsbarkeit schwer rügte. Die jetzige Entscheidung war daher absehbar.

Sollte der BGH das Urteil bestätigen, wäre der CAS nicht mehr die alleine entscheidende Instanz im Sport, deutsche Sportler dürften im Streitfall mit einem Verband auch vor ein ordentliches Gericht ziehen. Pechsteins Fall würde dann an das OLG zurückverwiesen und der Fall neu aufgerollt. Erst dann kann auch über das mögliche Doping von Pechstein und ihre Schadensersatzforderung entschieden werden. Das Urteil kann eine Revolution im Sportrecht auslösen, die in ihrer Dimension dem Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 1995 gleichkommt. Der EuGH entschied damals im Fall des belgischen Fußballprofis Jean-Marc Bosman, dass Fußballer der Europäischen Union nach Ende des Vertrages ablösefrei wechseln dürfen.

Vertreter Claudia Pechstein
Nachmann (München): Dr. Thomas Summerer
Dr. Christian Krähe (Konstanz)
Schertz Bergmann (Berlin): Simon Bergmann

Vertreter ISU
Martens (München): Dr. Dirk-Reiner Martens, Christian Keidel

Oberlandesgericht München, Kartellsenat
Rainer Zwirlein (Vorsitzender Richter)

Hintergrund: Nachmann-Partner Summerer, der in seiner Karriere unter anderem die Rechtsabteilung der Deutschen Fußball-Liga aufbaute, gehört zu den bekanntesten Sportrechtsexperten hierzulande und hat auch in größeren Schadensersatzprozessen Erfahrung. Zunächst stand Pechsteins langjähriger Berater Bergmann ihr im Streit mit der ISU zur Seite: Der Berliner ist vor allem für seine persönlichkeits- und presserechtliche Arbeit bekannt. Vor dem CAS mandatierte Pechstein dann zusätzlich den Konstanzer Anwalt Krähe. Erst 2013 kam Summerer dazu, der in der Folge auch nach außen die federführende Rolle unter den Beratern übernahm.

 Auf der Gegenseite steht mit Martens ein nicht minder bekannter und angesehener Sportrechtler. Er war an mehr als 100 Verfahren vor dem CAS beteiligt, zumeist als Schiedsrichter, und war als einziger Deutscher mehrfach vor dem Ad-hoc-Schiedsgericht während der Olympischen Spiele dabei. Er gehört dem CAS selbst an und war dort gestern ebenfalls vor Ort eingebunden. Daher war bei der gestrigen Urteilsverkündung am OLG München sein Kollege Christian Keilde vor Ort. (René Bender)

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