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27.06.2016

700 Millionen: KPMG wehrt sich mit Allen & Overy gegen Klagen zur P+S-Pleite

Die Beratungsgesellschaft KPMG sieht sich im Zusammenhang mit der Pleite der P+S-Werften mit Forderungen in Höhe von fast 700 Millionen Euro konfrontiert. Wie jetzt bekannt wurde, fordert der Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann wegen vermeintlich fehlerhafter Sanierungsgutachten mehr als 500 Millionen Euro von KPMG. Außerdem verlangt der frühere P+S-Gesellschafter, die Hegemann-Gruppe, in dem Zusammenhang rund 160 Millionen Euro Schadensersatz von KPMG.

Marc Zimmerling

Marc Zimmerling

Die Summe, die Insolvenzverwalter Brinkmann von KPMG fordert, geht aus einem Gläubiger-Zwischenbericht hervor. Die Klage selbst ist bereits seit dem vergangenen Jahr am Landgericht Hamburg anhängig, genauso wie die Klage der ehemaligen Eigentümer der P+S-Werften, der Hegemann-Gruppe. KPMG hat beantragt, die Klage abzuweisen. Die Frist zur Klageerwiderung läuft noch bis Mitte September, deshalb rechnet Brinkmann in diesem Jahr nicht mehr mit einem Verhandlungstermin.

Der Werftenverbund P+S-Werften aus Stralsund und Wolgast war 2010 nach einem Zusammenschluss der Volkswerft Stralsund und der Peene-Werft entstanden. Knapp zwei Jahre später meldete das hochverschuldete Unternehmen mit über 1.750 Mitarbeitern Zahlungsunfähigkeit an.

KPMG war 2009 beauftragt worden, den wirtschaftlichen Zustand der Werften zu prüfen. Damals attestierten die Berater dem Unternehmen, es sei sanierungsfähig, worauf die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern weitere Unterstützungsmaßnahmen in die Wege leitete. Ab 2010 stand die Werftengruppe unter Verwaltung der Treuhandgesellschaft HSW, nachdem der bisherige Alleineigentümer Detlef Hegemann auf Druck von Land, Bund und Banken die Geschäftsführung dorthin übertragen hatte.

Er wirft den KPMG-Gutachtern nun vor, das Sanierungsgutachten sei fehlerhaft und damit auch verantwortlich für die massive Überschuldung der Werften. Das Land Mecklenburg-Vorpommern erlitt Bürgschaftsausfälle von rund 270 Millionen Euro, Insolvenzverwalter Brinkmann fürchtet Medienberichten zufolge Verluste von insgesamt „weit, weit mehr“ als 500 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft Rostock ermittelt wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung gegen zwei ehemalige Vorstandsmitglieder.

Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann

Vertreter Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann
Noerr: Dr. Thomas Hoffmann, Dr. Ingo Theusinger (beide Corporate/Restrukturierung; Frankfurt), Christine Volohonsky (Düsseldorf), Dr. Philipp Göz (München; beide Litigation)
Achsnick Pape Opp (Köln)

Vertreter Hegemann
Schultze & Braun
Kubicki & Schöler (Kiel): Wolfgang Kubicki

Vertreter KPMG
Allen & Overy (Frankfurt): Dr. Marc Zimmerling

Vertreter ehemalige Geschäftsführer
Bock Legal (Frankfurt): Stefan Bank, Associate: Dr. Matthias Achenbach

Landgericht Hamburg: Nicht bekannt

Hintergrund: Die Vertreter sind alle aus dem Markt bekannt.

Stefan Bank

Stefan Bank

Um die Pleite des Werftenverbundes P+S ranken sich inzwischen zahlreiche Klagen, Widerklagen, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und ein Untersuchungsausschuss des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern. Im Mittelpunkt steht dabei meist Insolvenzverwalter Brinkmann, dessen Kanzlei sich seit 2012 durch unzählige Akten und Tausende von Mails gearbeitet hat. Brinkmann führt einzelne Anfechtungsklagen selbst durch, beispielsweise die gegen die Hegemann-Gruppe. Für den Großkomplex KPMG hat er sich die Hilfe der Noerr-Partner Hoffmann, Leiter der Praxisgruppe Corporate Refinancing, Restructuring & Rescue, und der Prozessexpertin Voholonsky geholt. Volohonsky, die die Federführung für die Prozessführung inne hat, ist spezialisiert auf Großprozesse und verhalf beispielsweise der Stadt Leipzig vor dem High Court in London zum Sieg, nachdem die Stadt wegen riskanter Finanzwetten von der UBS auf Schadensersatz verklagt worden war. In Fragen zur Organhaftung gegen ehemalige Geschäftsführungsmitglieder der Werften hat Brinkmann dem Vernehmen nach die Kölner Kanzlei Achsnick Pape Opp an seine Seite geholt, die 2013 aus Himmelsbach Achsnick hervorging.

KPMG wehrt die Klage mit Allen & Overy-Partner Zimmerling ab. Er ist für die Beratungsfirma auch in Sachen Arcandor unterwegs, dessen Insolvenzverwalter Hans-Gerd Jauch von Görg sowohl KPMG als auch BDO auf Schadensersatz verklagt hat wegen vermeintlicher Fehler in einem Sanierungsgutachten und der Bilanzierung. Für BDO ist in der Sache Stefan Bank an Bord, Partner bei Bock Legal in Frankfurt, der ebenfalls am Werftenkomplex beteiligt ist. Hier vertritt er die ehemaligen Geschäftsführer der P+S-Werften in diversen D&O-Verfahren.

Banks Mandanten gewannen beispielsweise im März den Prozess gegen zahlreiche ehemalige Arbeitnehmer der Werften abschließend vor dem Bundesarbeitsgericht. Die Ex-Mitarbeiter hatten nach der Pleite 3,8 Millionen Euro Altersteilzeitkapital verloren. Sie hatten vor Gericht geltend gemacht, die Alterssicherung sei nicht ausreichend gegen eine Insolvenz abgesichert gewesen.

Für die strafrechtlichen Ermittlungen haben sich zwei ehemalige Vorstandsmitglieder Hilfe bei den Strafverteidigern von Krause & Kollegen geholt, nach JUVE-Informationen sind Dr. Daniel Krause und Prof. Dr. Carsten Wegner im Mandat. (Christiane Schiffer)

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