München

Strafverfahren gegen drei Ex-Chefs von Wirecard beginnt

Zweieinhalb Jahre nach der Wirecard-Pleite hat vor dem Münchner Landgericht der Strafprozess um den mutmaßlich größten Betrugsfall in Deutschland seit 1945 begonnen.

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Der frühere Wirecard-Vorstandschef Markus Braun (Mitte) zwischen seinen Anwälten Alfred Dierlamm (links) und Nico Werning im Gerichtssaal.

Mit 45-minütiger Verspätung eröffnete der Vorsitzende Richter Markus Födisch heute das Großverfahren gegen den früheren Vorstandschef Markus Braun und seine zwei Mitangeklagten.

Die Staatsanwaltschaft wirft Braun vor, mit seinen Komplizen in der Chefetage des Unternehmens eine Betrügerbande gebildet, Bilanzen gefälscht und die Kreditgeber um 3,1 Milliarden Euro geprellt zu haben. Die Kammer hat über 100 Verhandlungstage bis ins Jahr 2024 angesetzt.

Allein die Verlesung des 89-seitigen Anklagesatzes in dem unterirdischen Hochsicherheitstrakt neben der JVA Stadelheim sollte heute geschätzt fünf Stunden dauern. Ex-Vorstandschef Braun hatte die Vorwürfe vor Prozessbeginn in einer gemeinsam mit seinen Verteidigern erarbeiteten Stellungnahme bestritten. Braun will an den angeklagten Taten nicht beteiligt gewesen sein und gibt an, er sei selbst Opfer krimineller Machenschaften in seinem Unternehmen.

Opfer oder Verantwortlicher?

Alfred Dierlamm

Als Brauns Widerpart und Kronzeuge der Anklage wird voraussichtlich Oliver Bellenhaus auftreten, der ehemalige Geschäftsführer der Wirecard-Tochtergesellschaft in Dubai. Vor der Insolvenz des Konzerns im Sommer 2020 hatte der Vorstand eingeräumt, dass Erlöse in Höhe von 1,9 Milliarden Euro unauffindbar waren, die aus Geschäften mit Partnerfirmen stammen sollten und angeblich auf Treuhandkonten in Südostasien verbucht waren. Ein großer Teil dieses Geschäfts mit Partnerfirmen lief über Dubai.

Neben Braun und Bellenhaus ist außerdem der ehemalige Bilanzchef von Wirecard angeklagt. Als Einziehungsbeteiligte sind drei Gesellschaften aus Singapur, OCAP, Ruprecht Ltd und Senjo Group, Teil des Strafverfahrens.

Vertreter Markus Braun
Dierlamm (Wiesbaden): Prof. Dr. Alfred Dierlamm; Associate: Sarah Moritz (beide Wirtschaftsstrafrecht)
Witting Contzen & Kollegen (München): Nico Werning (Wirtschaftsstrafrecht) 
Nesselhauf (Hamburg): Dr. Stephanie Vendt (Presserecht)

Nicolas Frühsorger

Vertreter Oliver Bellenhaus
Frühsorger Mühlberger (München): Dr. Nicolas Frühsorger (Wirtschaftsstrafrecht)
Dr. Eder & Coll (München): Prof. Dr. Florian Eder (Wirtschaftsstrafrecht)
Melchers (Heidelberg): Dr. Norbert Stegemann (Wirtschaftsstrafrecht)
Brost Claßen (Köln): Dr. Lucas Brost (Medienrecht)

Vertreter Ex-Wirecard-Chefbuchhalter
Stetter (München): Dr. Sabine Stetter; Associate: Stephanie Kamp (beide Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter OCAP
Burgert Krötz (München): Dr. Vincent Burgert (Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter Ruprecht
Dr. Maria Miluscheva (München) (Wirtschaftsstrafrecht)

Vertreter Senjo
Bink und Ottmann: Gerhard Bink (Wirtschaftsstrafrecht)

Sabine Stetter

Landgericht München I, 4. Strafkammer 
Markus Födisch (Vorsitzender Richter)

Staatsanwaltschaft München I
Matthias Bühring (Oberstaatsanwalt)

Hintergrund: Brauns Vertreter und die des Ex-Chefbuchhalters sind bereits länger in ihren Mandaten und bekannt. Dierlamm, Witting Contzen, Stetter, Frühsorger Mühlberger und Eder etwa sind bereits seit dem Sommer 2020, also seit dem Beginn des Insolvenzverfahrens, im Mandat.

Brost verstärkt Bellenhaus‘ Verteidigung als medienrechtlicher Vertreter. Stegemann waren bisher in dieser Sache ebenfalls noch nicht an Frühsorgers Seite in Erscheinung getreten. Der routinierte Melchers-Partner ist regelmäßig mit Durchsuchungen, internen Ermittlungen und Compliance-Themen befasst. (mit Material von dpa)

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